Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Article
- Abrechnung
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1)
- Language
- German
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12 MENORAH ABRECHNUNG Denn jegliche Tat wird Gott bringen vor das Gericht über nlles Verborgene. (Prediger, XII, 14.) Der Wachtmeister Jan Skalicka und der Korporal Antonin Joch ritten, angeheitert und rauchend, durch die feuchte wolkige Septembernacht, über und über von dem unter den Pferdehufen aufspritzenden Kot bedeckt. Unter verschiedenen Gesprächen näherten sie sich einem schwarzen Walde, der sich von links her rechtwinkelig bis in die Mitte des Horizonts schob. Am Waldrand, wo sich der Weg gabelte, hielten sie an. „Mir kommt vor, wir kennen das Land schon?" meinte Joch und sah um sich in die dicke Dunkelheil. „Freilich kennen wir's! Wir waren ja im Vierzehner jähr da, oder doch hier herum! Da links, wo ich reiten rmiß, geht's nach Radziechow." „Stimmt, stimmt! Durch den Wald da ist die Kolonne damals zurückgegangen!" „Viele sind nicht durchgekommen, was?" „Das waren halt Zeiten, ja? Servus, Wachtmeister!" „Servus, Korporal!" Der Korporal bog rechts ab, er blieb auf der Hauptstraße, die sich längs des Waldsaumes hinzog. Der Wachtmeister betrachtete indessen mit aufdämmerndem Mißmut den zerfahrenen holprigen Karrenweg, der sich vor ihm ins Waldesdunkel verlor. Mit einem Seufzer und einem Fluch riß er schließlich seinen Gaul links herum und trieb ihn in den Wald. Beim zweiten Schritt schon war der schwache Lichtschimmer verschwunden, der draußen, trotz Neumond und Wolken, auf dem Lande gelegen hatte, und die Finsternis, die den Reiter einhüllte, war hoffnungslos und vollständig. Das Fluchen und das Herumleuchten mit der Taschenlampe half nichts. Bei jedem Schritt sank das Pferd tiefer in den grundlosen Schlamm und arbeitete sich immer schwerer wieder heraus. Es keuchte und stampfte, kam aber kaum vom Fleck. „Auf die Art brauch' ich drei Wochen bis zum Staffel!" knurrte der Wachtmeister und hieb dem Gaul mit jäher Wut die Fersen in den Leib. „Tra—a—ab!" kommandierte er, wie auf der Reitschule — und wie auf der Reitschule suchte das Pferd zu gehorchen; es ging wirklich etwas rascher. Plötzlich schnellte es zurück, taumelte wieder vor und fiel dann seitlings um wie ein Sack. Der Wachtmeister hatte noch Glück, nicht unter das Tier zu geraten. In der Wut seiner Trunkenheit hieb und trat er blind drauf los und konnte nur langsam begreifen, daß er dem Grund des Sturzes nachforschen müsse. Er leuchtete also auf dem Boden herum. Und er wurde fast nüchtern, als er sah, daß das Roß mit dem rechten Vorderhuf zwischen zwei Wurzeln geraten war und sich den Fuß knapp über dem Fesselgelenk glatt gebrochen hatte. Er schwankte zwischen den Entschlüssen, das „arme Vieh" zu erschießen oder den „verfluchten Schinder" zum Weiterlaufen zu zwingen. Dabei taumelte er, die Hand nachdenklich am Kinn, an einen Baurn, ließ die Taschenlampe fallen, die sofort erlosch, und setzte sich schwer nieder. Jetzt war er in völliger Finsternis! Das ernüchterte ihn doch ein wenig, denn er wußte, daß ihn das zwang, hier zu warten; im besten F alle, bis ein Fuhrwerk vorbeikäme, wahrscheinlicher aber bis zum Morgen; denn man mußte so betrunken sein, wie er es gewesen war, um bei solcher Finsternis diesen Weg zu wählen! Neuerlich fluchend, tastete er den Boden nach der Taschenlampe ab, beschmierte sich aber nur die Hände mit dem Schlamm, ohne das kostbare Ding zu finden. Da packte ihn seine berauschte Wut; er sprang entschlossen auf und ging gradaus in das Dunkel hinein. Er wollte durch um jeden Preis! Er trat auf festeren Boden und ging rascher, bis er an einen Baum stieß und merkte, daß er vom Wege ab in den Wald geraten sei. Er tastete um sich und traf auf allen Seiten nur Bäume. Er wußte, wie riesengroß