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Menorah · 1924-07-01 · Heft 7 (Juli 1924) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 7 (Juli 1924)
Article
Litauische Reise
Date
1924-07-01
Page
Seite 9 (sequence 3)
Language
German
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MENORA 1-3 9 maiereien, in dem — freilich schon gegen neun Uhr morgens — ,.Minjan" gesucht wurde . . Früher pflegte von Tagesanbruch tief in die ersten Vormittagsstunden Gottesdienst auf Gottesdienst zu folgen. Mit Ehrfurcht sieht man auf den eingebauten, schwereichenen tiefen Sessel links der heiligen Lade hin. Hier hat fasl ein halbes Jahrhundert der letzte Geistesfürst der litauischen Judenheit, Rabbi Izchok Elchonon beim Beten gesessen, und es ist mir, als würde heute noch von diesem Platze, auf dem seitdem keiner mehr gesessen, ein Strahl von Milde und Größe ausgehen und in den halbdunklen Raum leuchten! Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke an einen anderen leeren Sitz auf, an den R a s c h i s t u h 1 in Worms, den vielbegaflten und viel bewunderten. Und der Vergleich löst merkwürdige Angstgefühle in mir aus. Könnte es, was Gott verhüten möge, auch hier einmal so weit kommen, daß dieser Stuhl als Heiligtum, als Denkmal einer verflossenen Zeit pietätvoll nur bewundert wird!? Eine Erinnerung stieg in irir auf, die mich, obwohl heiterer Natur, traurig stimmt. Ich fragte in Worms den alten jüdischen Kastellan, der mir die Raschireliquien mit der Routine zeigte und erklärte, die ihm zuweilen in einer Woche mehr an Trinkgeldern einbringt, als Raschi je an all seinen Werken verdient hat, ob er auch Raschi lesen könne. Er gab treuherzig zurück, er hätte nicht Rabbiner studiert... Nein, so weit ist es hier, Gott sei es gedankt, noch nicht. Der Stuhl hat noch mehr lebendigen Glanz als stummen, hölzernen Denkmalswert. Aber wenn der mit Mühe zustande gekommene letzte Gottesdienst zu Ende ist, warte ich vergebens, daß sich, wie anno dazumal, von irgendeiner Ecke die Stimmen von „Röwo'' und „Abaje" erheben . . . Im mehr im Zentrum gelegenen „N euen Besh amidrosch", das auch äußerlich besser erhalten anmutet, sieht es etwas lebhafter aus, immerhin noch trübe und öde genug für den, der mit der Erinnerung an das Kowno des Rabbi Izchok Elchonon hergekommen ist. . . Aber etwas sah ich in diesem Gotteshause, was mich tief rührte und erschütterte. Zwei Dutzend abgerissener, abgemagerter, barfüßiger Jungen drängten sich da mit zusammengesteckten Köpfen, zu Dritt wohl über ein abgegrilfenes Gebetbuch gebeugt, und beteten, die Kleinsten nach Kinderart mit dem Zeigefinger über die Gebetstellen fahrend. Neben ihnen ein für hiesige Verhältnisse nicht schlecht gekleideter Mann in mittleren Jahren, der nervös und geschäftig von Grüppchen zu Grüppchen sprang, aufschlug, nach dem Rechten wies und die Jungen zurechtstupfte. Ich hielt es für ein obdachloses Cheder, doch wurde ich eines anderen belehrt. Es waren Flüchtlingskinder, die dieser Mann, ein kleiner, hart um seine Existenz ringender Händler, von der Straße aufgelesen hatte, indem er sie allmorgendlich hier sammelt, ihr Beten überwacht, und bevor er auf den Handel geht, ebenso abends, wenn er vom Handel kommt, je zwei Stunden mit ihnen Chumisch und anderes — natürlich ohne jegliches Entgelt — lernt. Ich weidete mich an dem Eifer des Handelsmannes, der sich durch mich nicht im geringsten stören ließ. Er redete seine Kleinen andauernd mit „Kinderlach" an, und sie scharen sich um ihn etwas wild und stürmisch und Schutz suchend, wie junge Geißchen um den Hirten. „Versäumt Ihr nicht dadurch viel im Geschäfte?" frage ich den Mann, da ich mit ihm zur Türe hinausgehe. „Leider, leider versäume ich durch das 1 e i d i t e Gcs ch ä f t viel bei meinen Jungen", gibt er mit einem echt litauischen Gcgenwörtchen zurück. Daran erkannte ich mein altes, liebtreues Litauen vollkommen wieder. DER FISCHMARKT Emile Zola nennt in einem seiner Romane, der die Pariser M a r k t h a 11 e im Mittelpunkte hat, den „Bauch von Paris". Der Kownoer Fischmarkt neben dem „alten Beshamidrosch" hat aber entschieden mehr von der Seele des jüdischen Kowno, und am Freitag morgen, da er am lebhaftesten ist, sogar etwas von der Sabbatseele, der „Neschomo jesscroh" . , JÜDISCHER CEPAC Kitt \ULR Hermann Struck Es ist kein Markt wie im Städtchen, wo sich der Handel zwischen Dorf und Stadt abwickelt; es ist ein echt jüdische r Markt, dieser Fischmarkt in der offenen, nur oben bedachten Halle, wo es nur jüdische Käufer und jüdische Verkäufer, nur jüdisches Geschrei und jüdische Händel gibt. Wer sich den Markt am Freitag morgen nicht angesehen hat, hat ein wahrhaft jüdisches Leben nicht gesehen. Frauen in nicht gerade eleganter Morgentoilette schreien, lärmen, feilschen um die Wette, erhitzt, erregt, aufgelöst. Die Fischer ihrerseits schreien und schimpfen, als wären sie Metzger . . . Dazwischen zappeln und hüpfen und kugeln sich die Fische — es werden nur lebende gekauft und verkauft — und kollern vom Stande, spritzen Wassersäulen ins erhitzte Gesicht der Käuferin, und es schwirren Worte, Flüche, Wünsche und Schwüre durch die Luft, daß die B \lken brechen würden, wenn sie in der Halle schon nicht längst alle gebrochen wären . . . Lmd über dem Ganzen liegt eine jüdische Weihe, die nicht die Spur hat von dem Bauerngefeilsche auf dem Wochenmarkte des Städtchens. Vor der Halle stehen frei an ihren Körben und Ständen die anderen jüdischen Marktfrauen, alle Arten von Gemüse, Beeren, Zwiebeln, Rettich und Obst feilbietend. Die Warenbestände sind nicht groß und die Verkäuferinnen buchstäblich in Lumpen gehüllt, die jüngeren alle barfüßig. Hier ist der Zudrang und die Kaufwut weniger groß. Die Lländlerinnen müssen schon die Kunden anlocken. Nur die am Mchrrübenhaufen hat guten Absatz. Neben dem Fische muß man ja auch „Zimmes" haben . . : „Kauft Herrchc, a U g e r k e! süß asäu wie Zucker, wahre Melone, wie der Eppel vun Ganeden", pries mir eine Händlerin ihre Gurken an, „kostet nur fünf Mark."

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