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Menorah · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Article
Fritz Mauthner
Date
1924-06-01
Page
Seite 6 (sequence 1)
Language
German
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6 MENORAH FRITZ MAUTHNER Zu seinem einjährigen Todestage; Von Wilhelm L ö w i n g e r Kcibent sua fata libelli. Aber nicht immer das ihnen gebührende Schicksal. Als ich im Verlaufe meiner sprachwissenschaftlichen und sprachphilcsophischen Studien im Jahre 1915 Mauthners „Kritik der Sprache" in die Hand bekam, da griff ich mir an den Kopf und mußte mich fragen: Ja, wesh;\lb ist dieses Buch so wenig bekannt und gewürdigt? Ein reicher, weitumspannender Geist hat hier, wieder einmal seit Kant, die Grenzen der Erkenntnis abzustecken gesucht und ist dabei um eine wichtige FRITZ MAUTHNER Menomh (NW York) Etappe weiter gelangt als der Königsberger Philosoph, er hat auf diesem Wege wertvolle Einzelerkenntnisse gefunden, ungeheure Perspektiven eröffnet — und die wissenschaftliche Welt nimmt kaum Nctiz von diesem Manne, den ich, ohne Bedenken zu tragen, als einen der größten Geister des letzten halben Jahrhunderts betrachte. Liegt die Schuld an dem respekteinflößenden Umfang des über 2000 Seiten starken Werkes? Oder ist die Darstellung so esoterisch eder etwa gar so schleppend, so wenig (esselnd, daß man das Buch bei Seite 70 zuklappt — wie es (Hand aufs Herz!) gar manchem Weisheitshungrigen bei Kants „Kritik der reinen Vernunft" ergangen ist? Keines von beiden trifft zu. Die Ursache liegt anderswo. Unser Zeitalter, das an einer argen Uberschätzung der Naturwissenschaften leidet, zu einer — ich möchte sagen — Empiriomanie und unbegreiflichen Mißachtung aller Spekulation, die nicht auf Grund von Mikroskop und analytischer Wage arbeitet, gelangt ist, unser Zeitalter, das anderseits erst jüngst Spenglers Offenbarungen eine ganz übertriebene Beachtung geschenkt hat, ist an Mauthner ganz einfach blind vorübergegangen, etwa so, wie ein Laie einen ungeschliffenen Diamanten nicht erkennt, nicht, weil der Diamant in seinem Naturzustand nicht ebenso echt und rein "ist, sondern weil er das Auge nicht blendet. Mauthner, der Einsiedler von Meersburg, hatte keine Clique, die für ihn die Reklametrommel rührte, er hatte weiter das Glück, Jude zu sein, was für viele Nichtjuden Grund genug war, ihn ungelesen zu lassen, und er hatte endlich das Buch für solche Leser geschrieben, die ganz vorurteilslos und aller Teleologie abhold, an wissenschaftliche Probleme herantreten — und solche Leser hat er eben nicht viele gclunden, möglicherweise, weil es deren wenige gibt. Man verzeihe mir, falls ich den Bildungsgrad und den Bildungsdrang unserer mitteleuropäischen Leser, die zumeist Deutsche und zum geringen T eil Juden sind, verkenne. Aber dem Denker Mauthner soll sein Recht widerfahren. Die Lebensumstände Mauthners sind einfach genug. Als Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten am 22. November 1849 zu Horzitz bei Königgrätz geboren — Tschechen, Österreicher und Juden mögen sich dereinst um ihn streiten — lebte er seit seinem sechsten Jahre in Prag, wo er das Gymnasium und die juridische Fakultät absolvierte und nebstbei seit früher Jugend eifrig Sprach- und Literaturforschung betrieb. 187 I schrieb er seinen Sonettenzyklus „Die große Revolution", der ihm fast eine Anklage auf Hochverrat und Beleidigung gesetzlich anerkannter Konfessionen eingetragen hatte. Später ließ er kleinere Lustspiele folgen, die einigen Erfolg hatten, ohne sich auf den Bühnen zu behaupten, und widmete sich dann ausschließlich der Literatur, zunächst als feuilletonistischer Mitarbeiter der deutschen Blätter Prags und seit I 876 in Berlin, wo er besonders dem „Berliner Tageblatt", damals die beste Tageszeitung in deutscher Sprache, dem „Deutschen Montagsblatt" und dem „Schorerschen Familienblatt" seine Kräfte widmete. 1889 bis 1890 gab er eine Wochenschrift für Kunst, Literatur usw., „Deutschland", heraus, und seit 1891 gehörte er zu den Herausgebern des „Magazins für die Literatur des In- und Auslandes". Im Oktober 1895 trat er als Redakteur für Theaterkritik und literarisches Feuilleton beim „Berliner Tageblatt" ein, welche Stellung er 1905 aufgab, nach Freiburg i. 3. ging und 1909 nach Meersburg am Bodensee übersiedelte, wo er das sogenannte „Glaserhäusle" erwarb. Hier ist er am 29. Juni 1923 gestorben. Eine glückliche Ehe mit einer geistig hochstehenden Frau verschönte sein im übrigen sehr einsames Leben. Mauthner gehört zu den fruchtbarsten Schriftsteilern aller Zeiten. Von seinen drei großen philosophischen Werken abgesehen, hat er noch über siebzig Bände Dichtungen und Essays geschrieben, die fast alle literarischen Gattungen umfassen. Am bekanntesten sind einige Romane geworden: „D er letzte D e u lsche von Blatna" (1887, 5. Aufl. 1890), „Hypatia" (1 892, vielleicht sein bester Roman) , „D ie böhmische Handschrift" (1897); weiters die köstliche Erzählung „Vom armen Franischko" (1879), der schöne Ncvellenzyklus „Die Sonntage der Baronin'; ebenso beliebt sind, wie die Tatsache von 30 Auflagen beweist, seine pr.rodistischen Studien „Nach berühmten Mustern" und auch seine „T otengespräche" (1 906) geworden. — Unter den neueren Erscheinungen sind erwähnenswert „Spin oza" (1906, Monographie), „Schopenhauer" (1910); „Erinnerungen" (1918, Selbstbiographie), „Der letzte Tod des Gotaraa Buddha" u. a. Eine stattliche Reihe, wie man sieht! Dennoch steht der Dich',er und Essayist Mauthner hinter dem Philosophen Mauthner, der uns drei dem Umfange Für Sommerkleidung IlStll Kann & Fried m^m£

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