Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1924)
- Article
- Litauische Reise
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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8 M E N O R A H Hermann Struck JÜDISCHER SCHMIED von oben her stürzt anhaltend neues Wasser nach . . . Und der Strom im ganzen' rauscht ungehemmt weiter . . . LITAUISCHER SABBAT Am Sabbattage waltet tiefer Gottesfriede über dem Städtchen. Kein Bauer kommt in die Stadt, in der er an diesem Tage nichts ausrichten könnte. Nicht allein die Märkte, sondern sogar die Ablässe und Kirchenfeste sind, falls sie kalendarisch auf Samstag fallen, auf einen anderen Tag verlegt. Die wenigen einheimischen Nichtjuden ruhen ebenfalls oder gehen in die Monopolschenke zum Echtrussen aus dem Süden und trinken eins und noch eins. Alles lekowed Schabbos! . . . Lebendig wird die Straße nach Schluß des Gottesdienstes in der „Schul" und in den Klausen. Eine halbe Stunde später öflnen die Backöfen, denen die Sabbatkost des betreffenden Viertels 24 Stunden lang anvertraut war, ihre riesigen Schlünde, und sehr behutsam tragen die Frauen und Mädchen die heiße Last heim. Gelegentliche Verwechslungen von Töpfen sind unvermeidlich, und auf diese Weise hat schon mehr als einmal der gütige Tscholent-Malach in ausgleichender Gerechtigkeit irgendeiner armen Händlerin eine fette Kugel in den Topf praktiziert, von deren Entstehungsgeschichte sie mit dem besten Willen nichts berichten konnte. Allerlei Störungen und lustige Zwischenfälle pflegten hie und da sich zu ereignen. Einmal ist eine Lücke am E r u w entdeckt. was noch rechtzeitig in allen Bethäusern verkündet wird. Eine Aufregung, die fast einer Kabelunterbrechung zu Kriegszeiten gleicht, beherrscht die Massen. Das Backhaus ist belagert. Man sieht förmlich den 1 scliolent im Ofen verbrennen und kann nicht helfen. Der Schabbosgoi hat buchstäblich alle Hände voll zu tun. Ein anderes Mal ist über Nacht dem Regen, der den schlammigen Boden völlig durchweicht hatte, Frost gefolgt, und die ganze Straße ist ein spiegelglattes Eisfeld. Da straucheln die Alten und fallen die Jungen und klirren die Tonsplitter der Tscholenüöpfe und es färbt die biaune Brühe die weiße Eisdecke und es picken die Raben die auf der Erde umherliegenden saftigsten Kugelstücke und ein Wehegeschrei über zerbrochenes Glück erhebt sich von einem Ende der Straße bis zum anderen . . . Heute läuft indes alies ohne die geringste Störung ab. Der Eruw ist intakt, die Pfützen sind sommerlich trocken. Und laut und hell, voll seliger Sabatfreude und satter Zufriedenheit, tönt Feiwels, des sangesfrohen Schusters, Stimme in die Ruhe der Straße: „Zur mischelau ochalnu, borchu emunai . . ." Der Sabbatnachmiltag ist reich an Eindrücken, Erinnerungen und Entdeckungen ... Es ist noch der alte, liebe litauische Sabbat mit seinen vollgefüllten Bethäusern, seiner eigenen süßen Ruhe, seinem Chasen und „Maggid" ... Im Beshamidrosch drinnen wird mittags noch „gelernt" und mit Sonnenuntergang fleißig „Tillim" gesagt, aber vor dem Hause ebenso eifrig Gemeindepolitik getrieben. Und ein wenig weiter, auf dem Wege zum „Hofe", trifft sich die Jugend zu ganz unreligiösem wie unpolitischem Dämmergeplauder. Alles „wie einst im Mai . . .", dieselben Orte, dieselben Worte, nur andere Gesichter . . . Die Dinge haben sich ein wenig verschoben. Die damals auf grünen Wegen tändelten, sind jetzt zu Politikern vor der Synagogentür herangereift, und die sich einstens draußen über die Gemeindepolitik heiß ereiferten, sitzen heute abgeklärt drinnen und singen die Psalmen; singen und ziehen die Sabbat-Abschiedsstunde noch ein wenig hinaus — für ihre Vorgänger, die Psalmsänger von damals, daß sie sich noch eine Weile des Sabbatglanzes im Paradiese erfreuen . . . Aber unerbittlich stellen sich die drei Sternlein am dunklen Nachthimmel über der alten „Schul" ein. Die politischen Diskussionen brechen mitten im Satze ab, von der Straße kommen Jünglinge atemlos gelaufen und drinnen klingt der letzte der Sabbatpsalme in ein unsäglich wehmütiges „Wehu rachum" aus. „Schad' ist's, aber länger wars nicht zu halten! . .." sagt die Melodie. IN LITAUENS RESIDENZSTADT K o w n o, dereinst mittelgroße Provinzstadt Westrußlands, ist aus dem Feuer des Weltkrieges als Hauptstadt einer Republik hervorgegangen, und es geht ihr wie vielen der neuen Reichen von heute, bei denen man die Tradition vermißt. Doch wachst sich die Stadt gemächlich zur kleinen „Residenz" aus mit allen Attributen einer solchen. Wenn man mit dem Dampfer, von J u r b u r g kommend, nach zehnstündiger mühsamer Fahrt gegen den Strom, an einem halben Dutzend grauer jüdischer Städtchen und Flecken vorbei, endlich in den mit hohem Steindamm gedeckten, wenig ausgebauten Niemenhafen einfährt, entrollt sich dem Auge ein grandioses Bild. Links die grünen Hügelterrassen mit den wie in die Felsen gehauenen Häuschen von A 1 e x o t, rechts die roten Türme und Kirchenkuppeln, aus dem Häusermeer Kownos ragend. Aber, wie alle Oststädte, hält Kowno im einzelnen nicht, was es im ganzen verspricht. DAS ALTE JÜDISCHE LEBEN Mein erster Besuch galt in aller Morgenfrühe den Bethäusern, die auch als blühende Lehrhäuser in meiner Erinnerung lebten. Das „A ltcBesh amidrosch." meiner Vorstellung fand ich wieder. Was ich fand, war ein großer, nicht gerade sauber gekehrter Raum mit reichlich geschwärzten Wänden und verblaßten Plafond- FJT f \ Wy W? \7 y ¥ Hübners Sdiloßhotel Kobenzl - Cafe-Restaurant - Wiens schönster Ausflugsort MY yj D Hi i V JLi Lä ——== Herrliche Autostraßen —- Autoverkehr Grinzing — Kobenzl eigener Regie zu ermäßigten Preisen