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Menorah · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Article
Heiraten über Hals und Kopf
Date
1924-03-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 MENORAH 1 Mit meinem Schulkollegen Fciwelc erging es nicht anders. Zwar waren seine Eltern blutarme Leute, die sich ganze Nächte die Augen aus dem Kopfe blind arbeiteten, um ein Stückchen Brot zu verdienen, aber sollten sie dadurch weniger für ihr Kind fühlen? Sollten sie weniger für seine Zukunft besorgt sein? Überall rettete man, und warum sollten auch sie nicht ihr Kind rechtzeitig mit einem Weibe versehen? Dazu war ja auch ihr Feiwele schon in den Jahren; fünfzehn Lebensjahre, das ist ja auch unter normalen Verhältnissen die rechte Zeit zum Heiraten. Beim armen Schneiderlein aber wollte sich zum Unglücke kein einziger Schadehen zeigen. Man muß sich aber in Not selber zu behelfen wissen. Das war auch leicht getan. In der Nachbarschaft wohnte ein anderes Schneiderlein, das wieder ein Töchterlein hatte, was braucht es Besseres? Der Anknüpfungspunkt war schnell gefunden: „Was sagen Sie zu der bösen Gcsere?"1) begann Feiwels Vater zu seinem Nachbar mit einem tiefen Seufzer. ,,Gott hat uns schwer gestraft", gegenseufzte das zweite Schneiderlein. „Und was fangen Sie mit ihrem Töchterl an?" rückte Feiwels Vater vor. „Und Sie mit ihrem Feiwele?" machte der Zweite einen weitern Schritt. „Er liegt mir wie ein Berg auf dem Kopfe'', war die Antwort. Es entstand eine Pause, in der beide Schneiderlein unisono seufzten. Da macht Feiwels Vater einen energischen Griff in seine Schnupftabaksdose, aus der er auch seinem Nachbarn eine Prise anbot, und nachdem beide mit tüchtigen Ladungen ihre „Schmecker" bespeist hatten, ging Feiwels Vater mutig auf die Sache los. „Wissen Sie, Reb Chajim, da habe ich eine gute Idee." „Nun, so lassen Sie nur hören", drängte der Zweite. „Einfach, ich hab' ein Jüngel, Sie ein Mädel, machen wir aus Ihnen ein Paar!" ,,B'nemonesr'), da haben Se es ganz so wie ich gedacht — das ist ein Siwug") — aber wovon werden die Kinder leben?" „Gehen Sie mir mit diesen Fragen!" grollte Feiwels Vater. „Glauben Sie denn nicht an Gott? Wer hat unsere Eltern und Ureltern mit Brot versorgt?" „So ganz Unrecht haben Sie nicht, Reb Ahron, Gott hat Geld genug!" „Wären Sie also dabei?" „Und warum denn nicht?" „Und wann machen wir Hochzeit?" „Wer fragt heute .wann?' Natürlich noch heute?" „So sei es und mit Masel!"7) „Maseltow! Maseltow!"8) Feiwels Vater stürzte wie besessen zu seiner Frau, um ihr mitzuteilen, daß Feiwele Schlemasel°) ein Chossen geworden ist und daß noch heute die Hochzeit gefeiert wird. Während die beiderseitigen Eltern ihn über seinen Kopf hinweg mit einer Frau versorgten, saß unser Kollege Feiwele im Cheder und cr- *) Verhängnis. n) Wahrhaftig! Auf Ehre! ") Bestimmung. 7) Glück. *') Viel Glück. fl) Pechvogel. wartete voll Ungeduld seine Mutter, daß sie ihm wie gewöhnlich den Imbiß bringe, der in der Regel in einem trockenen Stück Brot bestand, und wenn Früchte billig waren, auch aus einem Apfel. Wirklich kam auch bald seine Mutter, aber den Imbiß brachte sie ihm diesmal nicht. „Feiwele, mein Leben, du wirst heule vor Abend nichts essen", eröffnete sie ihm die trostreiche Aussicht. Feiwele jedoch verkrümmte das Gesicht, und schon standen ihm die hellen Tränen in den Augen. „Mutter, ich bin hungrig!" rief er mit weinerlicher Stimme. „Geh*, Kind," beruhigte sie ihn, „von einen Tag fasten stirbt man nicht!" „Aber ich bin hungrig," versetzte Feiwele. „und heute ist nicht Jomkippur10), daß ich fasten soll." „Wer weiß", erwiderte die Mutter mit einem vielsagenden Achselzucken, „vielleicht für dich noch mehr als Jomkippur." Und mit dieser rätselhaften Antwort verließ sie das hungrige Feiwele und eilte geschäftig die Straße hinunter. Wir alle im Cheder fanden nicht weniger, als er. die Worte seiner Mutter rätselhaft. Warum soll für ihn der heutige Tag mehr als Jomkippur sein? Nur die Rebbezin11), die heute mit uns allein im Cheder war, denn ihr Mann Üef in den Gassen herum und vermittelte Partien — schien diese