Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Fritz Mauthner
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH / wie dem Inhalte nach gewaltige Werke geschenkt hat: die ,,B e iträge zu einer Kritik der Sprache" in drei Bänden (1901 bis 1906), das „Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprach e", 2 Bände, 1910, endlich „Der A t h e i s m u 3 und seine Geschichte im Abendland e'*, 4 Bände, 1922 und 1823, sein letztes Werk. Die „Kritik der Sprache", Maulhmers orginellsles Buch, ist kein sprachwissenschaftliches Werk, wie man vielleicht nach dem 1 itel schließen könnte, sondern eine Art Erkenntniskritik. Mauthner hat an diesem Werk nach eigener Aussage mehr denn cm Vierteijahrhundert gearbeitet, und es offenbart sich aus dem Buche die ganze Fülie seiner Bildung, seiner vielseitigen Kenntnisse, die sich auf alle Gebiete der Wissenschaft erstrecken, und meiner geistigen Größe und Eigenart. Und dieses Werk ist— wie alle seine Schriften — in jenem wunderbar dahinfließenden, unendlich klaren Stil geschrieben, um den ihn mancher deutsche und auch mancher jüdische Philosoph beneiden könnte. Ich muß dabei an Henri Bergson denken, dessen irrationale, mystische Hcrzensergießungen, in einem höchst geschraubten Französisch vorgelragen, sich einer Verbreitung erfreuen, die geradezu unverständlich erscheint. Schopenhauers Schreibweise ist — bei all ihren Vorzügen -— doch ein wenig verzopft; sein jüdischer Zeitgenosse Börne, von Fieine gar nicht zu reden, schrieb eine viel bessere Prosa. Mauthner verzichtet darauf, beständig mit fremdsprachlichen Zitaten glänzen zu wollen. In grandioser Ruhe, nur hie und da durch die ihm eigene sarkastische Ironie unterbrochen, in architektonischem Aufbau, immer fesselnd, niemals langweilig oder gewollt spitzfindig, ebenso eindringlich wie wuchtig, entwickelt er seine Gedanken und führt er seine I hesen durch. Die Lektüre der „Kritik der Sprache" ist nicht nur ein hoher geistiger Gewinn, sie ist auch ein ästhetischer Genuß. Trotzdem ist d;is Buch keine leichte Kost. Für den Bestvorbereiteten wird ein mehrmaliges Studium desselben kaum erläßlich sein. Daß Mauthner sich stilistisch an Nietzsche geschult hat, sei nicht verschwiegen, doch fehlt ihm die Aufgeregtheit Nietzsches und auch die Sucht, jeden Satz, jeden Gedanken zu einem Aphorisma, zu einer Sentenz zuspitzen zu wollen. Es ist ein nutzloses Beginnen, die sprachkritischen Gedanken Mauthners in engem Rahmen darlegen, eine Analyse der „Kritik der Sprache" geben zu wollen, und daher bitte ich jene Leser, die das Buch kennen, im voraus um Verzeihung dafür, wenn ich es dech versuche, den roten I* aden aufzuzeigen, der Mauthners Lebenswerk durchzieht. Mauthner ist als Philosoph Eklektiker, das heilst, er schließt sich an keines der vorhandenen Systeme an, und er ist weiter als Erkenntniskritiker Agnostiker, das heißt, er leugnet die Möglichkeit einer absoluten Erkenntnis der Wirklichkeit. Ist er in dieser Hinsicht ein Geistesverwandter Kants, so unterscheidet er sich von ihm dadurch, daß er nicht so weit geht, Postulate aufzustellen. Gott sei Dank hat uns Mauthner kein neues System beschert — wir haben deren genug seit Plato bis auf Vaihinger — und wenn ich oben von Thesen gesprochen habe, so ist das so zu verstehen, daß er zum überwiegendsten Teile die Dogmen anderer vernichtet, selber aber recht wenig, allerdings Schwerwiegendes behauptet — und beweist. Die drei Bände der „Kritik der Sprache" sind betitelt: „Sprache und Psychologie", „Zur Sprachwissenschaft", „Grammatik und Logik". Mauthner geht von der Annahme aus, daß das Denken an die Sprache gebunden sei, daß Sprechen und Denken miteinander unlösbar verknüpft seien, sich wie Avers- und Reversseite einer Münze zueinander verhalten. