Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Ferdinand Lassalle
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 25 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 25 Eine S ammlung von Briefen und Porträts berühmter Juden Zeit trennten sich indes ihre Wege, und der Fluchtplan kam nicht zur Ausführung. Nun kamen sie auf dem Rigi wieder zusammen, und beide fühlten, daß jetzt die Stunde Entscheidung von ihnen heischte. Aber jetzt wollte Lassallc von einer Flucht nichts mehr wissen. Sein Stolz bäumte sich auf gegen diesen Plan. Ferdinand Lassallc stand damals im Zenit seines Ruhmes: ein Leben voller Kämpfe und Siege lag hinter ihm. Und jetzt sollte er, der nouveau Mirabcau, von einem Adel von gestern sich abweisen lassen? Ein bayerischer Diplomat, der durch Empfehlungen von Ranke Karriere machte, sollte es wagen dürfen, ihm, dem durch eigene Kraft groß Gewordenen, die Hand seiner Tochter zu weigern? Helenens Mutter, selbst der Sprößling einer Berliner jüdischen Familie, sollte an dem Juden Lassalle zu mäkeln haben? Nein! Offen wollte er kämpfen um das Recht seiner Liebe. Dieser offene Kampf um das Recht seiner Liebe hatte Ferdinand Lassalle den Weg vom Erhabenen zum Lächerlichen geführt. Der Held, der sonst den schwierigsten Situationen gewachsen war, benahm sich jetzt wie ein von allen guten Geistern verlassener Heißsporn. Der Kampf Lassales um „seine" Helene artete zusehends in eine wenig geschmackvolle Abenteuerei aus. Er trommelte seine Freunde herbei und erbat ihren Beistand. Er bürdete dem Obersten Rüstow eine Vermittlerrolle auf. Er schrieb zärtliche und drohende Briefe an Helene. Er suchte durch den Minister Schrenk, den Vorgesetzten Wilhelms von Dönnigcs, einen Druck auf Helenens Vater auszuüben. Er ließ den Bischof Ketteier in Mainz um seine Intervention bitten. Kurz, er setzte Himmel und Hölle in Bewegung. Das Ergebnis war, daß Helene dem Druck ihrer Eltern nachgab und Lassalle einen Absagebrief schrieb. Diesen Absagebrief empfand Lassalle als schmähliche Niederlage. Er schäumte vor Wut. Er schimpfte mündlich und beleidigte schriftlich und provozierte eine Forderung von Helenens „offiziellem" Verlobten, In einem Duell im Gehölz zu Carrouge wurde Ferdinand Lassalle von der Kugel des harmlosen und winzigen Janko von Racowitza tödlich verwundet. Einige Tage später starb er an den Folgen dieser Verwundung. Auch das war Judenschicksal. An den Simsonen rächt es sich immer, wenn sie mit fremden Delilas anbandeln. Durch eine Delila hat das ruhmvolle und tatenreichc Leben des forschenden, denkenden, kämpfenden und maßlos liebenden Ferdinand Lassalle ein etwas groteskes Ende gefunden. Man muß dabei unwillkürlich an das denken, was Goethe das Dämonische in der Natur nennt: „Es ist nicht göttlich, denn es scheint unvernünftig, nicht menschlich, denn es hat keinen Verstand; es gleicht dem Zufall, denn es beweist keine Folge, es ähnelt der Vorsehung, denn es deutet auf Zusammenhang; es scheint mit notwendigen Elementen unseres Daseins willkürlich zu schalten." Im Leben tritt uns dieses Dämonische als jenes Geheimnisvolle entgegen, das unser Schicksal wird und dem wir nicht entrinnen können; es mag sich Delila, Helene oder anders nennen! — Der Streiter und Denker Ferdinand Lassalle hat auf dem jüdischen Friedhof seiner Vaterstadt Breslau seine letzte Ruhestätte gefunden. