Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Article
- Heiraten über Hals und Kopf
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH HEIRATEN ÜBER HALS UND KOPF (Vor drei Jahren isl Natan Samucly, der Altmeister der Ghcttoerzälihmg, gestorben, ohne daß bisnun sein Nachlaß veröffentlicht worden wäre. Samucly war einer der eisten, die uns in deutscher Sprache vom Leben des polnischen Juden erzählte. Neben diesen Erzählungen hat er noch eine Reihe von poetischen Darstellungen in hebräischer Sprache veröffentlicht, in denen er das Milieu der Lemberger Judengassc, wo er lange Jahre lebte, /.um Gegenstande gewählt hat. Samucly hatte sich sowohl durch seine eigenen dichterischen Arbeiten, als auch durch die Übersetzungen der Werke Shakespeares, Racines und Schillers einen Ruf erworben, der über die Grenzen seines Vaterlandes hinausging. Wir bringen hier eine Probe seines Schaffens.) „Noch werden in den Städten Jchudas die Stimmen der Freude und der Lust ertönen, die Stimmen von Bräutigam und Braut, und das Jauchzen von Jünglingen bei ihrem Feslgelage." Diese Verheißung, die in einem der Segenssprüche ausgedrückt isl, sah ich vor vielen Jahren in meinem Geburlsstädtchen S. in Erfüllung gehen. Nach Plünderten zählten damals die Bräutigame, die dazumal an einem Tage ihre Bräute heimführten. Für keinen derselben jedoch hatte die Trauung einen so glücklichen Ausgang wie für meinen Jugend- und Chedergenossen beiwele, der der Held meiner Erzählung ist. Ja, mit einem Fluge gelangte nu'in Schulknllege Peiwelc aus der tiefen Niederung der Not und der Armut hinauf auf die sonnige Flöhe des Glückes, und wer ihm dazu verholfen hat, war kein anderer als eine glückliche Ehe. Diese glückliche Ehe aber verdankte er nicht seinen geistigen Vorzügen, denn bei aller Herzensgüte, die ihm nicht abzusprechen ist, war er doch einer der beschränktesten unter uns allen — ebensowenig verdankte er diese dem blinden Liebesgott, da er ja bis zum Moment der Trauung seine Braut noch nie gesehen hat, und überdies war er damals kaum fünfzehn und seine Braut kaum vierzehn Jahre, und jeder, der die damaligen Verhältnisse kannte, wird es wohl zugeben, dal.; bei solchen Kindern der Begriff „Liebe" ganz ausgeschlossen war — noch weniger aber war es der Vorzug seiner Geburt, der er diese Ehe zu verdanken hatte, denn das Verhältnis war just ein umgekehrtes, er war nur der Sohn eines armen Flickschncklerleins, während seine Braut die Tochter eines der Reichsten und Vornehmsten der Gemeinde war. — Am allerirrigsten aber wäre die Annahme, daf.i eine Mißgeslaltung der Braut alle diese Standesunterschiede ausgeglichen hätte, denn diese war vielmehr das schönste, blühendste und taufrischeste Mädchen der ganzen Stadt. — Wer also hatte sonst hier seine Hand im Spiel gehabt? Das will ich eben hier erzählen: Es war im Jahre lfc>59, als plötzlich in unserem Städtchen ein Gerücht in Umlauf kam, das überall Grauen und Entsetzen um sich verbreitete. In einem der nächsten Monate nämlich, hieI; es. werde ein neues Gesetz ins Leben treten, das jedem Juden die Ehe verbietet, bis er nicht das dreißigste Lebensjahr zurückgelegt haben wird. Woher dieses Gerücht kam? Niemand wuß'e es, es tauchte wie ein Gespenst mitten am hellen Tage auf. Welchen Zweck befolgt jenes hartherzige Gesetz? Man wußte es noch weniger, aber findige Leute wußten es sich zu deuten: Einfach, Erzählung