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprechen und Denken ist uralt, schon Piatons „Kratylos" kennt sie. Hamann, der Lehrer Herders, und Nietzsche ahnten den Weg, den Mauthner betritt. Sonst glaubte man aber allgemein, daß das Denken das Primäre, Ursprüngliche, das Sprechen hingegen das Sekundäre, gleichsam eine Funktion des Denkens sei. Jodl äußerte sogar die Möglichkeit eines „sprachlosen Denkens". Mauthner meint, Sprechen und Denken seien identisch miteinander, keines könne ohne das andere existeren. Was kann uns nun das Denken, wenn es mit der Sprache zusammenfällt, in erkenntnistheoretischer Hinsicht nützen, oder anders ausgedrückt, kann uns das Denken eine Erkenntnis der Welt und ihrer letzten Gründe vermitteln? Mauthner verneint dies. Da das Denken an die Sprache gebunden ist, die Sprache aber die Erfahrungen unserer hin! Zulallssinnc und nur diese und keine anderen Erfahrungen — verwertet und mit diesen Erfahrungen die Wirklichkeit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausgeschöpft ist, so kann uns dieses Denken keine < cilkominjne Welterkenntnis liefern, denn sein einziges Werkzeug, die Sprache, ist unzulänglich. „Dies steht der Erkenntnis der Wahrheit am starrsten im Wege, daß die Menschen alle glauben zu denken, während sie doch nur sprechen, daß aber auch die F-U-nkgelehrlcn und Scelenforscher allesamt von einem Denken reden, Ihr welches das Sprechen höchstens das Werkzeug sein soll. Das aber nicht wahr, es gibt kein Denken ohne Sprechen, das heißt ohne Worte. Oder richtiger: Es gibt gar kein Denken, es gibt nur Sprechen. Das Denken ist das Sprechen, auf seinen Ladenweit hin beurteilt. Worte sind eingesalzene Heringe, konservierte alte Ware. Wer zu denken glaubt, der hat Hunger nach Mitteilung, und darum schmeckt ihm die eingesalzene alte Ware. Ein Denken über dem Sprechen, eine Logik über die Sprachlehre hinaus, einen Logcs über die Worte hinaus, Ideen über die Dinge hinaus gibt es so wenig wie eine Lebenskraft über dem Lebendigen, wie eine \\ arme über der Wärmeempfindung, wie eine Hundheit über den Hunden. Und wem ein Gefallen geschieht mit abstrakten Worten, der mag immer von einer Sprachigkeit reden, die zum Sprechen lührt. Sein Wissen wird davon etwa so viel gewinnen wie von: die 1 lere haben freie Bewegung, weil sie beweglich sind. Oder noch besser: die Tiere haben freie Bewegung, um die Beweglichkeit zu ermöglichen. Die Menschen sprechen, weil sie (denken) die Sprachigkeit besitzen. Die Menschen sprechen, urn ihre Sprachigkcit zu zeigen (um zu denken)." Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen ist nicht möglich: und Zeichen sind sprachliche Akte. Also ist die Sprache das Gedächtnis der Menschheit. Ein bloßes \& ortgedächtnis ohne Sachgedächtnis hätte etwas Papageienhaftes; ein bloßes Sachgedächtnis ohne das dazugehörige Wortgedächtnis wäre eine krankhafte Erscheinung. Beim normalen Menschen ist Sach- und Wortgedächtnis aufs engste miteinander verbunden. So ist die Sprache oder der W ortschatz eines Menschen eben nichts anderes als sein individuelles Gedächtnis für seine Erfahrung. Die Sprache ist nichts als Gedächtnis, weil sie gar nichts anderes sein kann. Gedächtnis aber ist Bewußtsein. Die Sprache ist zugleich unser Weltkatalog. „Eine große öffentliche Bibliothek wird bei uns gewöhnlich nach den Autoren, und zwar nach dem deutschen Alphabet geordnet; sie könnte ebensogut nach dem Runenalphabet geordnet werden und mit F anfangen; sie könnte in der Ordnung irgendeines Alphabets nach den behandelten Gegenständen geordnet werden. Und so aul hunderterlei Art. Und sie wäre immer dieselbe Bibliothek, und sie wäre immer gleich benutzbar, wenn dem Publikum nur das Einteilungsschema geläufig wäre. Genau ebenso scheint es mir um die Ordnung des Wissens in einem menschlichen Kcpfe zu stehen, nur freilich, daß das Enteilungsschema der menschlichen Wahrnehmungen, die Sprache nämlich, n ehr leistet als der Katalog für eine Bibliothek. Der Vorgang ist jedech derselbe. Wenn wir als Kinder unsere Muttersprache erlernen, nehmen wir ein Rcpositorium für alle erdenklichen Notizen in uns auf, die wir zeitlebens machen werden, wir übernehmen von unseren Vorfahren ihren fragmentarischen, vorläufigen, populären Weltkataiog, um die Fächer nachher mit unseren Erfahrungen auszufüllen. Dieser fragmentarische und wissenschaftlich völlig ungenügende Weltkatalog ist alles, was wir an Intelligenz besitzen; er ist unser ganzes bißchen menschliche Vernunft. Er ist ganz unzureichend für die immer wieder versuchte Erkenntnis der Wirklichkeitswelt, er ist aber, an sich betrachtet, ein ungeheures Werk, die gemeinsame Arbeit von Milliarden, die vor uns und darum für uns gelebt haben." Was ergibt sich demnach für die Erkenntnistheorie, da die Sprache das einzige und dabei völlig unzulängliche Werkzeug der Erkenntnis ist? Oder im Sinne Mauthners ausgedrückt, da die