dieser Wald sei und eine leise Angst beschlich ihn. Er beschloß, immer geradeaus zu laufen, um nur aus dem Forst hinauszukommen, sei es wo immer! Nach einigen Schritten aber schon schlug er mit der Stirn hart an einen Baumstamm und fiel nieder. Als er aus seiner halben Betäubung zu sich kam, glaubte er, aus der Finsternis Rascheln und Atemzüge zu hören. Instinktiv zog er den Revolver, denn in seiner momentanen Lage mußte er sogar Wildkatzen fürchten. Aber ein Licht flitzte auf — eine Fackel flammte empor — vor ihm stand plötzlich ein Mensch! Da es eine Frau war, steckte Wachtmeister Skalicka die Waffe weg und begann, die Gestalt scharf musternd, in höchst schadhaftem Ruthenisch um Hilfe zu bitten. Das Weib unterbrach ihn in fließendem Tschechisch, nur durch eine gewisse Heiserkeit und Hohlheit der Stimme das Angeleinte der Sprache verratend: „ihr habt Euch verirrt, Wachtmeister?" „Ihr sollt nicht zu kurz kommen, wenn Ihr mir die Straße zeigt!" „Ach, die Straße? Die ist weit!" „Wird nicht so weit sein, bei ein bissei gutem Willen!" Er zwinkerte und griff ihr unters Kinn. Das Weib trat zurück: „Wer sagt Euch, daß ich einen guten Willen hab'?" „Wenn man so schön ist . . Das Weib lachte auf, grell von der Fackel beleuchtet. Sie war nicht schön, mußte aber früher sehr schön gewesen sein. „Was redet Ihr da?" sagte sie. „Aber Ihr könnt bei mir übernachten und morgen geht mit Gott. Jetzt kommt mit!" Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und ging. Der Wachtmeister, mit dieser Entscheidung zufrieden, folgte ihr eiligst: Jetzt hatte er ein warmes Bett in Aussicht, ein gutes Nachtmahl gewiß auch und — vielleicht nech etwas anderes dazu! Die Weiber waren ja alle ganz toll geworden im Krieg! Die Männer so lang fort — was sollten sie da tun? Da kommt jede auf schlechte Gedanken! Seine Alte zu Hause gewiß auch! Im Zickzack ging der schmale Weg durch den Wald. Dem Wachtmeister schien es manchmal, als käme ihm das Weib, wie es sich so manchmal über die Schulter nach ihm umsah, bekannt vor. Doch sagte er nichts davon; er hatte hierherum vor zwei Jahren mancherlei Affären gehabt, Liebesaffären und andere, deren Andenken besser begraben blieb! Vielleicht hatte er auch mit diesem Weib etwas zu tun gehabt? Nun, sie würde ihn schon nicht erkennen! Damals war er vom Rückzug ausgehungert und zerlumpt gewesen, ein Soldat unter vielen Tausenden. Und jetzt? Er warf sich in die Brust und schielte auf seine Feldwebelstreifen und seine Auszeichnungen hinab. Das Weib stand vor einem einsamen stillen Bauernhaus still, stieß die Tür auf und ließ den Gast vorangehen; wieder glaubte er sich auch an dieses Haus zu erinnern; und als er die niedrige Stube sah, war er dessen gewiß. Das Weib zündete eine große gelbe Wachskerze an — aus einer Kirche gestohlen, wie der Wachtmeister bei sich konstatierte — und machte auf dem offenen Heide Feuer an. Plötzlich wandte sie sich um und fragte, die Hände in die Plüften gestemmt: „Habt Ihr Waffen bei Euch, Wachtmeister?" „Einen Revolver, freilich. Warum?" „Gebt ihn mir bis morgen! Ich mag keinen Mann hier im Haus mit Waffen!" Er lachte und willfahrte ihr. Sie steckte die Waffe ein und winkte mit dem Kopf, daß er sich setzen solle. Dann wirtschaftete sie beim Ofen herum und stellte nach einer Weile eine Schüssel Kartoffeln, ein Stück Schweinefleisch und eine Flasche starken Slibowitz vor ihn. Bevor er sich darauf stürzte, wollte er das Weib neben sich auf die Bank riehen, doch bestand es darauf, am Herde sitzen zu bleiben. Ihr sei kalt. Sie kauerte sich dort zusammen, und ihr scharfer Schatten vor dem roten Licht schien dem Wachtmeister fast unheimlich. Immer unbehaglicher sah er drein. Sie schien es zu bemerken. „Kennt Ihr das Haus?" fragte sie. „Wie kann ich Euer Haus kennen? Kenne ich doch Euch nicht!" „Ich wohne nicht hier, wenn es mir auch gehört."