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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Die biblische Gestaltenwelt Michelangelos
Date
1924-08-01
Page
Seite 15 (sequence 4)
Language
German
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MENORAH 15 zu mildern, Engels- und Knabengcstallen, die bald zuschauend, bald mit kleiner Hilfsleistung der Gruppe sich ein lügen. Einer hält dem lesenden Propheten die Kerze, ein anderer beugt seinen Rücken als Lesepult für Daniel. Welch rührender Gedanke! Kannst du nicht selbst ein Menschheitsführer sein, sei ihnen willig und demütig Diener und Handlanger bei ihrem großen Weihe. Wie die Königin von Saba zum weisesten der Menschen sprach: „Heil deinen Dienern und Mannen, die um dich stehen dürfen und ständig deine Weisheit hören." Wie Michelangelo in seiner Jugend seinen Ruhm als Bildhauer durch die Riesenstatue des David begründet hat, der Gestalt, in der er das kraltvolle Ideal des J ü n g 1 i n g s, des mit Geisteswaffen den plumpen Barbaren bekämpfenden Helden, im Wettkampi mit andern Meistern darstellt, so hat er nach Vollendung der Sixtina noch einmal für das Juliusgvab, den größten der Propheten, die weltberühmte Mosesstatue geschaffen, mit der ungeheuren Körperkraft, die allein das Stiftszelt aufrichten kennte, mit dem verhaltenen Zürnen, bereit, im folgenden Moment die im Arm gehaltenen Tafeln niederzuschmettern auf das sündige Volk. Noch einmal brachte er die übermächtigen Gefühle und Kräfte seines Innern, seine Unzufriedenheit mit der Welt und seinen in Leiden gebändigten, duldenden Zern im „Moses" zum Ausdruck, im Bilde des Sklavenbcfreieis, und urrstelh ihn mit Plastiken von „Sklaven", mit verkrümmter Gestalt, verzerrten Körpers. In Unfreiheit verkümmert die Individualität, die Gradheit der Seele. Mcses, der die Tafeln bringt, bringt die Freiheit, bricht das rr cnschenerniedrigende Sklavenjoch. Damit wollen wir von dem Meister der Sixtina Abschied : ehmen. Michelangelo hatte etwas vom Geiste des Alten Testaments in sich, seine Werke künden in immer neuer Fcrm den Gedanken: Die Großen der Bibel sind deine Befreier! jakob Picard / Die Stimme Es war in der Zeit, da unser Gctt den Menschen noch m; nchmal erschienen ist, gegenwärtig und nah; sei es, daß er sich einem Auge geheimnisvoll zeigte oder dem Ohr eines Gläubigen ergreifend vernehmen ließ. Noch nicht lange ist es her, und meine Großmutter hat es noch erlebt. Da hatten sie im Dorfe das alte Männlein Menkcle Wolf. Das war müde des durch ein Leben geübten Handels mit kleinen Waren, als da sind: Schuhriemen, Siegellackstangen, Stiefclschmiere, Schwefelhölzer, Süßzeug für Kinder und mancher anderer Dinge, die man leicht herumtragen kann, auch war es des Geistes, der es einst zum Handel mit dem Vielartigen befähigt hatte, nicht mehr ganz Plerr, wie am Körper klein und ein wenig unansehnlich geworden, so daß ihm nicht mehr viel zugemutet werden kennte. Es stand allein in der Welt, nur entfernte Verwandte erinnerten es selten an seine frühen, heiteren Tage, gedachten aber ihrerseits gar zu selten seiner, so daß es wohl oder übel von der Kehilla unterstützt werden mußte; und was das heißt, das wißt Ihr alle . . . Das arme Greislein hatte dafür Gegenleistung zu geben, so weit es seine körperlichen und geistigen Kräfte erlaubten. Nein, zum Schames reichte es schon lange nicht mehr, aber man konnle es doch noch dazu gebrauchen, um Jahrzeit anzusagen, damit Minjan werde oder dem Schochet zu helfen und den Schames da und dort zu unterstützen, selbstverständlich auch dazu, in der Schul als Minjanmann zu wirken. Eines Tages, es war im Spätherbst, und die Platanenblätter im Synagogengarten, der mit dem Gotteshaus am Berghang lag, begannen sich schon von den Asten zu lösen, um am Boden eine im kalten Wind raschelnde Decke zu bilden, hatte Menkele die schwere Arbeit zu tun — schon zwei Tage war es dabei — einige Ster gespaltenen Holzes, das für die Winterheizung der Schul im Haufen dalag, zu einer schönen, schmalen Beuge zu schichten, wie es die Ordnung verlangt. Gering sah es aus mit seinen spärlichen EZfcTI ifEL ^i'-.uen Haaren und dem schnupftabakgelben Spitzbärtchen, den altenkrummen Händen, in die es mit dem Munde immer wieder hauchte, um sie zu erwärmen; man fror selber, wenn man es in seinem verbrauchten, dünnen Rock anschaute . . . Als es seine Arbeit langsam und bedächtig, mit guten Unterbrechungen, tat, ging oben, auf der erhöht vom Unterdorf zum Oberdorf steigenden Straße Salme Biedermann, der Spaßvogel der Kehilla, vor dessen Neckereien keiner sicher war. Der sah das Menkele, das gerade hinter der Tujahecke, die den Synagogenhof einschloß, stand, und rief von oben herab, ohne sich viel dabei zu denken und ohne anderes Ziel, als das, zu scherzen, indem er sich hinter einer Hausecke verbarg: „Menkele", und noch einmal: „Menkele". Das Männlcin hörte den ersten Ruf wohl, horchte auf und schaute um sich; als das zweitemal sein Name ertönte, ging es zum Gittertor, sah nach der Straße; aber niemand war da. Stumm und ratlos stand es, würde so gern mit jemand sich jetzt unterhalten haben. Da tönte die rufende Stimme wieder, und ihm war, als komme sie von oben, irgendweher aus dem Unendlichen. Unbeweglich horchte es hin. Als aber der Name noch einmal und nech einmal und eindringlicher aus der Höhe gerufen wurde, da fuhr es dem Menkele in die Glieder: es stand erst noch einen Augenblick wie erstarrt, dann aber löste es sich ihm zu heiliger Erkenntnis, es drehte sich um nach der Tür der Synagoge, die offen war, und lief, so schnell es seine alten zittrigen Beine vermochten, durch den Gang hinauf zum Almemor, stand dort einen Atem lang erhobenen Hauptes, und da die Stimme, nun ferner und wie aus dem unirdischen, unendlichen Raum abermals klang, rief das Menkele, gab Antwort mit verzücktem Munde: „Hineini, hier bin ich, Herr, hier bin ich!" und hob wie flehend die Arme . . . Dann war es still, so lang das Greislein auch noch stand und wartete. So hat sich Gctt eines Tages dem armen, gebeugten und oft gedemütigten Menkele Wolf gezeigt, ist ihm wirklich erschienen und hat es reich und stolz gemacht, bis an seines Lebens Ende.

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