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sic zeichneten mich durch die Aufforderung aus, über meine Sammlung zu schreiben. Wissen Sic aber, wie leidig und subjektivschwer es für jeden gewissenhaften Menschen sein muß, sine studio et ira über eine Sache zu schreiben, die er selbst und allein gemacht hat? — Sine sludio, das heißt hier, die Wichtigkeit einer Sache nicht zu übertreiben, an der er mit warmem Herzen hängt und auf die er durch sechsundzwanzig Jahre eine überaus große Menge geistiger, seelischer und materieller Energie aufgewendet hat. Sine ira, das ist, den Leser nicht mit dem Ausdruck von Zorn und Ärger über all diejenigen zu belästigen, die dem Sammler mit Rücksicht auf den Sammclzweck mithelfen sollten, konnten und doch nicht wollten. Vielleicht wird aber das Persönliche am besten zurückgestellt und über Gegenstand, Wesen und Zweck der Sammlung am besten berichtet sein, wenn ich hier den Aufruf wiedergebe, den ich auf dem letzten Zionistcngrcß in Karlsbad verbreitet, wo ich eine Auswahl meiner Sammlung zum Zwecke der Propaganda ausgestellt hatte und von der viele behaupten, daß sie Aufsehen erregt habe. Der Aufruf lautete: „Seit vielen Jahren wird an der Anlage einer Sammlung von Origin albriefen und von Porträts berühmter Persönlichkeiten jüdischer Herkunft gearbeitet, die später in den Besitz des Jüdischen Nationalnmseiinm in Palästina übergehen wird. Diese Sammlung, die bereits zirka 2600 Nummern umfaßt, enthält unter anderem O r i g in a I b r i c f c von: Abrahamowicz (Mendele Michael Sforim), Achad Haam, Adler Rabbi Nathan, Auerbach Rabbi Zwi Benjamin. Azulai Ch. I. D., Barnay Ludwig, Bcrnays Jakob und Michael, Lord Bcaconsfield, Berdiczewski, Bernhardt Sarah, Bendavid Lazarus, Bialik. Börne, Brahm Otto, Brann M„ Brenner, Cassel David, Cologna Abraham de, Crcmicux, Einslein Albert, Emin (Schnitzer) Pascha, Eigtr Rabbi Akiba, Rabbi Eliahu Gaon von Wilna, Eisner Kurt, Freud Prof. Sicgmund, Feldmann Wilhelm, Geiger Abraham, Gottlieb Moritz, Gorclon Jehuda Leib und Aron David, Grätz Heinrich, Leo und Paul, Gutmacher Rabbi Elijahu, Haber Prof. Fritz, Fleine Heinrich und Salamon, Herz Henriette und Marcus, Herzl, Hildesheimer Asricl, Hirschenberg Samuel und Leo, Hubermann, Janin, Joachim Josef, Israels Josef, Kompert. Klüger Rabbi Schlomoh, Lampronti Rabbi Jizchak, Landauer Gustav, L'Arronge Adolf, Lassallc, Liebcrmann Max, Lifschütz Rabbi Israel, Lombroso, Luzzatti Luigi, Luzzato Sch. D., Mahler Gustav, Manin Daniele, Mannheimer Noe. Marx Carl, Mendelssohn Moses, Abraham, Josef, Flenriette und Dorothea sowie Mendelssohn-Bartholdy und Mensel Fanny, Rabbi Mehl von Przemyslany, Mcycrbeer und seine Brüder Michael und Wilhelm, Mohilewer Rabbi Samuel. Nathanson Rabbi Josef Saul, Naquet Alfred, Weisser Albert, Neander, Nordau, Ornstcin Rabbi Jakob, Mordechai Zew und Hirsch, Pissaro Camille, Politzer, Rapaport Rabbi S. L. (Prag). Rapaport Rabbi Chaim Cohen, Rachel (Elisa Felix), Rathenau, Romberg Prof., Rubinstein Anton, Schnitzler Artur und Prof. Johann, Sintzheim David, Sforno Rabbi Owadja, Spektor Rabbi Jizchak Elchanan, Slonimski, Smolcnsky, Sonnen fels, Soiinenthal, Steinschneider, Unger, Varnhagen Rahel von. Weiß Eisig Hirsch, Weininger Otto, „Wölwale Zbarazer", Zederbaum, Zunz Leopold, Zuntz Prof. Nathan usw. usw. Gesammelt werden Briefe (eventuell auch nur Karten, Zettel und dergleichen) von Juden, lebenden und verstorbenen (auch getauften und Judenstämmlingen), die auf irgendeinem Gebiete des m e n s-c h 1 i c h c n Könnens und Wissens, innerhalb oder außerhalb