Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 17 (sequence 2)
- Language
- German
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M E N O R A H 17 Seele kommt in den Körper des Kindes. Dann hat die Seele Gelegenheit, durch gute Werke die Sünden des früheren Menschendaseins gutzumachen und Verdienste zu sammeln, um nach dem Tode der Erlösung teilhaftig zu werden." Todesstille herrschte in der Stube, und die Knaben horchten gespannt auf jedes Wort des Lehrers. Der Rabbi schwieg eine Weile und fuhr dann fort: „Manchmal können wir im Gesicht eines Menschen seine Tierähnlichkeit finden. Diese Ähnlichkeit zeigt uns, daß dieser Mensch eine Seelenwanderung durchgemacht hat, und wir können feststellen, in welchem Tiere seine Seele gewohnt hat." Der Lehrer erhob sich, nahm ein Buch aus dem Schrank und vertiefte sich darin eine Zeitlang. Dann fragte er, vom Buch aufblickend: „Warum weint ein Kind, wenn es zur Welt kommt?" Und er gab sich selbst die Antwort: „Weil es ungern jene Welt verläßt. Der Midrasch erzählt: Der Geist des Kindes spricht zum Engel: Laß mich hier, wo es mir wohlgefällt. Ich habe keine Lust, in eine andere Welt zu kommen. Der Engel aber erwidert: Die Welt, in die ich dich einführe, ist schön. Wider deinen Willen bist du im Mutterleib gebildet worden und wider deinen Willen sollst du geboren werden. Und das Kind muß seiner Bestimmung folgen. Wenn es geboren wird, schlägt ihn der Engel unter seine Nase und löscht das Licht aus, das über seinem Kopfe war. Da verschwindet eine jede Erinnerung an sein früheres Dasein, und vom Schlage erhält jeder Mensch ein Zeichen zwischen Nase und Lippen. Darum kann sich niemand erinnern, was vor der Geburt mit ihm vorgegangen ist." Langsam kam die Dämmerung und hüllte alles ein. Die Kinder hielten den Atem an, damit ihnen kein Wort des Lehrers entgehe. Der Rabbi fuhr fort: „Zuweilen kommt es aber vor, daß der Engel vergißt, dem Kinde den Schlag zu versetzen, und ein solcher Mensch trägt dann kein Zeichen auf der Oberlippe. Er kann sich dann an gewisse Begebenheiten aus seinem früheren Leben erinnern." Der Rabbi blätterte in dem Buche und sagte dann: „Ihr seht, viele Geheimnisse knüpfen sich an die Geburt des Menschen. Es heißt, daß der Engel den Geist des neugeborenen Kindes oft aus dem Mutterleib entführt und ihm jeden Ort in unserer Welt zeigt, den es einst betreten wird und wo es sterben wird. Im voraus macht er den Menschen mit seinen späteren Schicksalen bekannt." „Wozu das alles? Laß mich, wo ich bin", bittet der Geist des Kindes wieder. „Es muß sein", erwidert der Engel. „Was dir bestimmt ist, mußt du auf dich nehmen. Du wirst wieder in die Welt, die du nur ungern verläßt, zurückkehren." Es war Zeil zum Minchagebet, und der Rabbi schloß seinen Vortrag mit den Worten: „Hütet euch vor den Leiden des Gilgul*). Man muß immer Gutes tun! Dann kann man hoffen, nach dem Tode zur Ruhe zu kommen. Es genügt eine schlechte Tat, um unsere Seele nach dem Tode einer endlosen Pein auszusetzen. Darum meidet das Böse." Als sich der Rabbi entfernt hatte, saßen die Knaben im Gedanken versunken; dann sagte ein Junge: „Wer weiß, ob wir nicht auch Seelenwanderungen durchgemacht haben?" „Tritt ans Fenster", rief ein anderer aus. „Wir wollen sehen, ob in deinem Gesicht eine Ähnlichkeit mit einem Tiere zu finden ist." Von allen Seiten betrachteten die Knaben das Gesicht des Jungen, ohne in seinen Zügen etwas Besonderes zu finden. Ein zweiter Junge trat vor. Auch er wurde genau gemustert. Da rief ein Knabe: „Seht nur seine Hakennase, die scharfen Augen und die langen, knochigen Hände. An wen erinnert er euch?" Schweigen, alle musterten den Knaben genau. „An ein Raubtier", schrie ein Junge, und die anderen stimmten ihm bei. *) Gilgul rr Scelenwandcrung. Martha Wulff Frankfurt a. M. HAGAR UND ISMAEL „Hat er nicht mit einem Adler Ähnlichkeit?" rief der erste Junge. „Ja, ein Adler, ein Adler", riefen jetzt die anderen und drängten sich um den Knaben. „Also hat deine Seele einmal auf dem Berggipfel im Körper eines Adlers gewohnt", sprach der erste Junge ernst. „Tritt jetzt zur Seite." Der Knabe nahm wieder seinen Platz ein, und das Spiel wurde fortgesetzt. Bei einem Jungen fanden sie eine Ähnlichkeit mit einem Mops, bei einem anderen mit einem Wolf, und die Kinder schrien und lärmten in der Lehrstube, bis die Dämmerung anbrach. Nur Elieser saß still für sich und hörte kaum auf das, was gesprochen wurde. Die Bilder, die der Rabbi von den Leiden der irrenden Seelen entworfen hatte, traten ihm so deutlich vor Augen, daß er die Gegenwart vergaß. Da berührte ein Knabe seine Schulter und rief : „Elieser haben wir ganz vergessen. Tritt ans Fenster, Elieser." Mechanisch folgte der Knabe dieser Aufforderung, und eine Weile beobachteten ihn alle schweigend. „Seht her, Elieser hat kein Zeichen zwischen Nase und Lippe", rief ein Knabe plötzlich. Die Knaben umringten Elieser und blickten auf ihn wie auf ein Wunder. „Seht, die Oberlippe wreist kein Zeichen auf", fuhr der Knabe fort. „Sagte doch der Rabbi, daß der Engel manchmal einem Kinde den Schlag unter die Nase zu geben vergißt . . . Sag', Elieser, erinnerst du dich vielleicht an jene Welt, aus der du gekommen bist?" Totenstille herrschte in dem dämmerigen Raum. Betroffen stand Elieser da, ohne eine Erwiderung zu finden. Blitzartig jagten die Gedanken einander in seinem Hirn. Er dachte an „Elieser den Herrn". War es möglich, daß jener Mann aus seinen Träumen in einer anderen Welt gelebt hatte? Dann mußte es dort nicht viel anders als in unserer Welt aussehen, denn alles war wie hier, die Menschen und die Häuser.