Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Article
- Abrechnung
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 13 (sequence 2)
- Language
- German
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13 MENORAH „Wo denn wohnt Ihr?" „Anderswo!" „Und wer wohnt hier?" „Niemand!" Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Früher aber war das Haus bewohnt und das nahm ein komisches Ende, Wachtmeister! Wollt Ihr die Geschichte hören?" Der Wachtmeister nickte nur, mit dem fetten Fleisch vollauf beschäftigt. „Die Geschichte tut gut zum Schlafen!" Die Frau drehte sich ganz zu ihm um, so daß ihr Gesicht im Schatten war, und begann: „Vor zwei Jahren, bei Kriegsausbruch, hat hier der Bauer Fedor Szumilo gewohnt. Er hat ein Weib gehabt und einen sehr schwachen Sohn. Er selber war Reservist, ist gleich anfangs eingerückt und man hat nie mehr von ihm gehört. Wahrscheinlich ist er tot. Die Bäuerin Olga hat die ganze Arbeit gehabt, denn der Sohn Gregor war erstens schwach und dann las er immerfort. Seine Mutter hat wollen, er soll studieren und geistlich werden." Der Wachtmeister fühlte bei allen diesen Namen eine dumpfe Erinnerung, aber er bekam nicht heraus, an was er sich erinnere und hörte nur aufmerksamer zu. „Die Russen sind damals durchgebrochen und die Österreicher sind zurückgegangen und es hat geheißen, daß alle Burschen, die in dem und dem Alter sind, mitmüssen, damit man sie hinten zu Soldaten macht und in den Krieg schickt. Die Bäuerin hat Furcht bekommen für ihren C*regor und hat sich gedacht, die Österreicher werden bald fort sein und kommen nie wieder. So hat sie niemanden etwas vom Gregor gesagt und hat ihn im Wald versteckt. Damals war hier in der Nähe ein Tram und zwei von den Soldaten waren in diesem Hause hier einquartiert. Die Bäuerin hat ihnen von allem reichlich gegeben, daß die mageren Kerle dick und fett geworden sind und bis sich alle beide in sie verschaut haben. Der eine hat Peter Pclacek geheißen, der zweite Jan Skalicka." Der Wachtmeister zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand an die Stirn. Die Erzählerin bemerkte es und frug ihn, ob er die beiden vielleicht kenne? — „Nein! Woher denn?" sagte er, sie solle nur weiter erzählen. „Ihr müßt aber wissen, daß sie kein solches Ding war, sondern jeden Tag an ihren Mann gedacht hat und gewartet, daß er zurückkommt. So haben die beiden nicht an sie herankönnen und hätten sie doch nicht nur um der Lust willen gebraucht, sondern auch zum Beistand, da beide sich verdächtig gemacht hatten und fliehen wollten. Die Bäuerin hörte einmal, wie sie davon auf böhmisch sprachen." „Woher könnt denn Ihr böhmisch?" fragte der Wachtmeister mit ruhiger Stimme. „Wo ich jetzt bin, lernt man viel!" sagte sie. „Aber hört nur zu. Die Geschichte fängt jetzt erst an! Der eine Bursche, der Skalicka, beginnt endlich zu drohen, sagt, er wird anzeigen, daß sie den Russen Nachricht bringt. Es ist kein Wort wahr gewesen, aber die Bäuerin hat Furcht bekommen, nicht für sich, sondern daß das Versteck ihres Gregor verraten wird und man ihn fortschleppt. Deswegen hat sie sich von den Burschen viel gefallen lassen, sehr viel, aber das Letzte doch nicht! Und wie die Soldaten einmal in der Scheuer mit Gewalt über sie sind und sie haben zwingen wollen, wehrt sie sich mit dem Messer. Feig waren die Burschen und laufen beide vor dem einen Weib davon. Aber die Wut frißt an ihnen und noch am selben Tag geht Skalicka zum Kommando und sagt aus. wie er es ihr gedroht hat. Das hat gleichzeitig ihn selbst von allem Verdacht reingewaschen. Man hat sie verhaftet, aber Furcht hat sie nur für ihren Sohn, den Gregor, gehabt. Der war freilich gut versteckt, ganz allein in einer Hütte im Wald, wo er am dichtesten ist. Wie die Bäuerin vor'm Gericht steht, denkt sie sich so: Mach's kurz, gib alles zu, so fragen sie nicht weiter und suchen nicht und finden nicht den Gregor. Und so hat sie's auch gehalten. Sie hat alles zugegeben, was man sie gefragt hat, hat sogar alle Wege beschrieben, auf denen sie zu den Russen geht, alles ganz genau, bis das Gericht gesagt hat, diese Genauigkeit der Angaben beweist ihre Schuld. Aber wie sollte sie die Wege nicht genau wissen, wo sie doch von Kind auf hier im Walde war? Kurz und gut, man verurteilt sie, daß man sie vor ihrem Hause, hier vor diesem Hause, aufhängt. Das hat sie sich dech nicht gedacht, obgleich doch Krieg war und sie sich's hätte denken können. Sie wird bewußtlos und man trägt sie fort. Wie sie im Stall, wo sie eingesperrt war, zu sich kommt, hockt neben ihr der andere Soldat, der Polacek, der sich für Geld hereingeschwindclt hat. Zuerst fürchtet sie, er hat ihr in der Ohnmacht Gewalt angetan, aber es war nichts und das war doch eigentlich seltsam! Er gibt ihr wieder gule Worte, aber als die bei ihr nichts helfen, droht er ihr, er wird ihren Buben, der so und so alt ist und dort und dort steckt, verraten. Wie er's erfahren hat? Wer weiß es? Sie erschrickt, aber sie besinnt sich und sagt: .Ich muß jetzt sterben und will nicht sündigen! Tu, was du willst. Gctt wird alles sehen und vielleicht wird er auch mich die Rache an Euch Zweien sehen lassen!' Er bettelt noch ein wenig. Dann geht er in vollem Zorn und verrät den Gregor. Man führt den in Ketten ab nach Krakau, macht ihn zum Soldaten und schickt ihn ins Feld. Er ist längst gefallen. Ich glaube am Bug am 21. Juli voriges Jahr." „Ja, clert sind viele drauf gegangen!" sagte der Wachtmeister gleichgültig, aber seine Stimme klang ganz tot. Er trank einen Schnaps nach dem anderen. „Sie selber," fuhr das Weib fort, als hätte sie ihn gar nicht gehört, „die Bäuerin, die Olga, hat man hierhergeführt und vorm Hause aufgehängt und hängen lassen. Dann sind die Österreicher abgezogen." „So hängt sie noch draußen!" schrie der Wachtmeister und sprang auf. „Jetzt nicht!" gab das Weib zurück: „Jetzt nicht! Aber was kümmert's Euch? —Der h!of ist leer geblieben und verfallen. JONA IN NIN1VEH (Aus n[)as Uiuh Jona", 17 Oris;iii;il-Litlio^r.ipliiL'ii)