von XATAN SAMUEL)' man wolle nach und nach den allen Stamm Israels ausdorren und abtöten lassen, ganz wie sie es in Ägypten beabsichtigt halten; denn wenn kein Heiraten, woher die Nachkommenschaft? Und wenn keine Nachkommenschaft, da muß ja ein Jahr früher oder später Israel von der Erde verschwinden. Wie von einem Taumel waren alle Köpfe ergriflen. Väter erblaßten, Mütter rangen verzweifelt die Hände. Was fangen wir jetzt mit unseren Kindern an? Sollen unsere Söhne erst als bärtige Männer heitateu, -u einer Zeit, wo sie schon Enkelkinder haben «ollten? Und die Töchter, sollen sie uns bis in die grauen Zöpfe sitzen bleiben? Das wäre ja eine untilgbare Schmach! Das einzige Wahre an diesem Gerüchte war nur, daß die Zeitungen von einem Gesetze erwähnten, nach welchem die Ehen erst dann Gültigkeit vor dem Gesetze haben sollten, nachdem die Beireffenden, ob Juden oder Christen, ihrer Militärpflicht genüge getan haben werden. Diese harmlose Zeitungsnotiz gestaltete die hama zu einem Schauermärchen, das die Köpfe der Väter und Mütter mit heilloser Verwirrung erfüllte. Retten! lautete der l eldruf von allen Seiten, retten, was sich retten läßt! Nur rasch über Hüls und Kopf mit unseren Kindern unter die Chuppe, bevor das schreckliche Gesetz in Kraft tritt und dann alles verloren sein wird. Achl-, zehnjährige Kinder, halbwüchsige Knaben, Mädchen, denen die Muttermilch von den Lippen noch nicht abgetrocknet ist, bleibt sich gleich welchen Alters, immer nur rasch sie zu einander paaren, jede der Eltern kann sich ja doch das Kind wieder nach Hause nehmen und zuwarten, bis es das Alter der Ehe erreichen wird, das heißt das dreizehnte oder ':^W^T^r vierzehnte Jahi — dal.'; «ie nur inzwischen der Form nach verheiratete Leute seien und nicht jenem schrecklichen Gesetze zum Opfer fallen! Auf einmal eröffnete sich eine neue, übersprudelnde Quelle des Erwerbes für Plünderte von Leuten — Schadehorn^1). Alte Weiberzogen die Juppen auf einen Ärmel an. Melamdiir) überließen die Schar ihrer Talmidim ) sich selber, zogen in ihrer Hast den Spodik auf der verkehrten Seite an und stürzten auf die Gasse hinaus, um Partien zu vermitteln. Das ging lustig vonstatten: der hat ein „Jüngcl", der ein „Mädel", nur rasch mit ihnen unter die Chuppe, daß aus ihnen ein wohlbestalltes Ehepaar werde. Mehr als einmal sah man ein winziges acht- oder zehnjähriges Jüngele an der Seite einer üppigen und formenreichen Maid von vierundzwanzig Jahren als Ehegemahl. Später geschah es oft, daß, wenn der Herr Gemahl sich nicht anständig aul führ'.e. ihn seine gestrenge krau Gemahlin übers Knie zog und ihm mit einein Rutenbündel den nicht näher zu bezeichnenden Körperteil tüchtig bearbeitete. Das war eine Plel/jagd, wie sie nicht wilder gedacht werden kann, das große Heer der „Treiber", die sich Schadchonim nennen, machte sich mit wahrer Weidelust über das Jungwild her, das sie zu Paaren unter den Trauhimmel trieb. Die Partie antragen, schließen, verloben und vermählen, war oft das Werk von zwei Stunden. Mit größerer blast und Eilfertigkeit zogen nicht die Juden aus Ägypten, als die Kleinen beiderlei Geschlechter in das gelobte Land der Ehe. ') Heiratsvermittlung. J) Lehrer. ") Schüler. Old jevsisli streut at Kazimierz on the VLstuia, Poland Alte Judengassc in Kazimicrz a. d. Weichsel, Polen litlin»rapliy hy J. Tom Nach einer Steinzeichniinu von J. Tom (\V;trselniii)