Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1924)
- Article
- Litauische Reise
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 7 S. S C HAC H N OWI TZ / LITAUISCHE REISE Illustrationen nach Originalzeichnungen aus Litauen von Hermann Struck aus der Sammlung Heinrich Eisemann (Frankfurt a. lVl.) DAS STÄDTCHEN. Ein paar graue Häuflein, planlos, hier und dort eins, hingeworfen — das ist das litauische Städtchen. Die Häuflein sind, bei näherem Zusehen, Hütten und Baracken, deren Balken sich grünbemoost auf die Knie zu legen scheinen und die Dächer, aus morschen Schindeln oder verfaultem Stroh, mit sich hinabziehen und handgreiflich nahe bringen. Wenn man sich ein wenig blickt, kann man durch das Fensterchen, deren eingeschlagenes Glas zum Teil mit Tüchern oder Pappendeckel ersetzt ist, das ganze Innenleben der Familie verfolgen. getroflen. Und nun kommt auch schon vom Markte her der Ruf: „I n Schul herein!" Ganz wie damals, nur etwas matter, gedämpfter. Die letzten Kramläden schließen sich, in den Fenstern der kleinen Häuser blitzen Lichter auf . . . Das Beshamidrosch, es ist die große Synagoge, die so genmnt wird, ist voll gefüllt. Ich habe Glück: Das von den Deutschen eingerichtete elektrische Licht funktioniert nicht, und es flackern ganz wie damals hundert Talgkerzen in den Röhrchen, und in deren mattem Schein bewegen sich die Gestalten, die Überröcke lose auf den Schultern, die flachen Mützen auf dem Hinterkopfe, ab Hormann Sli.uk PARADEPLATZ IN KOWNO So sieht das Städtchen im Labyrinth seiner Hintergassen aus. In der Langen Gasse — der City des Städtchens — ragen aber schon seit jüngerer Zeit mitten aus den grauen Hütten schöne, moderne zweistöckige Steinbauten mit blumengeschmückter Veranda und größere Geschäftshäuser. Hier, wo sich Laden an Laden reiht, macht man Geschäfte, Sonntags, wenn die Kirchgänger die Straße füllen, und Montags, wenn die Bauern zum Wochenmarkt kommen. Aber das eigentliche Leben liegt doch „hinten", wo die „Bod" (Gemeindebad) Freitag früh durch dichten Rauch aus dem hohen Schornstein zum „Schwitzen" einlädt und — lehawdil — die ,,Schul" den neuen Chasen oder Maggid anzeigt, wo man in den „Jattkes" (Fleischbänken) um das beste Stück feilscht und aus den Chedarim die Stimme Jesajahs und Jirmejahus in die Straßen schallt____ Auch ich kann mich bei meinem Einzüge gar nicht losmachen aus dem Gewirre der alten hinfälligen, grauen Hütten. Die Chedarim liegen still, es ist eine Stunde vor Sabbatanfang. Aber aus der ,.Bod" wallen würdige Gestalten mit roten, frischgewaschenen, schon vom Sabbatglanze verklärten Gesichtern, und wenn ich mich bücke, sehe ich durch die Fensterscheiben in reingefegte Stuben, auf sauber gedeckte Tische, auf denen die blankgeputzten kleinen Messing- oder Blechleuchter mit den Talgkerzen stehen, harrend des Lichtes . . . IN DER „SCHUL". In der „Langen Gaf?" herrscht nervöse Hast, es werden in Läden und Häusern noch die letzten Zurichtungen für den Sabbat wären es noch die Menschen von damals . . . Das Bild im ganzen ist unverändert und der Seele so vertraut ... Es könnten noch die gleichen Kerzen sein, wüßte ich nicht, daß sie längst ausgebrannt sind ... Ist es nicht Chajim, der alte Schamnies, der da oben auf dem Almemor seinen „Schah" . . . zum „Lecho daudi" klopft? Lr scheint sogar noch die gleiche Kappe und den gleichen Rock zu tragen, aber dann müßte er schon ein tiefer Hunderter sein . . . Ich glaube fast die näselnde, meckernde Stimme von Mates, dem tauben Chasen, zu hören, aber diese hat schon längst ausgesungen . . . Ein anderer hat die Melodie aufgenommen . . . Es ist sich im ganzen alles gleich gebheben, aber im einzelnen wirkt es erschreckend fremd und fern. Greise kommen \uf mich zugehumpelt und nennen sich lallend — es ist lachhaft — bei Namen, die ich nur als kräftige, handfeste Schwarzbärte in meiner Vorstellung kenne. Grauhaarige duzen mich und behaupten —-■ es ist so komisch — sie seien die Knaben, die mit mir auf der Chcdcrbank saßen und um die Wette die „Bodberg" hinunterlrolltcn . . . Und eine Jugend staunt mich in, in deren Mitte ich manchen früheren Freund zu entdecken glaube, der sich aber schließlich als der Sohn oder gar der Enkel herausstellt . . . Noch lange denke ich am P reitagabcndtische meines Gastgebers bei den verflackernden Talgkerzen über dieses tolle Auf und Ab des Lebens, die Vergänglichkeit im einzelnen und Unwandelbarkeit im ganzen. Draußen raunt und rauscht im nächtlichen Blau der Niemcn. Und icl denke: Was da hinunterfließt, kommt nicht wieder, aber