Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Ein Roman aus dieser und jener Welt
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 14 (sequence 3)
- Language
- German
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14 M E N O R A H T X.OOF-HUTTE"N TEE,ST DE3L10DE3T. DAS LAUBHÜTTENFEST Holländischer Stich unbekannter Herkuift aus den Sammlungen il. Ges. zur Hrf. jiid. Kunstdenkm. Frankfurt a. M. schwamm ihr Bild immer mehr in seiner Erinnerung. Da geschah es, daß Judith eines Tages mit ihrem Vater nach Kossow kam, und nach zwei Jahren sahen sich die Verlobten wieder. Elieser war jetzt zum Jüngling herangewachsen und Judith war nicht mehr das kleine Mädchen, das ihm einst versprochen worden war. Sie zählte jetzt sechzehn Jahre und war schön und klug. Elieser empfand eine unbeschreibliche Seligkeit, wenn er in ihrer Nähe weilte. Ein Blick von ihr ließ ihn in Verzückung geraten. Wie sah sie zu ihm auf, wenn er ihr von seinen Studien und Plänen erzählte, wie folgte sie seinem Gedankengang. Warm stieg es in ihm auf, wenn sie ihm zuhörte, wie schön war es, wenn er ihre samtweiche Hand berühren durfte. Und Elieser entbrannte in heftiger Liebe zu Judith. Jahre lagen vielleicht noch zwischen ihrer Vereinigung, aber sie war seine Braut, sie war sein, sein! Und Elieser gab ihr den Namen aller Frauen, die in den heiligen Büchern mit Bewunderung genannt werden. Doch nach einigen Wochen reiste Judith wieder in ihre Heimat und Elieser verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihr. Wer der Zeit befehlen könnte! Wie viele Monate trennten ihn noch von einer Vereinigung mit Judith. Es hieß warten, warten, und die Monate, die Wochen und Tage zählen. Immer sah er ihre großen schwarzen Augen auf sich gerichtet. Halbe Nächte lag er wach und malte sich ihr Bild aus. Sie würde ihm eine Freundin werden, der er alles, was sein Inneres erfüllt, mitteilen würde, und niemand würde ihn wie sie verstehen. „Judith, meine Braut, mein wirst du, ganz mein", sagte er sich oft. Er wollte sie als sein Weib umarmen, wollte sie besitzen. Er war nun ein Mann und Judith gehörte ihm. Der Gedanke, daß er sie besitzen werde, verlieh ihm die Kraft, zu lernen und zu warten. Da trat ein Ereignis ein, das seine Wünsche der Erfüllung nahebrachte. Reb Joel sollte eine Geschäftsreise nach Danzig unternehmen und viele Monate in der Fremde bleiben. Er kam daher zu Gitel und sprach: „Eine weite Reise steht mir bevor und ich will mein Kind nicht allein zurücklassen. Darum bitte ich Euch, daß wir vor meiner Abreise unsere Kinder verheiraten." Gitel war mit dem Vorschlag einverstanden und so wurde die Hochzeit für den Sabbat nach Pfingsten festgesetzt. XIV. Bald darauf kam Reb Joel mit Judith und seinen nächsten Anverwandten nach Kossow, um die Vorbereitungen zur Hochzeit zu treffen. Elieser fühlte sich jetzt sehr glücklich. Nie mehr würde Judith von seiner Seite weichen. Das sagte er sich oft. Reb Joel mietete für das Hochzeitsfest alle Räume der großen Herberge in Kossow und der Tag der Vermählung Judiths sollte ein Fest für das ganze Städtchen bilden. Für die Armen war besonders gesorgt. Alle sollten bewirtet werden und Geldgeschenke erhalten. Es war eine Hochzeit, von der man noch nach Jahrzehnten sprechen sollte. Brennende Fackeln wurden dem Paare vorangetragen und die ganze Stadt folgte dem Hochzeitszug zum Bethaus. Die Musik spielte und aus den Fenstern winkten die Frauen und Mädchen mit ihren Tüchern. Vor dem Bethaus wurde das Paar mit Weizenkörnern beworfen und der Kossower Rabbi traute das Paar unter freiem Himmel. Dann bewegte sich der Zug in das Hochzeitshaus. Nach dem Festmahl wurden die Zimmer ausgeräumt und es begann der Tanz. In einem Saal hüpften die Chassidim, froh und ausgelassen, in einem anderen tanzten die Frauen und Mädchen und die Musik spielte rührende Weisen. Es war eine Hochzeit, die viele Fremde heranlockte, und das Haus war umstellt vom Volk, das den Klängen der Geigen lauschte. Da, ein Aufschrei, ein Frauengekreisch. Die Tanzenden hielten inne und wurden zu einem Knäuel. Schreien und Hilferufe erfüllten den Frauensaal und jäh verstummte die Musik. Eine brennende Kerze war zu Boden gefallen und das Kleid einer Frau in Flammen geraten. Funken sprühten umher, hier brannte das Spitzentuch einer Frau, dort eine Schleppe, und bald war der ganze Frauensaal voll Rauch und Flammen. Vor den Türen staute sich der Knäuel der Frauen und es gelang den Männern nicht rasch genug, die Türen einzuschlagen, so konnte nur ein Teil der Frauen durch die Fenster gerettet werden. Es war eine Hochzeit, von der man noch nach Jahrzehnten sprechen sollte, denn ungeheuer war das Unglück, das dem Feste folgte. Die Herberge war aus Brettern und Balken, aus Stroh und Lehm gezimmert und brannte bald lichterloh an allen vier Enden. Elieser wurde hart getroffen, denn sowohl seine Mutter als auch seine Braut fanden in den Flammen den Tod. Er zerriß seine Kleider und setzte sich vor den Trümmerhaufen hin, um seine Lieben zu betrauern. Mit Gewalt mußte man ihm Speise reichen, denn sein Sinn war nach diesem Schlag nicht mehr von dieser Welt. Weinend sprach ihm Reb Joel, der selbst tief trauerte, Trost zu. „Sei mein Sohn", sprach er. „Ich will dir jeden Wunsch erfüllen." Viele fromme Männer suchten Elieser auf, um ihn zu trösten. Der Rabbi von Kossow trat zu ihm und sprach: „Niemand kann dir sagen, warum dich diese Strafe ereilte. Wer weiß, ob du nicht für ganz Israel diesen Schlag erleidest. Trage es im Vertrauen zu Gott und verzweifle nicht." So sprach der weise Mann und auch der Gedankengang Eliesers war der gleiche. Als die sieben Trauertage vorüber waren, erhob sich Elieser von der Erde und schnitt sich einen Stab von den Weiden am Bache. Da sagte Reb Joel zu ihm: „Mein Haus sei fortan das deinige, denn mein Eidam bleibst du." Doch Elieser erwiderte: „Es zieht mich fort von hier." Da trat Naftali zu ihm und sprach: „Du bedarfst jetzt eines Freundes, Elieser. Darf ich mit dir gehen?" Da widersprach Elieser nicht und die Freunde machten sich auf und wanderten gemeinsam in die Ferne. Sie gingen Tag um Tag ohne Ziel. ^Fortsetzung folgt.)