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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Gilgul
Date
1924-08-01
Page
Seite 18 (sequence 3)
Language
German
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18 M E N O R A H Elieser hatte seine Kameraden vergessen. Er stand da, warf sich Frage um Frage auf und wußte keine Antwort. Da unterbrach ein Knabe die Stille und rief: „Seht sein breites Gesicht, die runden, großen Augen, das Zucken um Mund und Kinn, den breiten Kopf; an wen erinnert euch Elieser?" „An eine Kuh", schrie ein Knabe lachend. „Nein, an ein Kalb", rief der erste Junge bestimmt. „Ein Kalb, ein Kalb", schrien mehrere Jungen zugleich und alle waren einig darin, daß Elicsers Gesicht mit einem Kalbe Ähnlichkeit habe. Lange noch lärmten die Kinder in der Lehrstube, bis es ganz dunkel wurde. Dann hockten sie sich zusammen und wagten es nicht, ins Freie zu gehen. Wer weiß, ob man nicht irgendwo einem Geist begegnete. Endlich kehrte der Rabbi aus dem Bethaus zurück, und die Knaben machten sich auf dem Heimweg. Eng nebeneinander schritten sie dahin, und fort war die Ausgelassenheit von früher. Irgendwo blockte ein Schaf, und die Knaben fuhren zusammen. War das nicht der Aufschrei einer vereinsamten Seele? Es war ein mondheller Abend. Die Schatten der Häuser lagen wie dunkle Ungeheuer auf den Straßen hingestreckt, und dieser abendliche Gang der Knaben war wie eine Wanderung in jene unbekannte Welt, in der sie jetzt Stunde um Stunde verweilt hatten. IX. Indessen war Israel aus Okup, der all die Jahre in der Bergcinsc-mkeit verbracht hatte, zum Gottesmann herangereift. Nun hielt er die Zeit seiner Sendung für gekommen und verließ die Berge, um dem Volke seine Lehre zu predigen. Rasch verbreitete sich sein Ruf in Podolien und Litauen, in Polen und in der Moldau, und in allen Judengemeinden des Ostens war ein Aufhorchen. Israel galt bald als ein heiliger Mann und erhielt den Namen Bai Schern (Mann des guten Namens). Seine Lehre lautete: „Gott ist überall: In jedem Grashalm, in jeder Blume am Wege, in der ganzen Natur. Mit Freude soll man Gott dienen. Nicht wie Sklaven sollt Ihr zu Gott beten, voll Zittern und Bangen, sondern frehgemut, singend und jubelnd, erhobenen Hauptes und freudigen Herzens. Wie ein Kind zu seinem Vater, ohne Zagen, sollt Ihr zu Gott aufblicken. Freut Euch des Lebens und richtet Euren Körper nicht durch fortwährendes Fasten und Kasteien zugrunde." So predigte Israel Bai Schern, indem er von Ort zu Ort zog, und bei den Juden, die bisnun in ewiger Bangigkeit vor dem Herrn ihr Leben verdämmert hatten, erhob sich ein Sturm der Begeisterung. „Es ist also genug, wenn man die Gebote der Heiligen Schrift befolgt und an Gott glaubt? Man fällt nicht der ewigen Verdammnis anheim, wenn man die Nacht durchschläft und sich an den Schönheiten des Lebens erfreut?" Tausende Juden gaben ihre bisherige Lebensweise auf, um ganz nach der Lehre des Bai Schern zu leben. Sie nannten sich Chassidim (Wahrhaft Fromme) und strömten aus allen Richtungen nach Miedziborz, dem Wohnort des Bai Schern, um ihrem Lehrer zu huldigen. Auch in Gora saßen die Männer nach dem Gebet beisammen und sprachen über die Wundertaten des Bai Schern. „Er ist ein Großer in Israel", sprach ein alter Mann. „Ihm blieb es vorbehalten, uns aus der ewigen Traurigkeit zu reißen. Glücklich, wer noch jung ist und das Leben vor sich hat." „Fromme Wanderer erzählen, wie ihm das Volk überall zujubelt", rief einer aus. „Es ist ein heiliger Mann, und groß ist seine Kraft. Er heilt Kranke und gibt Verzweifelten neuen