des Judentums, irgen clcinc Bedeutung (auch zweit e n u n d dritten Ranges) erlangt haben. Also von Gelehrten, Künstlern aller Art, Schriftstellern, Erfindern, Rabbinern, Wunderrabbis, Politikern, Industriellen, V inanzmännern. Philanthropen, Führern der Haskalah, des Zionismus, Sozialismus und andere Bewegungen usw. usw. Ebenso werden gesammelt Porträts solcher Persönlichkeiten und Medaillen auf solche. Wie jeder Einzclniensch, dem das Gefühl un/.erernonicller Pietät nicht fremd ist, wohl gerne das Bild und die Schriftzüge einer ihm werten, lieben Person fixiert und erhalten wissen will, so muß es für jeden, der zu den Großen seines Volkes ein Verhältnis von herzlich-intimer Verehrung hat, von Reiz und Wert sein, die Gesichts- und Schriftzüge dieser Menschen — das Intimste und Persönlichste, das von ihnen zurückbleibt — zu kennen und für die Dauer und kommende Generationen aufbewahrt zu wissen. Abgesehen davon, bildet die Zusammenfassung und Schaustellung einer solchen — natürlich: möglichst vollständigen — Sammlung gleichsam einen nach außen und innen wirkenden Pantheon dei bedeutenden Persönlichkeiten der betredenden Nation: sehet, Diese haben wir hervorgebracht! Und neben dem Tempel der Verehrung findet sich eine Ecke, worin das Andenken jener gewahrt werden soll, welche die Gemeinschaft ihres Volkes verlassen haben. Auch s i e gehören unserer Geschichte an und zu unserem Anteil an der Kultur der Welt. Wer also dergleichen Briefe, Porträts und Medaillen besitzt, wird gebeten, sie möglichst bald dieser Sammlung zu übergeben und andere Besitzer dazu zu veranlassen, in der Erwägung, daß ein einzelner Brief im Besitze eines Privaten wenig bedeutet und sehr oft verloren geht — in dieser Sammlung aber das Glied eines großen Ganzen bildet und mit treuer Sorgfalt behütet wird." So hat der Aufruf gelautet. * * * Von der spezifisch-jüdischen Seite aus möchte ich im Anschlüsse an den obigen Aufruf diese Zeilen nicht als harmlos-gemütliche Plauderei geschrieben haben, die den Leser leichtlich und duselig unterhalten soll, die niemanden an so unangenehme Vorstellungen wie Pflicht und Säumnis gemahnt und die manchem Glaubens- oder Stammes- oder Gesinnungsgenossen kostenlos das schmatzend-stolze Gefühl bringt (das ich ihm herzlich mißgönne): „Auch wir haben eine nationale Handschriftensammlung, wie es die Franzosen, Deutschen, Polen und dergleichen haben!" Nein! Mögen diese Worte ein verstärkter, dringender Ruf nach Mitinteresse, Mithilfe, Mitarbeit sein! Die Sammlung ist noch weit, weit von Vollständigkeit. Es fehlt eine Unzahl von Namen, von großen, mittleren und kleinen. Sic müßte vervielfacht werden, um repräsentativ zu sein. Jetzt ist sie nur repräsentabel. Ich habe, wie gesagt, durch sechsundzwanzig Jahre ohne jede Mithilfe, ohne jede Publizität (abgesehen von einigen Zeitungsnotizen im Jahre 1920), ohne jede Prätention, den Grund zu dieser Sammlung gelegt und ein bedeutendes Gerippe aufgerichtet. Erst mit der Ausstellung in Karlsbad habe ich mich „an die breite Ölfentlichkeit gewendet", wie man das so nennt. — Wird dies der Sammlung wesentlichen Nutzen bringen? Werden sich warm Interessierte, werden sich freudig ausdauernde Mitarbeiter finden? Dr. Amahatn Schwadron*). Zloczöw (Polen), im Juli 1924. *) An diese Adresse werden alle Zuschriften und Zusendungen erbeten. Alle Auskünfte werden bereitwilligst erteilt. Gegebenenfalls werden wichtige Stücke auch angekauft oder Dubletten getauscht.