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Menorah · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1924-01-01
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
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8 MENORAH haften Licht. Das Wasser rauschte, und nichts Bewegtes war zu sehen, außer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem jüdischen Zug an der Straße. Da sich den Mauern cles Bes Chajim näherten, kam aus dem weitgeölfnetem 1 or ein Weib mit aufgelösten Hanren gelaufen und stammelte, oft unterbrochen durch staunende, erschreckte Ausrufe der Zuhörer, ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai, Stern der Höhe! Alle blickten .\n gestrengt hinüber. Der Gräberorl lag ausgebreitet an einer Hügelrenkung und die /ahllosen Grabsteine gaben ihm ein phanlaclisch zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene, baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie Totcninscln lagen. Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das Tor. Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend, zum Grab des schönen Jorrph. Am muligsten waren die Knaben; sie sangen ein Lied vom Stolze Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen erfüllten weithin die Nacht. Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger dci Christen stieß, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden. Deutlich war die alte Vesle mi' ihrem düsteren Wald sichtbar und ein flötender Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und Obaclia Änsel Stcinblaser trat als Vorbelcr heraus, um die in Schulden Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen. Aber er fing nicht an; Minuten vergingen, und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten schon die Furcht vor den Christen, die sie veranlal.it hatte, die Zeremonie zur Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlössen die Augen, um nichts sehen /u müssen. Als aber Obaclia Änsel noch immer keinen Laut von sich gab, niihertcn sie sich ihm, so dicht sie konnten, und und seihen sie, daß er mit aufgerissenen Augen und leichenfahlem Gesicht beständig nach einem Punkte starrte. Die Stille tödlichen Schreckens cntsland, als ob alle auf einmal zu atmen aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von dorther, eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden Sprache. Der Totengräber und der Rabbi Seligman in der Clauß waren die mutigsten, und da es doch eine menschliche Stimme war, die sie vernahmen, so folgten schließlich auch die anderen Männer, dann die Kinder und zuletzt die Plauen. Niemand erkannte Zirlc in dem jungen Mädchen. Nur mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren. Wer sie so gewahrte, mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen, daß sie bedrückte. Aber es war etwas Listiges in ihrem Schmerz und etwas Begehrliches in ihren klagenden Augen. „Was willisl du hier? Liegt wer von den Deinigcn hier begraben?" fragte Änsel Steinblaser flüsternd. Ein junges Weib bot ihr ein wollene aber Zilie wies es schweigend zurück, „Flörl, was ich euch erzählen v das Mädchen und flüchtige Schauer sie, während sie sich alle dicht herandrängten. ,,lch bin im Kloster gewesen und Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus Christus zu glauben. Aber als Kind war ich Jüdin und meine Heimat s Tuch II , sagte überliefen L JL±;f53Cte -■.■Wr'yrr^i xl; »ytsiwocft^ "*^mjj / * Txttcft« Tft&xfrtrsn! '"\Uä7f3EV \\\ 'v^DUVufvi (/ / i fiMsit*1 x u; i (u i TrsrtwsHTinsTW vvh /••--?> _ irr : J»U31 'ft H< V* f iWt*^ rft~ü"T^ltj[ l;'\^r^?Tab -y»»^ zsrzj |^ 'tttraha Txr/^vh -7ns;. 1 l Z"""7* ^»aaa^Tr^fiß ' ' ij^?IVWV5WÜ ju VU'^'K *" -ji'^^orry.ris^-s-n'üyTi:;;! |vrs^-^TOW'TO«? -y^n',' i ,' l'1 iP* *h TC^^Z: '• /; \ -?vyr> WJ^JWSW' W'n^vxaftn* ^tww rravh ^3t< cra-b p tt: . 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Wieder eines Tages entlief ich, und Zigeuner nahmen mich auf. Ich lebte bei ihnen wie in einem bösen Traum und von Stimmen umgeben, die mich riefen in der Nacht. Der Bräutigam wartet, riefen sie, er breitet seine Arme aus und wartet; er ist mehr als Jesus Christus, er ist selber Gott." „Und gestern war es, gen Morgengrauen, da kam mein Vater zu mir im Schlaf. Der Herr der Heerscharen hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt, sagte er. Du sollst ihm entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist, aus Jakob, wie es in der Bibel steht. Den ganzen Tag war ich voll Angst und konnte nicht Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich hierher." Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo die LI and cles Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an der linken Hüfte waren blutige Schrammen. Ein langes Schweigen entstand. Sonderbare Scheu hielt jeden ab, das junge Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit, geheimnisvolle Ekstase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten sie gesehen oder gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren Augen, machte sie verdutzt und erfüllte sie mit Angst. Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Tores auf und kam mit dumpf-unruhigem Gcmuimel r.äher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln an, die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen und deren Rauch die Mondscheibe verdüsterte. Von der Senkung des Flügels kam Zacharias Naar herauf, nahm Zilie bei der Hand und sagte laut und vernehmlich: „Führe sie, Tochter Zions! Alle, die da kommen, werden sich dir beugen.' In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall standen aufgeregte Leute. Von Oltensoos, Schnaittach, Unlerfarnbach und Hüttenbach waren die Juden hereingekommen. Niemand wußte, wie sich das Gerücht so schnell verbreitet hatte, zu Fürth habe sich Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben, jede Stunde sei unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden, Samuel Ermicuther und Nachman Sandel Mahler, maikgräfischer Schulklopfer, halten große kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut: Rosen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Gärtnerei. Girlanden hingen an den Fenstern, und goldene und silberne Leuchter standen aul den Simsen. Flöher und höher, sturmflutgleich, stieg der Aufruhr der Gemüter. Da war ein kluger und vielgereister Jude, namens lJavid Tischbeck, ein Bruderssohn des Wolf Bierescl; er erzählte, daß überall in deutschen, österreichischen, italienischen und spanischen Landen ein so wüster Taumel, eine so entsetzliche Verwirrung herrsche, daß niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder sein Kind in Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Könige begannen für ihren 1 hron zu zittern. Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias

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