Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Ferdinand Lassalle
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
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24 MENORAH Wissen, das den Wissensreichsten noch in Staunen versetzt, und eine Fülle tiefer, selbstgedachter Gedanken. Ein Vielwisser ist selten ein Selbstdenker (ich glaube, Schopenhauer sagt es irgendwo), Lassalle war beides; eine Reihe von Briefen würde es beweisen, wenn es nicht schon durch seine früheren Schriften bewiesen wäre. Worüber er auch schreiben mag, sei es über Mosaismus und Talmud oder über das Wesen des Judentums und des Christentums, über Philosophie der Liebe oder über Ehe und Häuslichkeit, über die Industrie und den Industriestaat oder über den Geist der Revolution in der Reformation — immer weiß er Triftiges, Tiefes, Eigenständiges zu sagen, immer ist in seinen Ausführungen jüdischer Scharfsinn mit deutscher Gründlichkeit gepaart. Geradezu talmudistisch ist die Art, wie er in seinen geschichtsphilosophischcn Betrachtungen den ganzen Hegel mit Fichte als Zugabe durchrüttelt und durchschüttelt, freilich nicht ohne etwas von dem Seinigen hinzuzufügen. Dagegen ganz er selbst, ein echter Lassalle, leidenschaftlich und selbstbewußt, trotzig und eigenwillig, übereifrig und unbeugsam, ist er in den Episteln, in denen er Menschenrecht und Menschenwürde verteidigt. Den jungen Lassalle mit seiner ungebändigten Kraft und seiner bis zur Rücksichtslosigkeit gesteigerten Leidenschaftlichkeit lernen wir erst aus seinen Liebesbriefen kennen. Die Liebesbriefe Lassalles fand man in c'nem besonderen Umschlag in dem schriftlichen Nachlaß, der im Besitze der Gräfin Sophie von Hatzfeldt war. Es sind siedendheiße Briefe an genannte und ungenannte Mädchen und Frauen; sie zeigen uns einen Casanova in der Gelehrtcntoga, einen Mann von stürmischem Temperament und berückender Geistigkeit, einen jungen Stürmer, der kein Entsagen kennt und immer und überall seinen Willen durchsetzen zu müssen glaubt. Wir gewinnen Einblick in das Licbesleben eines glutvollen Herzens, und wir lernen es begreifen, wie dieser Mann der Tat mitten in seinen großzügigen Volksbeglückungsplänen in einem dummen Licbeshandel tragUch enden konnte. Aber alle diese Mädchen und Frauen spielten nur Episodenrollen im Leben Lassalles; in seinem Kämpferdasein gingen ihre Spuren rasch verloren. Einflußreich wirkte auf die Entwicklung seines Lebens nur eine Frau: die Gräfin Sophie von Hatzfeldt. Carlyle lobt es an der Kadijah, daß sie zu einer Zeit, da Mohammed noch von niemand erkannt und anerkannt war, an die Sendung des Propheten geglaubt hat. Eine gläubige, auf die Zukunft Vorschuß gewährende Kadiiah war die Gräfin Hatzfeldt dem Ferdinand Lassalle. Als diese zwei Menschen Anfang 1846 durch Vermittlung des Grafen Kayserlingk zum erstenmal bekannt wurden, da war Ferdinand Lassalle ein einundzwanzig]ähriger Student und die Gräfin Hatzfeldt eine an Leib und Seele aufgeblühte Dame von einundvierzig Jahren. Schon im ersten Augenblick fühlten sie sich beide schicksalhaft verbunden und zu Weggenossen bestimmt. Hat der junge Lassalle die Frau geliebt, die dem Alter nach seine Mutter hätte sein können? Hat die im reifsten Alter stehende Gräfin den jungen Studenten geliebt, der jünger war als ihr