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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Die biblische Gestaltenwelt Michelangelos
Date
1924-08-01
Page
Seite 14 (sequence 3)
Language
German
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14 MENORAH JOEL klagende: du kannst! das zukunftsgewisse: du wirst! erschütternd und beseligend ertönt. Ohne das Buch keine erkennende und ahnende Schau. Alle Propheten im Zustand einer seelischen Hochspannung, einer inneren Glut, die jede Fiber und Faser in ihnen erregt, die das Gefäß des irdischen Leibes sprengen will. Das ist die genaue Illustration der Bibelworte über den Prophetenzustand (Hiob IV, 14 bis 17): „Und Angst erfaßt mich und ein Schrecken, Die Glieder alle packt die Angst; Ein Geisteswehn zieht mir vorüber Und sträubt die Haare mir am Leib. Da steht's — erkennen kann ich's nicht — So wie ein Bild vor meinen Augen, Im Geisterton, spricht es mich an." Jede der sieben Prophetengestalten ist aber wiederum ein Typus für sich: da ist Jona, ein jugendlicher Stürmer, in dem Augenblicke, wo Gottes Wundermacht ihn aus dem Rachen des Walfisches befreit hat; der dem Maler, „dem Propheten der Musen" (nach Piatons Wort) , dafür Symbol war, daß niemand sich dem höchsten Berufe entziehen dürfte und könne, daß des allmächtigen Auftraggebers Hand ihn überall erreiche; da ist Daniel, der „rechnende" Prophet, der den Tag der Erlösung errechnen will und dem Maler ein Bild der Sehnsucht nach den seligen Tagen neuen Glückes ist; da ist Jirmijah mit Zügen aus Michelangelos Gesicht, dessen Schwermut des Malers eigne Seele spiegelt; da der ernst-sorgende Joel, der vorgeahnte Goethekopf, dessen Leidensverkündigungen für Michelangelo die Schicksale seiner Vaterstadt bedeuten; da ist Zacharias, der älteste Typus der Reihe, weil beim Erlöschen des Prophetentums erscheinend, der Künder des Wiederaufbaues eines neuen Staates und Tempels, dem Maler ein Zeichen der nie versinkenden Hoffnung; endlich da ist Jesaja und der „jüdischste" Kopf Ezechiel, die großen „Seher", deren Schau in den Himmel reicht und der Engelscharen Herrlichkeit enthüllte, für Michelangelo Symbole des Höchsten, vvas Menschenauge zu sehen und zu gestalten gewürdigt sein kann. Diese Prophetengestalten sind das ewige Vorbild geistiger Höhe und sittlicher Vollkommenheit, das der Maler der Mit- und Nachwelt aufstellen wollte. Solche Adelsmenschen waren sein Ideal, ihre Gemeinschaft das große Sehnen seiner Seele. Zwischen den sieben Propheten stellte Michelangelo fünf mächtige Frauengestalten, die „Sibyllen", die Seherinnen der Antike, die den Untergang der Heidenwelt und den Sieg Gottej gekündet haben. Es ist interessant, was die jüdische Geschichtsforschung nachgewiesen hat: die Bücher dieser Sibyllen rühren von jüdischen Hellenisten her, die unter solcher Maske ihrer Verbitterung gegen römische Tyrannei Luft machten. (Grätz, 3 II., Note 3, S. 611 ff.) In ihnen hat Michelangelo sein FrauenideaS niedergelegt, ganz im Sinne Savanarolas, der wörtlich sagte: „Ihr Frauen, die Ihr mit Schmuck und körperlicher Schönheit prangt, laßt Euch sagen, Ihr seid allesamt häßlich. Wollt Ihr wahre Schönheit sehen, so betrachtet einen vom heiligen Geist beseelten fromma, Beter, wenn ihn das Geisteslicht der göttlichen Schönheit durchleuchtet." (Hasse 1. c. S. 1 76.) Die Fresken der Sixtina sind ohne Modell gemalt. Die Gedanken seines Innern sind dem Meister die Modelle. M. a. w. nur sich selbst, sein gigantisches Fühlen und Wollen hat Michelangelo zum Ausdruck gebracht. Nichts anderes. Sogar in dem gewaltigsten Vorwurf malerischen Könnens: in der Darstellung der Weltenschöpiung. Unser jüdisches Empfinden lehnt solche bildliche Darstellung des Weltenbaumeisters gänzlich ab. Aber u. E. verkennt man den letzten Sinn jener Kompositionen, wenn man in ihnen solche heidnische Entweihung des Göttlichen vermutet. Michelangelo hat den von den alten jüdischen Weisen oft ausgesprochenen Gedanken hier benützt, daß der Schöpfungsbericht dem Menschen Vorbild und Lehre für sein eigenes Sechstagewerk sein soll. „Von mir sollen lernen die Menschenkinder." Auch wir sollen aus dem Tohuwabohu der Stoffe eine Gestaltung und Ordnung der Dinge, eine Welt der Zwecke und der Zielstrebigkeit, der Scheidung und Entwicklung hervorzaubern, die Finsternis besiegen durch das Licht, die Erde segnen, in dem wir sie bezwingen und beherrschen, sollen endlich Wesen gestalten nach unserem Ebenbilde — um alsdann das Werk der Woche durch die Ruhe des Sabbats, der freiwilligen Selbsteingrenzung und Seelenwerdung, zu beschließen. Diesen unendlichen Schöpferdrang, der seine eigene Brust durchpulste, darin «hm, nach des Psalmisten Wort, nur wenig von Göttlichen fehlte, hat Michelangelo in den vier Szenen vom Werk des Anbeginns versinnlichen wollen. Bewegung, ungeheure Bewegung und Energie, Leistungswillen ohne Grenzen, allmächtiges, alles bezwingendes Gebietertum kennzeichneten die ersten Bilder: die Gestallung des Chacs und die Erschaffung von Licht und Sonne. So wie Gott hier dachte sich Michelangelo den wirkenden, bauenden, schöpferischen Menschen. In der Schöpfung Adams, dem herrlichsten dieser Bilder, fährt der Himmelskönig im Sturm hernieder, streckt seinen Arm dem Menschensohn entgegen, daß Finger dem Finger naht; da springt der göttliche Lebensfunke über, und Adam erwacht zum Leben. Die Erschaffung ist eine Erweckung. So soll das Ideal im Verhalten des großen Menschen gegen den noch im Halbdämmer der Unwissenheit und Schwäche schlummernden Mitmenschen sein, er lasse sich herab, daß ein belebender Strahl von ihm hinüberflute und den Bruder emporreiße zu höherem Leben. In der Erschaffung des Weibes ist Gott nur Güte, väterliche Huld gegen die Schwäche der zusammensinkenden anbetenden Eva. So sei auch du der Weiblichkeit, der Ohnmacht gegenüber nur Milde, nur verstänclnisfreundliches Erbarmen! Waren ihm die Propheten Sinnbilder einsamer Gedankenhöhe, ist ihm die Genesis Symbol machtvollstem Gestaltungswillen in Kraft, in Mitteilung, in Güte. Den erhabenen Schöpfer- und Prophetengesichten, die Michelangelo vor uns erscheinen läßt, gesellte er, die Wucht des Eindrucks

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