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Menorah · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Article
Abrechnung
Date
1924-05-01
Page
Seite 14 (sequence 3)
Language
German
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14 MENORAH Jetzt sind es zwei Jahre her, ja gerade auf den Tag zwei Jahre! Was mit den beiden Soldaten geschehen ist? Die sind für ihre Angeberei emporgekommen und sind bald befördert worden. Der eine, der Skalicka, ist, sagt man, Wachtmeister, und der Polacek war zum Schluß Korporal —" „War Korporal?" fuhr es dem Wachtmeister heraus. „Ja freilich; er ist ja tot." „Polacek ist tot?" „Kennt Ihr ihn etwa doch? Freilich ist er tot. Heute ist es gerade ein Jahr her, daß er gestorben ist. Er liegt im Walde, bei der Hütte von dem Burschen, den er verraten hat. Wahrscheinlich hat er sich im Walde verirrt und ist verhungert. Wißt Ihr, was man sagt?" Sie machte eine Pause und lächelte dann: „Ihr werdet es freilich nicht glauben. Man kriegt ja Bildung beim Militär, gar wenn man's zum Wachtmeister bringt! Und was man so sagt, das sind Geschichten für alte Weiber." „Was sagt man? Was?" schrie der Wachtmeister. „Was schreit Ihr so? Gefällt Euch die Geschichte nicht^ Man sagt, daß die Bäuerin, dies Weib, die Olga, wie sie gestorben ist, in den Himmel gekommen ist und Gottvater selber hat ihr aufgemacht und hat ihr gesagt, sie soll um eine Gnade bitten. Und sie hat sich ausbedungen, daß sie alle Jahre in ihrer 1 odesnacht auf die Erde zurückdarf, hierher in diesen Wald, und auf die zwei Soldaten warten, um sich und ihren Sohn zu rächen. So sagt man. Ihr glaubt's wohl nicht?" „Nein, nein, nein!" schrie der Wachtmeister und tastete sich nach rückwärts zur Tür. „Ihr glaubt es wirklich nicht?" frug das Weib und stand auf. „Nein!" schrie er noch einmal und verstummte plötzlich. Eine so tiefe Stille war eingetreten, als habe das Feuer zu knistern vergessen und der Wald draußen zu rauschen. Die Kerze streckte ihre Flamme so hoch empor, daß es taghell wurde in der kahlen, spinnewebüberzogenen Stube. Das Weib, vom Licht hell bestrahlt, schien plötzlich jung zu werden. Kokett hielt sie die Falten ihrer golden, braun, rot und blau gestreiften, nach ruthenischer Art umgeworfenen Decke fest und aus dem schneeweißen Hemd sah lächelnd der hübsche nußbraune Kopf und die runden Arme. Plötzlich aber erbleichte sie, die Kinnlade klappte herunter, die Arme und Beine zuckten und streckten sich, die Augen verdrehten sich und brachen. Und dann verbreitete sich ein scheußlicher Leichengeruch. Die Gewänder vermoderten mit traumhafter Schnelligkeit, das Fleisch schwabberte gallertig und fiel in Brocken von den Knochen. Ein Windstoß brach klirrend die kleinen Fensterscheiben ein und bewegte das kahle Skelett, daß die bleichen Knochen klapperten. Der Wachtmeister schrie auf wie ein Toller, sprang an die Tür, daß sie einbrach und er niederfiel. Im Nu war er wieder auf den Beinen und lief mit vorgestreckten Armen blindlings in die lautbrausende tiefe Finsternis, bis er mit der Stirne an einen Baum stieß und bewußtlos zusammenbrach..... Es war Mittag, als er zu sich kam und sich das Blut von der Stirne wischte. Er blieb eine Weile stumpfsinnig sitzen, bis ihn der Flunger aufscheuchte. Jetzt in der Tageshelle wußte er zwar genau, daß alle Geschehnisse der Nacht nur Traum und eine Folge seiner Trunkenheit waren. Aber die Tatsache, daß er verirrt sei, ließ sich nicht aus der Welt schaffen. Er erinnerte sich an die Erzählungen von der Größe dieses Waldes und es rieselte ihm kalt über das Genick. Er tastete nach seiner Kartentasche und besann sich, daß sie in der Packtasche bei dem gestürzten Gaul geblieben war. In einem Anfall wütender Verzweillung griff er in seine Revolvertasche, aber die Waffe war fort; er mußte sie im Walde verloren haben. Er biß die Zähne zusammen und überlegte. Seine Verzweif hing war mehr die Wut eines eigenwilligen Menschen, der sich dem Zwange beugen muß, als die Feigheit eines Schwächlings. Der Zorn, daß er, der Wachtmeister Skalicka, vor dem die ganze Trainkolonne zitterte, hier so hilflos war, gab ihm die Kraft, etwas zu seiner Rettung zu versuchen. Er zog die Uhr heraus, um sich nach der Sonne zu orientieren; die Uhr stand. Mit einem Fluch warf er sie ins Dickicht und suchte die Ncidrichtung aus dem Moos der Bäume zu erkennen. Als er gefunden zu haben meinte, in welcher Richtung das Grün des Bodens und der Baumstämme am intensivsten war, schritt er hastig aus; denn er glaubte, daß die dadurch angezeigte Südrichtung für ihn die beste und der kürzeste Weg durch den Wald sei. Er ging bis zur späten Dämmerung, ohne den Waldrand zu erreichen. Er schlief erschöpft ein und ging im Morgengrauen wieder weiter, trotzig immer nur das eine Orientierungsmittel benützend. Er sah die Sonne rechts stehen: dort war sie doch auch gestern nachmittags gestanden! Wenn er nach Süden ging, mußte er doch die Sonne am Morgen links haben? Ging er etwa im Kreis? Aber sein hungermattes Hirn war schon zu verwirrt zu vernünftiger Überlegung. Er ging weiter. Plötzlich riß er die Augen auf, blieb stehen und lief dann aus aller Kraft: Er hatte das Dach eines Hauses durch den Wald schimmern sehen! Er brach durch das Dickicht und stand auf einer kleinen Lichtung vor der fensterlosen Hinterwand eines strohgedeckten Bauernhofes. Er lief um die Ecke und durch das offene Tor in den Hof. Da hing vom Giebel der Hütte an einem modrigen Strick ein Skelett, von dessen Hals und Hüften verschimmelte Tücher im Winde flatterten; und das ganze Gerippe schaukelte eintönig hin und her, so daß alle Knochen klapperten, Der Wachtmeister Jan Skalicka fiel schwer zu Boden. (Mit Genehminuiii; des Thy i.yes, Leipzig uiul Wien, dem Buche nüer Seelen-Spiegel", 121) Grotesken, entnommen)

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