ältester Sohn? Das sind Fragen, die eigentlich nie restlos werden gelöst werden können und deren Lösung zur psychologischen Erfassung dieser zwei gleichgestimmten Seelen nicht sonderlich von Belang wäre. Gleich erheblich und gleich merkwürdig ist lediglich die Tatsache, daß der junge Lassalle sofort, ohne Schwanken und ohne Zaudern, wie ein Ritter mit Haltung, Leidenschaft und Kampfesmut für seine Dame eintrat. Die Gräfin stand damals in ihrem aufreibenden Kampfe gegen ihren Gatten, den Grafen Edmund von Hatzfeldt-Kinsweilcr, ganz allein; da nahm Lassalle ihre Angelegenheit „in seine starke, aber junge Hand" und schwor der Bedrängten, „für sie zu kämpfen bis zum Tode". Die Gräfin aber glaubte an ihn und glaubte seinem Versprechen. Dutzende von Prozessen führte er für sie, er verlor einen Prozeß nach dem andern; sie aber fühlte sich nie enttäuscht und war nicht den Bruchteil einer Minute an ihm irre geworden. Erst nach jahrelangen Kämpfen erreichte Lassalle sein Ziel; er siegte für die Gräfin. Aber hätte er auch auf der ganzen Linie verloren, sie hätte nie und nimmer aufgehört, an ihn voller Gläubigkeit zu glauben. Aus hohen und reinen Motiven, denen sicherlich auch „erdenhafte Impulse" beigemischt waren, nahm sich Lassalle der Sache der Gräfin an; der Rechtsstreit der Gräfin war ihm der erste Anlaß, seine „Gegensätzlichkeit gegen die heutige Welt an den Tag zu legen". Ich bin der Ansicht nicht, daß der außerordentliche Rechtsstreit den Revolutionär Lassalle angezogen habe; ich glaube vielmehr, daß dieser Rechtsstreit erst den ganzen Revolutionär in Lassalle geweckt hat. Lassalle als revolutionärer Vorkämpfer ist eine einmalige herrliche Erscheinung. Nicht gering ist die Zahl jüdischer Männer, die im Laufe der Geschichte bald hier, bald dort den Kampf um Recht, Freiheit und soziale Gerechtigkeit führten. Indes, in der Galerie der modernen Freiheitskämpfer beansprucht Lassalle eine gesonderte Stellung, denn in den gemeinsamen Rahmen läßt sich sein Bild schwer einfügen. Jene kämpften aus einer gewissen Erbitterung heraus; man kann sagen, aus der Empörung gegen das Unrecht, das sie selbst erlitten, erwuchs ihr Rechtsgefühl, das sie aufs Kampffeld trieb. Lassalle jedoch führte den Kampf aus bewußter Erkenntnis dessen, was nottat. Dieser Mann, der ein kühler Denker war und dabei seine Seele in die hellen Gluten der Begeisterung tauchen konnte, hatte seine Sache einzig auf die Rechtsidee gestellt. Aus der Rechtsidec flössen alle seine revolutionären Werke und Taten. Sein Rechtsbewußtsein trieb ihn in die politische Arena. Die ununterbrochene Kampfcslinie, von der berühmten Assisenrede bis zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereines, zeigt kontinuierlich das Fortschreiten zur immer klareren Erkenntnis der erstrebten Ziele. Und diese Klarheit der Erkenntnis bewirkte es, daß Ferdinand Lassallc, trotz aller Hingerissenheit in seinem Kampf ums Recht, sich nie ins Unrecht setzte, was bei anderen Agitatoren selten der Fall ist. Freund und Feind mußten denn auch den Adel seiner Gesinnung und die Ehrlichkeit seines Charakters anerkennen. Und seinen Ehrgeiz, der gewaltig war, wog die Fähigkeit auf, sich einer Sache ganz hinzugeben. Nie war der Agitator allein, immer auch der Denker, der Rechtsgelehrte, der Wissenschaftler