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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Gilgul
Date
1924-08-01
Page
Seite 16 (sequence 1)
Language
German
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16 MENORAH HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL EIN ROMAN AUS DIESER UND JENER WELT Copyright 1924 by Hermann Blunientlial, Y'ienna (1. Fortsetzung) Da nahm Reb Wolf ein Buch vom Tisch und sprach: „Aus diesem Buch sollst du die hebräischen Buchstaben lernen." Elieser nahm das Buch, doch als er die Gestalt der hebräischen Buchstaben erblickte, durchzuckte es ihn, denn diese seltsamen Lettern schienen ihm wohlbekannt. Er sah im Geiste viele, viele Bücher mit solchen Buchstaben angefüllt, alle Bücher, die der Mann aus seinen Träumen zu studieren pflegte und die eine ganze Wand seiner Studierstube füllten, waren mit diesen Lettern bedruckt. Doch das dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann sah sich der Knabe wieder auf dem Schöße des Lehrers sitzen, der ihm ein Buch mit eigenartigen Buchstaben hinhielt, die ihm fremd waren und ihm nichts sagten . . . Schnell erfaßte Elieser, was im Cheder gelernt wurde, und bald war er seinen Kameraden weit voraus. Die Abschnitte, die der Lehrer vortrug, waren ihm nach kurzer Zeit so geläufig, daß er große Stücke auswendig herzusagen wußte. Der Knabe nahm im Cheder bald eine Vorzugstellung ein, und Reb Wolf betraute ihn damit, die Aufgaben mit den anderen Schülern zu wiederholen und sie für die Prüfungen vorzubereiten. So war aus dem Schüler ein Gehilfe des Lehrers geworden. Mit sechs Jahren begann Elieser das Fünf-Buch Moses zu lesen. Es war ein feierlicher Tag, als der Knabe aus diesem Anlaß einen Abschnitt aus „Wajikru" öffentlich vortrug. Er trug einen seidenen Rock und war mit vielen Uhren und Kleinodien, die man für die Feierlichkeit beim Nachbar geliehen hatte, behangen. Das Zimmer war ganz voll von Leuten. Der Knabe wurde auf den Tisch gehoben. Er sah alle Anwesenden und alle konnten ihn sehen. Reb Wolf stand neben ihm und stellte die Fragen, die Elieser mit lauter Stimme beantwortete. Ein stolzes Lächeln umspielte die Lippen des Lehrers. Als Elieser den Abschnitt zur vollsten Zufriedenheit aller Anwesenden hergesagt hatte, fragte ihn plötzlich Reb Wolf: „Kannst du uns erklären, was der Abschnitt besagt, Elieser?" Darauf erwiderte der Knabe: „Gewiß, Raschi sagt:" „Was sagt Raschi?" fragte der Rabbi von Kossow, der sich unter den Zuhörern befand. Zur höchsten Verwunderung der Versammelten sagte Elieser den ganzen Raschikommentar auswendig her. Eine Totenstille folgte dem Vortrag. Dann näherte sich der Kossower Rabbi dem Knaben, küßte ihn auf die Stirn und sprach: „Der Herr behüte dich und segne dich, mein Kind, damit du ein Weiser und Priester werdest." Dann hob er den Knaben vom Tisch und beschenkte ihn. VII. Um das Jahr 1730 wurden die Juden in Polen und in der Moldau von einem furchtbaren Unglück heimgesucht. Seit vielen Monaten zogen die Jesuiten von Ort zu Ort und säten den Haß gegen die Andersgläubigen. Ungeheure Beschuldigungen wurden gegen die Juden vorgebracht, und diese Saat zeitigte bald seine blutige Ernte. An vielen Orten erhob sich das Volk gegen die Fremdlinge, verjagte sie aus den Gemeinden, und viele wurden totgeschlagen. Zu Anfang des Jahres 1 730 hieß es, daß die Juden in Mlawa eine Hostie gestohlen und durchlöchert hätten, so daß das Blut davongeronnen wäre. