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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Ferdinand Lassalle
Date
1924-08-01
Page
Seite 23 (sequence 1)
Language
German
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MENORAH 23 S. MEISELS / FERDINAND LASSALLE Wenn wir das Leben Ferdinand Lassalles überblicken, die fast durchgangig aufsteigende Linie seiner Entwicklung verfolgen, so lernen wir eine Persönlichkeit kennen, in der sich wunderbar und oft auch wunderlich die ungleichartigsten seelischen Anlagen zur festgefügten Einheit zusammenschließen. So weitschichtig dieses Original uns auch erscheint, sein Grundtext (wenn man so sagen darf) ist dennoch leicht faßlich und für jedermann lesbar. Dieser berühmte Volksmann ist tatsächlich volksbekannt, sozusagen jedermann zugänglich., und sein äußeres wie inneres Leben erscheint, trotz seiner Vcrwickcltheiten und dunkeln Abgründe, vor aller Welt aufgeschlossen. Wort und Sinn und Kraft und Tat, aus diesen vier Elementen, innig gesellt, setzt sich das Leben Ferdinand Lassalles zusammen. Bei ihm wird aller Worte Sinn in die Energie der Tal umgewandelt. Bei ihm ist jede Tat aus der Klarheit des Gedankens geboren. Im Leben Lassalles schließen sich wie Kettenglieder abwechselnd Gedanken und Taten ineinander; und die Gedanken sind erhaben und die Taten groß und streben gemeinsam erhabenen, großen Zielen entgegen. Dieser schürfende, nimmer ruhende, immer regsame Geist berührt sich in seiner Denkweise mit den alten Rabbinern, deren Scharfsinn Berge zu versetzen vermochte; indes als Tatmensch steht dieser Gheltostämmling für sich, als ein Mann von historischem Wuchs und elementarer Wucht. Ohne Beziehung betrachtet, ist Ferdinand Lassallc eine Gestalt von glitzernder Leuchtkraft, ein Geist voll zündender Funken, ein Judenkopf voll fruchtbarer Gedanken, ein Tatmensch mit gewaltigem Machtwillen, ein Kämpfer voll Kühnheit und Entschlossenheit und ein Träumer voll edler, menschheitsbeglückender Ideale. Ferdinand Lassallc war der letzte große Träumer des Ghettos, ein edler Träumer, der eine neue, messianische Zeit heraufführen, der ein Beglücker des Volkes werden wollte. Sein ganzes reiches Leben, von seiner frühesten Jugend bis zu dem verhängnisvollen Schuß im Gehölz zu Carrouge, war von diesem Traum und zugleich von dem Bestreben erfüllt, den schönen Traumgedanken in einer aus Lethargie und Stumpfheit erwachten Welt zu verwirklichen. Allen großen Ghettoträumern eignet ein starker Sinn fürs Reale; ihre Träume sind Wunschgedanken, die aus einem Wissen um kommende Dinge herrühren. Schon die Jugendträumc Lassallcs waren keine Phantastereien, sondern vorausgeahnte Wirklichkeiten der Zukunft. Aus einer aufgefundenen Tagebuchaufzeichnung des jungen Lassalle ist zu ersehen, daß der Knabe Ferdinand, als er noch im besten Sinn ein echter und rechter Judenjunge war, zunächst nur den schönen Traum von der Rückkehr der Juden ins Judenland geträumt hat. Er wußte sich für seinen früh erwachten Talendrang und seinen jugendlich ungestümen Machtwillen nichts Höheres, als ein Führer der Juden zu werden, ein neuer Scrubabel, der seine Volksgenossen ins Vätcrland zurückführt. Dieser Jugendtraum Lassalles offenbart uns einen mit Wirklichkeitssinn begabten Ghettoträumer, der geschichtliche Notwendigkeiten vorauszuahnen vermochte. Es lag vielleicht