Lassalle auf dem Kampfplatz. Er war der Wissenschaft wie dem Leben treu ergeben; er suchte die Wissenschaft mit dem warmen Odem des Lebens zu durchdringen, um das Leben durch die Wissenschaft neu gestalten zu können. Alles Wissen sollte dem tätigen Leben dienen. Selbst das Wort suchte er in die Sphäre der Tat hinüberzuleiten, indem er dem Worte eine Begeisterung weckende und Tat zeugende Kraft verlieh. Die Arbeitskraft Lassalles war in der Tat etwas Wunderbares. Alle Bitternisse eines Kämpferdascins, die er durchkostete, die vielen Kriminalprozesse, in die er verwickelt wurde, die Inhaftierungen und Gefängnisstrafen, die ihm oft auf Monate Luft und Freiheit raubten, vermochten seinen Tatendrang und seine Arbeitskraft nicht zu mindern. In der spanisch-jüdischen Glanzzeit konnte man Rabbiner sehen, die im Nebenberuf Ärzte und im Hauptberuf Minister waren und zwischendurch Bibelkommentare und philosophische Werke schrieben. Ein ähnlich vielseitiger Mann war Ferdinand Lassalle. Zwischen zwei Inhaftierungen, sozusagen in der Freiheitspause, die zwischen der einen Gefängnisstrafe und der anderen lag, schrieb er „Die Philosophie Herakleitos' des Dunkeln von Ephesos" und „Das System der erworbenen Rechte", zwei große Werke, die in der Gelehrtenwelt Aufsehen machten; und zwischendurch auch noch den „Franz von Sickingen", ein politisches Tendenzstück von geschichtsphilosophischer Struktur. Lassallcs starkes Wollen vermochte dies alles zu vollbringen. Wort und Tat entsprangen seinem mächtigen Willen, dem die im Wege stehenden Hindernisse nur da waren, um sie zu überwinden, dem die aufgerichteten Schranken nur dazu dienten, um sich darüber hinwegzusetzen. Und wie alle Großen, nahm er Siege und Niederlagen, Erfolge und Enttäuschungen mit dem Gleichmut eines Schicksalsgcbundenen und Willensfrcien hin. Aber auch Lassalles unvergleichliche Kraftnatur vermochte nicht dauernd der Zeit zu trotzen. Nach vielen Kampfesjahren zeigten sich auch bei ihm Spuren der Ermüdung. Dazu gesellte sich eine heimliche Resignation, da der Gang der geschichtlichen Ereignisse nicht jenes Tempo anschlug, das sein der Zeit vorauseilender Geist erwartet hatte. In stiller Wehmut erkannte er, daß seine großen Erfolge weit hinter seinen riesengroßen Erwartungen zurückblieben. In jenen Tagen — es war im Juli 1864 — ffhlte auch Lassallc das Bedürfnis, sich aus dem Kampfgcwühle in eine stille Einsamkeit zu retten. Er suchte Erholung auf dem Rigi. Da trat ihm hier das Verhängnis in der Gestalt der goldlockigen Helene von Dönniges entgegen. Helene von Dönniges, die Tochter des Historikers und bayerischen Diplomaten Wilhelm von Dönniges, war die Verlobte Ferdinand Lassallcs aus eigenem Willen; sie war aber zugleich die Verlobte eines „maurischen Prinzen", des Walachen Janko von Racowitza, weil der Wille ihres gestrengen Vaters über ihr waltete. Helene war bereit, ihren Willen mit aller Gewalt gegen den ihres Vaters durchzusetzen, wenn nur ihr „Adler" Mut genug besäße, sie auf seinen mächtigen Schwingen siegessicher in ferne Lande zu tragen. Lassalle war damit zufrieden und plante in der Tat, falls Vaters Trotz und Mutters Hochmut ihm sein Herzlieb weigern sollten, eine Flucht mit seinem enfant du diable, wie er Helene nannte, nach Ägypten oder Indien. Für kurze