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Menorah · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Article
Heiraten über Hals und Kopf
Date
1924-03-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
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7 MENORAH die Nasenspitze hervorblickte, und sie nach aller Sitte tief verschleiert, daß von ihrem Gesichte gar nichts zu sehen war. Dazu dunkelte es bereits in der Synagoge, und die Wachs fackeln, die einige der Gäste in den Händen trugen, verbreiteten in dem dunklen Raum einen fahlen Schimmer, der die Gesichter in Leichenblässe erscheinen ließ; doch s'c gaben Licht genug, daß die Exekution vorgenommen werden konnte. Aber nur rasch vorwärts! Auf diese Trauung sollte die der Kinder der Reichsten und Vornehmsten der Stadt folgen, und da muß es etwas feierlicher sein, darum gilts keine Zeil zu verlieren. Schon war der Becher mit Wein gefüllt, der Rabbiner verrichtet den Segensspruch, schon diktiert er die Eheformel, die Feiwele gewissenhaft wiederholte: ,,Du bist mir angetraut durch diesen Ring nach dem Geseke Moses und Israels!" Schon setzt heiwclc seiner Braut den Ehering auf; schon zerstampft er mit einer Energie, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, das Glas unter seinen Füßen und schon langte ihm der Rabbiner den zweiten Becher hin, damit er diesen antrinke. Aber in diesem Augenblick erstrahlten auf einmal in der Synagoge mehrere Fackeln und alle Räume füllten sich mit einem neuen Hochzeitszug, aus dessen Mitte wirre Rufe sich vernehmen ließen: „Wo ist denn unsere Braut?" und gleichzeitig stürmte, ein hochgewachsener Mann bis zum Trauhimmel heran, wo er just in dem Augenblicke anlangte, als die Braut den Schleier zurückschlug, um vom Becher zu trinken, den ihr Feiwele hinlangte. Da entfuhr bei ihrem Anblicke dem bestürzten Vater — denn dieser war es eben—der jähe Schreckensruf: ,,Meine Tochter! Weh geschrien, meine Tochter wurde einem fremden Bräutigam angetraut!" Wie eine plötzliche Lähmung erfaßte es alle Anwesenden. Der Braut mit dem zurückgeschlagenen Schleier, der das frischeste und blühendste Gesichtchen enthüllte, entsank das Glas, das zu ihren Füßen zersplitterte. Feiwele ließ beide 1 lande sinken und glotzte wie geistesabwesend vor sich hin, und dem Rabbiner erstarrte das Wort im Munde, während alle Anwesenden wie versteinert stehen blieben, ohne sich von der Stelle zu rühren. Aber nach dem Augenblicke dieser lähmenden Bestürzung geriet wieder die Masse, wie galvanisiert, in Zuckung und Bewegung, und da erschollen wieder wirre Rufe von allen Seiten, die den erstarrten Vater wieder zu sich brachten, der jetzt mit verzweifelter Gebärde vor den Rabbiner hinlral: „Rabbi, was ist anzufangen? Meine Tochter das Weib eines Schnciderjüngels!" Der Rabbi fuhr sich einige Male mit der Hand über die Stirnc, und nach und nach seine Fassung gewinnend, nahm er eine ernste Miene an und glättete sich würdevoll den langen weißen Bart. „Schneiderjüngel!" wiederholte er gemessen, „und Reb Abba, der große Weise des Talmud, war er denn etwas anderes als ein Schneider? Nun, wenn er es war, so kann es keine Schande mehr sein, den Sohn eines Schneiders als Schwiegersohn zu haben!" Der Arme war von dieser Antwort ganz verblüfft, während der Rabbi mit feierlicher Stimme fortfuhr: „So höret mich, Reh Ähren, vorerst antworte mir: Glaubt Ihr an den lebendigen Göll?'* „Rabbi, wie kommt Ihr zu dieser trage?" erwiderte der Angeredete, „welcher fromme Jude glaubt nicht an den lebendigen Gott?" „So müsset Ihr auch daran glauben," fuhr der Rabbi feierlich fort, „daß Gott ein Lenker und Leiter ist der menschlichen Geschicke, daß nichts in der Welt geschieht, ohne daß er es voraus bestimmt hätte." Alle Anwesenden verharrten in feierlicher Slille, während der Rabbi nach einer kleinen Pause weiter fortfuhr: „Vierzig Tage, bevor das Kind geboren wird," heißt es bei uns im Talmud, „ruft man laut im Himmel aus: ,Dic Tochter von diesem und diesem sei bestimmt für diesen und diesen,' und das hat man auch bei Ihrer Tochter voraus verkündet. Gott hat verschiedene Wege, seinen Willen durchzusetzen. Und dieser seltsame Zufall, der sich jetzt hier zugetragen, ist ein Fingerzeig Gottes, daß es sein heiliger Wille ist, daß Ihre Tochter diesem da zum Weibe gehöre. Nun, wollt Ihr, ein Mensch von Fleisch und Blut, den Willen Gottes umstürzen?" Der Vater der Braut, ein frommer, gottesfürchtiger Jude, stand, während der Rabbi so zu ihm sprach, vor ihm mit gesenktem Haupte. „O," wimmerte er, „meiner großen Sünden wegen hat mich Gott so hart gestraft!" „Gestraft?" wiederholte der Rabbi in verweisendem Tone, „woher wisset Ihr es? Vielleicht iit es gerade ein großes Glück für Ihr Kind? Und so rufe ich Euch Maseltow! zu und alle, die hier anwesend sind und die fest an Gott und seine Bestimmung glauben, bitte ich, sie mögen mit mir einstimmen: Maseltow! Maseltow!" Da brach es, als der Rabbi geendet, wie aus einem Munde von allen Ecken und Enden der Synagoge hervor: „Maseltow! Maseltow!" während die Musik mit einem heiteren „Marsch" mitten hineinfiel, und beim Lichte der vielen Fackeln bewegte sich die Straße entlang der lange Hochzeitszug, dem die Eltern des Brautpaares, das Schneidcrlcin und sein Weib, wie toll vorantanzten. So geriet Feiwele ohne sein Hinzutun, rein nur durch den launischen Zufall, aus der tiefen Niederung der Armut auf die sonnige Höhe des Glückes. Er war der Schwiegersohn eines der reichsten und angesehensten Männer der Gemeinde und der Ehcgcmahl eines reizenden Weibchens, das er, umgeben von Hochzeitsgästen, festgeschmiegt am Arme in das Haus ihrer Eltern führte, wo ihn jahrelange Kost und alles Gutv erwartete. Einige Wochen später erschien Feiwele wieder bei uns im Cheder, völlig umgewandelt, in neuen Seidenkleidern, die ihm die Schwiegereltern inzwischen anfertigen ließen, mit einer teuren Zobelmütze auf dem Haupte, und um uns seine Schätze zeigen zu können, fragte er uns nach der Tagesstunde, wobei er gleichzeitig, zu unserer Überraschung, aus seiner Westentasche eine blinkende goldene Uhr hervorzog, die an einer schweren goldenen Kette hing. „Und wie stehts mit dem Hunger?" fragte ihn die Rebbezin spaßhaft, „bist du noch immer hungrig, Feiwele?" Feiwele brach in Iaules Freudengelächter aus. „Wenn ich 's einmal bin," erwiderte er heiter und wohlgemut, „dann sage ich nicht mehr ,Mutter', sondern ,Malkele\ ich bin hungrig, und sie hat mich für ihr Leben lieb, mein Malkele, daß sie mir das Teilerl vom Lümmel herunterlangen möchte!"

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