Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Die biblische Gestaltenwelt Michelangelos
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 13 (sequence 2)
- Language
- German
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MENORAH 13 aus solcher Tragik folgenden Weltbetrachtung begann Michelangelo zu erfüllen und sein Gemüt ernst und ernster zu stimmen. Als tiefe Wahrheit verstand er daher Savanarolas Wort, daß nur ein furchtbares Gottesgericht eine neue, bessere Weltepoche heraufführen könnte. Der tiefe Sinn der großen, in der Thora erzählten Strafgerichte erschloß sich ihm, und in seiner Seele reiften die Keime zu den späteren Gemälden: der Vertreibung aus dem Paradies, der Sintflut, endlich der Geschichte Noahs, als des Begründers eines wiedererschaffenen edleren Geschlechts, das in Demut und Inbrunst dem Rettergott opfernd dankt. Bis in die Werke aus Michelangelos Greisenalter zittert der Zorn Savanarolas nach, so in der terribilitä, der ungeheuren Wucht des „Jüngsten Gerichtes", des riesigen Wandgemäldes, mit dem er die Sixtinawand erfüllte, obwohl es in den Formen mehr an den antiken Vorstellungskreis erinnert. Und wenn der Maler selbst in der ernsten Selbstprüfung seines Lebenswerkes in späteren Tagen all sein künstlerisches Schalten als heidnisch verurteilte und tief bereute, so ist auch hierin ein Nachhall der alttestamentlichen Gesinnung zu verspüren, die der Florentiner Mönch in ihn unausrottbar gepflanzt hatte. Graf Pico, der zweite große Anreger undErwecker des Ideengestalters Michelangelo, war das Haupt eines feingeistigen Kreises, der die „platonische Akademie" von ehemals wieder auferstehen lassen wollte und die Lehren und Lebensformen der athenischen Philosophen in neuplatonischer Uniprägung wieder erneute und verbreitete. Alle Glieder hegten dabei eine Überzeugung, die wir auch bei Jehuda Halevi und Maimonidcs finden; daß Piaton seine Weisheit dem Orient, dem Lande der Bibel verdanke, daher sie im tiefsten Wesen der religiösen Weltanschauung des Monotheismus entspreche. Keiner war davon so fest überzeugt wie Pico, der Reuchlin Italiens, der Piatons Lehre geradezu für die verschleierte mosaische Offenbarung hielt, daher auch aufs eifrigste Hebräisch studierte, die jüdischen Religionsphilosophen Maimonides und Levi ben Gerson las, das Buch Chochmath Hanefesch und Sefer Hamaaloth ins Lateinische übertrug und besonders im kabbalistischen System der Sphären der Weisheit Siegel und letzte Bestätigung gefunden zu haben überzeugt war. „Mit Hilfe der Kabbala glaubte er sowohl den unter dem Wortsinn verborgenen tieferen Sinn der mosaischen Bücher . . . ergründen wie auch alle Weisheit im Himmel und auf Erden, namentlich der Philosophie erfassen zu können. Von diesem großartigen .... Standpunkte aus vermeinte er, daß sich die Einstimmigkeit aller wahrhaften Philosophie untereinander wie auch mit der Offenbarung ohne jede Schwierigkeit dartun ließe*)." Wie ernst es diesem philosophischen Phantasten mit seiner Meinung war, beweist sein kühnes Unternehmen, 1 486 in Rom 900 öffentliche Thesen über seine theologisch-philosophische Überzeugung aufzustellen und alle Universitätsgelehrten der Welt aufzufordern, auf seine Kosten nach Rom zu fahren und mit ihm darüber zu disputieren. Der empfängliche Geist des jugendlichen Michelangelo nahm hier in der Florentiner Akademie die Ideen Picos in sich auf, hier hörte er die poetischen Konzeptionen der Kabbala von der schaffenden Weisheit Chochma-Bina, in der die Gotteskraft als das unerforschlich Hohe (Rum-Maala) dem Menschen seine Offenbarung zuteil werden läßt, hier von der göttlichen Liebe (Chessed), die mit der Kraft und Gerechtigkeit (Pachad-Gewurah) gepaart, die Schönheit (Tifereth) der sittlichen Weltordnung schafft, hier von der Festigkeit (Nezach) und Pracht (Hod), die den Urgrund (Jesod) für die Welt des Sichtbaren liefern. Hier erfuhr er von den K an ä 1 c n (Zinoroth) , den Vermittlern der Gnadenspenden Gottes zur Erde, werin ich den Vorwurf zu der dem Adam von Gott entgegengestreckten Hand im Bilde der Erschaffung des Menschen erblicke. In der kabbalistisch-philosophischen Schule Picos bildete sich in ihm das Gefühl von der Erdnähe Gottes, von der Himmelspähe des Menschen, aus der, wie wir sehen werden, die bildliche Darstellung der Schöpfungsgeschichte geboren ist. Auch Graf Pico de Mirandula, dessen Stern so schnell am Himmel des geistigen Italiens aufgestiegen war, hat bald den Widerstand der stumpfen Welt kennen lernen müssen; verbannt, führte er ein freudloses Leben, fand er einen frühen Tod. Die beiden Meister, die Michelangelo die Weisheit gelehrt, wurden so auch seine Vorbilder in ihrem Martyrium und herben Enttäuschungen im Kampfe für die Wahrheit. Denn auch Michelangelo hat das ganze Leid des „Übermenschen", des über seiner Zeit Stehenden durchgekostet. Einsam war er, nach seines Künstlergenossen Raphael Worten, wie ein Henker. Sein reiner Sinn, der in sich eine Welt voll Kraft und Energie, aber auch voll vom Rhythmus sittlicher Weihe fühlte und trug, mußte verhaltenen Ingrimms das machtlüsterne und allzu menschliche Treiben der „Großen" seiner Zeit mitanschauen und erdulden. Die herrlichste Errungenschaft jener Epoche, die w iederenldeckte Bedeutung der „Individualität", der Eigenpersönlichkeit, die für Michelangelo die Leiter zur Gottähnlichkeit, zur Weitung des endlichen Ich zum Ebenbild und Ausdruck des Unendlichen war. galt den Zeitgenossen nur als Freibrief zu selbstherrlichem Sichgehenlassen und Sichausleben im Genuß. Wenn er so, aus der umgebenden Wirklichkeit flüchtend, in der Sphäre der großen Geister nach Gefährten des Schicksals, nach Heimatberechtigten im Reiche der Sittlichkeit suchte, da traf er auf die Gestalten der Propheten. Ihre Seelenkämpfe waren den seinen ähnlich; ihr Unverstandensein von jedermann, ihre brennende Liebe zur Umwelt, ihr vergebliches Ringen gegen Unnatur und Machtmißbrauch, ihre hehre Zukunftsscliau entzündet an dem Zorn der Gegenwartsverneinung, spiegelten ihm das eigene köstliche Weh des Gemütes wider. So malte er sie. Riesengestalten. Urweltliche Charaktertypen. Jeder für sich in erhabener Einsamkeit. Wie Jirmijah sagt: ob deines Wortes saß ich einsam. In mächtiger Gewandung ein jeder, dem lijahmantel, dem Ausdruck des gewaltigen Berufes. Jeder -— außer Jirmijah, der versteinten Trauer — mit der Rolle des ewigen Gottesbuches in der Hand, aus dem der Maßstab der Ewigkeit entnommen, aus dessen unbedingten: du sollst! das an- *) Hasa, Die italienische Renaissance. Leipzig 1915. Seite 148. JIRMIJAH