weniger an Lassalle selbst, als an den damaligen Zcitverhällnisscn, daß er nicht ein halbes Jahrhundert vor Herzl ein Theodor Herzl mit revolutionärem Einschlag geworden war. Jedenfalls ist das erwähnte Tagcbuchblatt ein wertvolles Beweisstück, daß das Elternhaus Lassalles noch ein Judenhaus war, in dem unter Umständen auch jüdische Ideale hätten aufkeimen können. Das Haus des reichen jüdischen Seidenhändlers Lassal in Breslau, worin Ferdinand Lasallc am 11. April 1825 geboren wurde, war ein Haus, in dem noch mancher jüdische Brauch nach Altväterweise geübt, in dem vor allem der alte jüdische Familiensinn gehegt und gepflegt wurde. In seinem Elternhause scheint Lassalle ein Enfant gäte, ein Licblingssöhnchen gewesen zu sein, dem man alles gewährte, was nx wollte und wünschte. Die Liebe, die ihn da umgab, lohnte er mit Liebe. Der hervorstechendste jüdische Wesenszug an Lassalle war seine Kindes- und Bruderliebe; er war ein überaus zärtlicher Sohn und liebender Bruder. In seinen Briefen spricht er öfter von den „angebeteten Eltern" und von dem „goldenen Rikchcn", seiner einzigen Schwester. In der Weihnachtswochc 1840 eilt der Leipziger Handelsschüler Ferdinand Lassallc nach Breslau, um die Silberhochzeit seiner Eltern mitzufeiern. Nach Leipzig zurückgekehrt, schreibt er an seine Eltern: „Vor einigen Tagen noch in Breslau in dem Hause meiner angebeteten Eltern, wo ich aus den Armen meines geliebten Vaters in die meiner zärtlichen Mutter und von dieser an den Hals meiner liebenswürdigen Schwester flog, wo ich nur L'cbe atmete und nur Liebe mich umfing — und j"t/l wieder hier in den .Regionen des Hasses', wo man das Wort auf die Wagschale legt, ehe man es ausspricht, wo man die Blicke bewacht! Wenn ich zurückdenke und alles, Avas ich bisher erlebt, Revue passieren lasse, so finde ich, daß ich noch nie acht so glückliche Tage verlebt habe." Ein andermal bedauert er, daß er die Pessachtagc nicht im f arnilienkrcise verbringen kann: „Es ist das erstemal, daß ich den Zcider (so schreibt Lassalle, statt ,Seder') nicht in meinem väterlichen Hause hören kann. Ob Dein (des Vaters), ob meiner guten Mutter Blick nicht einmal auf der Stelle weilen wird, wo früher Euer geliebtes Jüngel saß." Man könnte noch viele solche Biicfstellen zitieren, die uns das tiefe, echt jüdisch innige Verhältnis zwischen Lassalle und seinen Eltern vor Augen führen. Die Briefe Lassalles, die erst in unseren Tagen, fünfzig Jahre nach dem Tode des großen Volkstribuns, von Gustav Mayer aus der Versenkung gehoben wurden, lassen das Charakterbild Lassalles in seiner ganzen äußeren Vielfalt und inneren Geschlossenheit deutlich hervortreten. Lassalle, den Denker, den Philosophen, den Rechtsgelehrten, den Politiker, den Agitator, den Volksbcglückcr, den Dichter — kurz, alle jene Lassallcs, die in dem großen einen Lassallc steckten, lernen wir aus diesen Briefen kennen. Sie bieten ein Vielfaches an Lehrreichem und Interessantem. Man findet darin temperamentvolle Ergüsse, die aus einem heißen Herzen hervorsprudeln, schwungvolle Gefühlsausdrücke, wirksam durch ihre Echtheit und Wärme, ein vielerlei v^V^w* JSE&tfs^Ssr - V# . "i* Ii■ *i' l^g/V' FERDINAND LASSALLE i einer Zeichnung von J. Steinhardt aus dem Huclie Konrad Haenisch : »Lassalle' (.Verlag Franz Schneider, Berlin)-

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