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Menorah · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Article
Fritz Mauthner
Date
1924-06-01
Page
Seite 8 (sequence 3)
Language
German
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8 MENORAH Sprache die Erkenntnis selbst ist? Erkenntnistheorie ist daher Sprachkritik, und zwar eine solche, die alle Beziehungen unserer Welterkenntnis oder Sprache zur Geschichte, zur Logik und zur Psychologie aufzuklären sucht. So wächst die von den „Fachmetaphysikern" verachtete Erkenntnistheorie langsam zur Wissenschaft der Wissenschaften heran, sie wird zur einzigen Wissenschaft, weil wir ja nichts wissen als etwa das bißchen, was wir vom Wissen wissen. Sprachkritik ist daher die einzige Wissenschaft, sagt Mauthner. Dieser kühne Satz wird manchen Gelehrten, besonders den Naturwissenschaftlern, unverständlich erscheinen, ich muß zu seiner Erklärung noch einmal Mauthner selbst sprechen lassen: „Würden Erkenntnistheorie und Sprachkritik nicht zu einem einzigen Begriffe zusammenfallen, so kämen wir hier in nicht geringe Verlegenheit, weil wir doch auch die Sprachkritik als die einzige Wissenschaft proklamiert haben. Wir können aber Sprachkritik und Erkenntnistheorie einander gleichsetzen, wenn wir die Kantsche Erkennungstheorie nur so verstehen, wie sie gerade durch die neuere Auffassung der Sinnesorgane, die evolutionistische, uns allein noch vorstellbar geworden ist. Es hat nämlich die Physiologie gar keinen Grund, sich ihrer Übereinstimmung mit Kants Metaphysik zu rühmen; es ist da nur geschehen, was immer geschieht: die Naturwissenschaft hat sich in ihren abstraktesten Begriffen immer der zuletzt in Ansehen gewesenen Philosophie gefügt, und wäre diese Philosophie auch zufällig die letzte Religion gewesen1)." Was ergibt sich nun von diesem Standpunkte aus für die Lehre von den Gesetzen des Denkens, für die Logik? Da das Denken Sprache ist, sind die Gesetze des Denkens sprachliche und daher die Logik nichts Primäres, nichts Absolutes, sondern etwas aus der Sprache Gezogenes, von ihr durchaus Abhängiges. Es gibt für Mauthner keine absolute Logik. Und die berühmten logischen Kategorien des Aristoteles und Kant sind daher nichts anderes als sprachliche, grammatische Kategorien. „Wäre Kant ein Kamtschadale gewesen," sagt Mauthner, „er hätte zufolge der anders gearteten Sprache auch ganz andere logische Kategorien herausbekommen müssen." Unsere logischen Schlußformen sind ganz und gar von der Struktur unserer Sprachform abhängig, unsere abendländische Logik ist eine indogermanische, da sie auf der indogermanischen Sprache beruht. Aus dem Dargelegten darf man nun keineswegs schließen, daß Mauthner ein Feind aller positiven Wissenschaft ist, daß er etwa irgendein Glauben dem Wissen vorzieht. Mauthner warnt bloß davor, ein Spiel mit Worten für Wissenschaft zu halten. Um zum wirklichen Wissen zu kommen, müßten wir uns über die Sprache erheben können, was aber ebenso unmöglich ist, wie daß ein eine Mauer Ersteigender die Leiter unter sich hinwegzieht, um sie oben anzulegen. Mauthner gelangt durch seine Skeptik nicht zu einem Mystizismus, sondern bloß zur Resignation, zum Agnostizismus. Die Einzelwissenschaften mögen ihren Weg ruhig weitergehen, nur mögen sie nie vergessen, daß sie ihre Schlüsse, ihre Deduktionen mit Worten ziehen, daß sie Worte kombinieren und permutieren, um Gesetze aufzustellen, daß diese Worte ihre Geschichte haben, ihre Bedeutung im Laufe der Zeit unzählige Male ändern und daß die Sprache ein unzulängliches Mittel zur Erkenntnis ist. Die Exemplifikation seiner Anschauungen gibt nun Mauthner selbst in seinem „Philosophischen Wörterbuche", einem köstlichen Werke, das etwa mit Eislers bekanntem Nachschlagewerk bloß den Titel gemeinsam hat. Mauthners Buch ist eine alphabetisch geordnete Sammlung von Essays über ethische, ästhetische, philosophische, religiöse Fragen, in denen er zu zeigen versucht, daß l) Ich verweise bezüglich dieser Auffassung Mauthners von der Naturwissenschaft auf einen Aufsatz eines von Maulhncr im übrigen sehr verschiedenen Denkers, Wundls („Metaphysik", in dem Bande „Systematische Philosophie", 2. Auflage, Berlin 1908, Sammlung „Die Kultur der Gegenwart", Teil