Mut. Sein Name sei gepriesen." „W ir wollen einen Boten unserer Gemeinde zu ihm schicken", meinte ein junger Mann. „Ja, das wellen wir", riefen einige. Elieser, der dieses Gespräch mitanhörte, erzählte seiner Mutter von dem Wundermann, und als bald darauf die Nachricht kam, daß sich der Bai Schern in der nahen Ortschaft Kuty aufhalte, entschlcß sich Gitel, mit ihrem Knaben zu ihm zu wallfahren. In Kuty versammelte sich die ganze Judengemeinde, um die Predigt des Bai Schern zu hören. Der Bethausdiener trat auf den Almemor, schlug mit der Hand dreimal auf den Tisch und rief: „Der heilige Bai Schern wird sprechen." Der Bai Schern, der jetzt in der Mitte der Dreißig stand, trat, im Kaftan angetan, in einen großen Talis gehüllt, auf den Almemcr und begann seine Predigt: „Brüder in Israel!" sprach er. „Nach langjährigem Studium der Heiligen Schrift und der Geheimlehre der Kabbala bin ich zur folgenden Überzeugung gelangt: Gctt ist der Anfang und das Ende unseres Seins. Im Gebet erheben wir uns über alles Irdische und nähern uns der göttlichen Allmacht. Mit voller Freude müssen wir Gott dienen und nicht in Sack und Asche." „Vergessen wir nicht die Zerstörung Jerusalems", rief ein Jude. „Gott will nicht, daß wir immerfort unseren Körper peinigen", fuhr der Bai Schern fort. „Mit Freude und Lust sollen wir ihm dienen. Nur so können wir erstarken und die Wiedererlangung Jerusalems erwarten. Freudig und wohlgemut soll der Mensch sein, seinen Geist schärfen und seinen Körper pflegen Ein sehr herabgekommener Mann rief: „Ja, womit den Körper pflegen, wenn die Mittel fehlen?" „Die Mittel fehlen nur dem, dem der Glaube zu Gott fehlt", erwiderte der Bai Schern. „Dem Gläubigen wird Hilfe kommen. Die Lebensfreude und die innige Liebe zu Gott, das soll die Lehre der Chassidim sein." * * * Klopfenden Herzens trat Gitel am Nachmittag des gleichen Tages, den Knaben an der Hand, in die Stube des Bai Schern. „Hier, Rabbi, bringe ich Euch meinen Sohn, damit Ihr ihn segnet", sagte Gitel. „Frühzeitig wurde ihm der Vater entrissen." Der Bai Schern sah vom Buche auf, in dem er gelesen hatte, und als Gitel sein Gesicht erblickte, sank sie mit einem Aufschrei zu seinen Füßen und rief: „Ihr, Ihr seid es, auf dessen Fürbitte mir Gott dieses Kind geschenkt hat. Arm sind wir und auf die Mildtätigkeit der Menschen angewiesen. O nehmt Euch seiner an, denn er braucht einen Beschützer, und ich bin nur ein schwaches Weib." Langsam, wie für sich, erwiderte der Bai Schern: „Jedem Menschen wird vor der Geburt sein Weg vorgeschrieben und diesen muß er zurücklegen. Daran kann niemand etwas ändern. Gutes und Böses stammen aus derselben Quelle, und man muß alles hinnehmen, wie es uns beschieden ist." Der Bai Schern streichelte die Wangen des Knaben, der mit seinen großen Augen unverwandt auf den heiligen Mann blickte. Eine Weile schwieg der Bai Schern, dann fuhr er fort: „Es gibt nichts Böses auf der Welt. Alles ist gut, wie es ist, und das Böse ist nur die Unterlage für das Gute, es ist die erste Stufe des Guten." Lange betrachtete der Bai Schern den Knaben, dann sprach er zu Gitel gewendet: „Laßt ihn die Heilige Schrift und den Talmud studieren, Frau. Er soll ein frommer und gelehrter Mann sein. Das wird ihm auf seinem Lebensweg von Nutzen sein." Mit diesen Worten verabschiedete der Bai Schern Mutter und Sohn. (Fortsetzung folgt) Hübners KursoLlon-Rosto.uro.rtt Für Hochzeiten, Bankette und Diners stehen herrlich*» Säle zur kostenlosen Verfügung Täglich 5-Uhr-Tee mit Tanz. Telephon Nr. 578.

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