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht durch Stadt und Land. Das Volk rottete sich zusammen, und überall wurden Hetzjagden gegen die Juden abgehalten. Wie das Wild wurden die Juden verfolgt und zur Strecke gebracht. / Nachdruck verboten / Alle Rechte gewahrt Doch zuweilen geschah es, daß die Juden sich sammelten und zur Wehr setzten. Die Verzweiflung verlieh ihnen dann soviel Kraft, daß sie die Verfolger zur Flucht zwangen. Viele Niederlassungen der Juden wurden dazumal verbrannt und dem Boden gleichgemacht. Bei den Judenmetzeleien war auch der Schächter Henoch erschlagen worden. Nach einiger Zeit beruhigte sich die Menge endlich, und die Juden durften es wieder wagen, die Pläuser zu verlassen und ihre Toten zu bestatten. Sechs Juden hatten in Gora ihr Leben eingebüßt. Es war in den sieben Trauertagen. Auf einem Schemel saß Gitel und hielt die Hand Eliesers in der ihrigen. Ihr Herz war voll Trauer um den Dahingegangenen und voll Haß gegen seine Mörder. Die schweren Tage hatten ihre Spuren bei Gitel zurückgelassen und sie war grau und alt geworden. Oft schloß sie den Knaben in ihre Arme und benetzte sein Gesicht mit Tränen. „Armes Kind", schluchzte sie. „Es war ihm nicht vergönnt, dich großzuziehen." Dann nahm sie ein Dolchmesser von der Kommode und zeigte es Elieser mit den Worten: „Mit diesem Messer haben die Schurken deinen armen Vater umgebracht. Sie lockten ihn aus dem Hause und stachen ihm den Dolch in die Brust." In Schmerz versunken schwieg Gitel eine Weile, dann schrie sie auf: „Vergiß es niemals, niemals, wenn ich auch nicht mehr bin. Dieses Messer soll dich stets an die schändliche Tat erinnern, und zahle es ihnen heim, wenn du ein großer Mann bist." Ängstlich barg der Knabe seinen Kopf in dem Schoß der Mutter, die ganz gebrochen dasaß und weinte. Es dauerte lange, bis sich Gitel so weit faßte, um an die Sorgen und Pflichten des Tages denken zu können. Es war eine schwere Zeit für Elieser und seine Mutter, doch der gute Ruf des Knaben war bis zu den Stadtältesten von Kuty gedrungen, die den Beschluß faßten, den Knaben auf Gemeindekosten weiter studieren zu lassen. Elieser lernte Gemara und Mischna, und weit im Umkreis gab es keinen Talmudschüler, der sich mit ihm messen konnte. VIII. Als endlich Ruhe im Lande eintrat, zitterten die Herzen der Juden noch lange vom überstandenen Schrecken und sie dankten Gott, daß das Morden ein Ende genommen hatte. Die Kinder sprachen viel von den unschuldig Getöteten. „Wie ergeht es der menschlichen Seele nach dem Tode?" fragte eines Tages ein Knabe den Lehrer in der Talmudschule, und der Rabbi mußte den Kindern vom Sterben der Menschen erzählen. „Es heißt, daß die Seele nach dem Tode nur dann zur Ruhe kommt, wenn sie ohne Fehl ist: Doch wehe der Seele des Sündigen! Ruhelos irrt sie durch die Welten eine endlose Zeit. . . wer weiß, wie lange — bis es ihr vergönnt ist, in ein Lebewesen zurückzukehren und ein neues Leben zu beginnen. Dann kann sie, wenn sie in einen menschlichen Körper kommt, durch gute Taten zur Erlösung gelangen. Die Seele kann aber auch zur Strafe für begangene Sünden in den Körper eines Tieres kommen und muß ein niedriges Leben führen, bis einmal die Stunde der Erlösung schlägt. Oder sie wird in eine Pflanze verwandelt, in einen Stein oder in irgendein Mineral, im Wasser oder unter der Erde. Endlose Zeit verbringt sie wie leblos, aber sie spürt den Schmerz der Verbannung, wenn sie auch kein Gefühlszeichen von sich geben kann. Doch für jede Seele schlägt die Stunde der Befreiung. Im selben Augenblick wird in der Nähe ein Kind geboren, und die

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