J. Abteilung VI, S. 103 bis 137). unsere diesbezüglichen Ansichten durchaus durch die Sprache bedingt sind, daß wir unsere metaphysischen Begriffe nur aus der Sprache ziehen und ziehen können. Dieses „Philosophische Wörterbuch" zeugt von Mauthners stupender Belesenheit und über alle Wissenschaften sich erstreckender Bildung (wenn einer der letzten Zeit den Namen eines Polyhistors verdient, so ist er es) und läßt die ganze Tiefgründigkeit seines Geistes erkennen. Es ist eine Enzyklopädie aller wichtigen Fragen und Probleme, die seit je den Menschen bedrängen. Die Methode, deren er sich bei ihrer Untersuchung bedient, ist die von ihm geschaffene sprachkritische, das heißt, er geht von der Geschichte des Worten, von seiner Bedeutungsentstehung und Bedeutungsentwicklung aus und zeigt so die Entwicklung der Begriffe. Daß er auf diesem Wege zu von den gewöhnlichen Anschauungen oft weitab liegenden Resultaten gelangt, die den Problemen viel tiefer zu Leibe rücken, als es vor ihm geschehen war, das ist das Erstaunliche und Schöne in diesem Buche. Man lese etwa die über die Naturwissenschaften handelnden Artikel „Entwicklungslehre", „Leben", „Seele", oder die Artikel „Freiheit", „Gott" nach, und man wird einen Begriff von der Größe des Denkers Mauthner bekommen. Mit diesem „Philosophischen Wörterbuche", das — sonderbar genug — erst eine, allerdings schon längst vergriffene Auflage erlebt hat, werden sich die Vertreter aller Wissenschaften befreunden müssen. Und ich sage es ruhig, dieses Buch wird, wenn es erst genügend bekannt und — verstanden sein wird, eine Revolution in allen Wissenschaften hervorrufen, vielleicht mancher von ihnen eine Katastrophe bereiten. Unsere Zeit hat ja nebst manchem Erfreulichen auch einen Wiederaufschwung des Okkultismus erlebt, der jetzt, mit dem Namen „Parapsychologie" geziert, sich ganz ernstlich als „Wissenschaft" ausgeben möchte. Man lese den kurzen, aber vielsagenden Artikel darüber bei Mauthner nach, und der fanatischeste Anhänger des Okkultismus wird, falls er nicht geistige Scheuklappen besitzt, sehr — sehr nachdenklich und betrübt werden. Aber auch den Philologen, den Psychologen, den Darwinianern, den Sophisten und anderen -isten wird dieses Buch ein Memento mori sein! Über Mauthners drittes großes Hauptwerk, den „Atheismus", den er am Abend seines Lebens, zum Teil buchstäblich auf dem Totenbette, verfaßte, möchte ich hier nur soviel bemerken, daß er darin ein Bild der Geschichte des Gottesbegriffs und der geistigen Freiheit seit dem Altertum entwirft. Die vier starken Bände enthalten eine Fülle historischen Materials, sehr vieles aus bisher unbekannten oder kaum herangezogenen Quellen gewonnen, und bilden sozusagen eine europäische Kulturgeschichte, woferne man Kulturgeschichte als Geschichte der geistigen Entwicklung auffaßt. Das Werk, das seit nicht viel mehr als einem Jahre fertig vorliegt und wegen seines hohen Anschaffungspreises wohl noch in wenig Bibliotheken zu finden ist, bildet einen wohltuenden Gegensatz zu den Salbadereien der Chamberlains und Konsorten, die Kulturgeschichte mit mißverstandenen biologischen Problemen verwechseln und die geistige Freiheit mit der Kasernierung der Juden und womöglich aller anderen Nichtdeutschen begründen möchten. Es ist eine stolze Reihe von Großen aus allen Lagern der Wissenschaft und Kunst, auf die das moderne Judentum hinweisen kann. Spinoza eröffnete diese Reihe, ihm folgten Männer, wie Mendelssohn-Bartholdy, Steinthal, Heine, Ludwig Geiger, Bizet, Mahler, Wassermann, Ehrlich, Einstein, Mauthner, von vielen, vielen andern zu schweigen. Ein Thesaurus aller hervorragenden Juden wird eine erstaunliche Illustration zu der Tatsache bilden, daß die Anzahl der Juden der Erde nur sechs Zehntel Prozent der Gesamtbevölkerung der Erde ausmacht. Unter den Männern des Geistes aber wird Mauthner ein besonderer Ehrenplatz gebühren, als einem jener Denker, die einen einzigen Feind, aber diesen mit aller Kraft und Rücksichtslosigkeit bekämpft haben: das Vorurteil. ETABLISSEMENT EDUARD SACHER iiiiiiiiiuiiiiiiimiiiiiiiiijiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiim WIEN, I., OPERNRING 11 - RENDEZVOUS DER VORNEHMEN WELT

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