Worte nicht mißverstanden zu haben. Sie vertröstete sowohl Feiwele wie uns mit den Worten: „Ihr werdet schon heute alle erfahren, was mit Feiwele geschehen wird". Wir waren alle voller Spannung. Noch zerbrachen wir uns darüber den Kopf, da kam das Schneiderlein, Feiwcles Vater, ciüg, ganz rot vor Aufregung, ins Cheder gestürzt. „Wo ist Feiwele?" „Da bin ich," rannte Feiwele ihm entgegen, „hast du mir was zu essen gebracht, Vater, ich bin hungrig!" „Dem liegt noch solche Dummheit im Kopf!" grollte der Vater. „Komm nur schnell mit mir!" Und hastig, ohne nur weiter ein Wort zu sagen, faßte er sein Feiwele bei der Hand, setzte ihm den Hut auf, half ihm in die Pekische hinein und entführte ihn, schnell wie der Wind, dem Cheder. Das Erscheinen seines Vaters und die Hast, mit der er ihn dem Cheder entführte, kam uns noch rätselhafter vor; aber noch breiter zeigte sich das Schmunzeln auf dem Munde der Rebbczin, die uns unter Lachen zurief: „Nun, mit Feiwele sind wir fertig!" Versöhnungstag. ") Rabbinerin. Was sie damit meinte, verstand kein einziger von uns; aber noch an demselben Abend erfuhren wir alles. Da kam einer unserer Kollegen ganz erregt ins Cheder gerannt und rief uns schon bei der Türe zu: „Wollt's Ihr etwas Schönes sehen, so kommts!" Im Cheder herrschte seit einem Monate völlige Anarchie, denn unser absoluter Herrscher, der Melamed, überließ uns seit einiger Zeit ganz unserm Willen, und da liefen wir hinter unserm Kollegen, wie eine wildaufgelösle Herde über die Straße hin, bis zu einem kleinen Häuschen mit niedrigen, versunkenen Fenstern, wo wir mit unserm Anführer Halt machten. Da bot sich uns ein Anblick, der uns in dem ersten Augenblick ganz starr machte. Umgeben von vielen alten Leuten, alle in ihren Sabbalkleidern, thronte unser Feiwele an der Spitze der Tafel, gar putzig ausstaffiert: scliAvimmend in einer Atlasraswulki12), die einem ganzen Dutzend solcher kleinen Feiwelech bequem als Hinterhall dienen könnte, und über diesem ein weißer Leinwandkittel mit einem breiten Silberkragen, während eine Sabbatmütze mit zwölf abgegriffenen Zobelschwänzen sich ihm tief über den Kopf senkte, daß von ihm nur die Nasenspitze hervorsah. Feiwele hatte noch immer jenen weinerlichen Zug um den Mund, wie wenn er soeben wieder ausgerufen hätte: „Mutter, ich bin hungrig!" Würde aber Feiwele es nur geahnt haben, welche günstige Wendung sein Geschick auf einmal nehmen werde, er hätte gewiß nicht eine so sauertöpfische Miene gemacht. Feiwele nämlich war lange nicht der einzige, der über Hals und Kopf sich heute verheiraten mußte, vielmehr wimmelte die Stadt von lauter solchen Brautleuten. Wo nur das Auge hinblickte, begegnete es Hochzeitszügen, die so wirr von allen Seiten herbeiströmten, daß sie oft in eine Masse zusammenschmolzen und kaum mehr von einander zu unterscheiden waren. In der Synagoge arbeitete der Trauungshimmcl, der von früh morgens bis spät in die Nacht aufgespannt war, wie die Guillotine zur Zeit der Revolution, da sie Exekution nach Exekution vollzog und jede paar Minuten zwei neue Opfer verschlang. Zu vielen Zeremonien hatte heute der Rabbiner, der die Trauungen vornahm, nur wenig Zeit. Al'e.i ging mit schwindliger Raschheil, gleichsam mit Expreßzug. Auch beachtete man heule wenig die Sitte, nach der der Bräutigam mit seinen Unterführern unter dem Trauhimmel die Braut erwarten soll. Bunt bewegte sich alles durcheinander, bald erwartete der Bräutigam die Braut, bald diese den Bräutigam, und allzu oft langten sie gleichzeitig unter dem Trauhimmel an. Wer hatte in dieser keuchenden Hast Zeit dazu, auf Sitte und Ordnung zu schauen? Hauptsache ist, daß man nur rasch über Bord gelange! Mit heiwelc, eines Flickschneiders Sohn, machte man schon gar wenig Zeremonien. Als er mit seinen Unterführern anlangte, rückte ihm fast auf die Ferse auch die Braut mit ihren Unterführern nach, und schon standen sie beide unter dem Trauhimmel, er im Raswulki und Kittel und beide mit dem Streimel auf dem Kopfe, das <ich ihm so tief über die Augen senkte, daß ihm kaum '-) Eine Art Überzieher.

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