Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Die Juden von Zirndorf
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 7 ^Jafzoö ^Wassermann / Die ^Juden von Zirndorf fDas 'Vorspiel (Fortsetzung) Allmählich wurden die Gassen mondhell. Herüber von den Wäldern der Veste wogten herbstliche Dünste. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht, schimmerten silbern und zitterten im Abendwind. Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten den unbestimmten Trieb, wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen waren auf dem Wege der Erfüllung, und die Schwülnis, die vom Morgenland herüberkam, war so drückend wie einst vor sechzehnhundert Jahren, als man Jesus Christus gekreuzigt hatte. Junge jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher mit aufgelösten Haaren; manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von übermäßigem Weingenuß. Knaben saßen in Gruppen vor den Türen und sangen Psalmen und Hymnen an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise -versammelt und gaben sich mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala hin. Es erhob sich in einem Haus am Kohlmarkt der neunzigjährig'? Chajim Chaini Rappaport und sprach: „Wäre er es nicht, der die Schmerzen von Israel über sich nähme, wahrlich, kein Mensch wäre es zu erdulden imstande. Unsere Krankheilen wird er tragen und alle Übel und Schmerzen nimmt er ab von der Welt." Dann verkündete er, Zabbaiai Zewi habe den vierbuchstabigen Gottcsnamen auszuspi edlen gewagt und der Türke Murad Effendi sei dadurch bekehrt worden. Im Hause des Ober-Rabbi waren fünfzig Männer und Frauen zu einem Mahl vereinigt. Je weiter der Abend Fortschritt, je ungezügelter wurde der Freudenrausch, je heißer wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von Erregungen seltsamer Art. Viele warfen die silbernen Becher in die Luft und viele knieten hin und schrien mit heiserer Stimme Gebete. Der Rabbi selbst war es, der zuerst die Kleider von sich warf und dann der schönen Esther Frankel das Gewand vom Leibe zerrte. Ihre Lippen küßten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich umschlungen und nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz umher. Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der Erlösungen: wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst zerfleischt und «eine eigene Habe zerstört. M.inner, die schon an der Schwelle des Greisentums standen, gebärdclen sich wie Faune. Weiber mit grauen Haaren gaben sich beklagenswerter Vcrirrung hin. Die Thelsela Knöcker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit kindischer Stimme hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos zu Boden sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer rasenden Licbesgier überließen, als wollten sie damit die Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen. Manche sahen aus wie schwinden. Auch der alte Thurathara, dessen gerötete Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hcrvorblitztcn, hatte die Erscheinung wahrgenommen und behauptete, j'-ner habe ein wunderschönes blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd und heiter habe d is goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben geschaut. Der alte Scligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter bedecken, wollte sie mit seinem Mantel verhüllen; aber jauchzend, mit halbgeöffneten Lippen lief die schwarze Noemi davon, war f sich Nach einem zeitgenössischen Kupferstiche Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten und sich schamlos in finstern Lastern begruben. Geschrei, Ächzen und schrilles Johlen herrschte und eine scheußliche Musik wurde ausgeübt von fünf betrunkenen Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei oder vier Männer in einer dunklen Ecke hersagten, oder ein fanalischer Schrei um Erlösung, der von einem Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde. Michel Chascd, der Chassan, hatte die Gcsctzrolle von der Schul geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten; er trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht, und als er keuchend, die andern gleichsam um Atem bettelnd, hinstürzte, bohrte er eine stählerne Nadel tief in den Oberarm, daß dunkelrotcs Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann. Boruchs Kloß, Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd das halbgeronnene Blut, indes der Chassan stumm und steif in die Arme seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen den bleichen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände heben und wieder veri die Arme ihrer Freundin, der Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen küßten sieh, warten sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper aneinander. Ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner hamilie auf den Dielen; denn sie schliefen nicht mein in Betten. Bei Tage hüllten sie sich in Tücher von groben Stofl und hörten nicht auf, zu beten. Es gab Männer, die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich lag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes befaßten, denn durch die Tikkunim in der Mittel nachtsstundc wurden die Sünden verwischt. Maier Wolf, genannt der Fünklcr, und sein Eirucler Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dein kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß, um ihren Leib zu reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war bald ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen tummelte und sich geißelte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war. Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam die Familie des schönen Joseph auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal hinweg. Es war eine Menge Menschen dabei: Frauen und Kinder, die sich mit farbigen Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen. Auch viele Männer hatten sich eingefunden. Im langsam, schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem Stein, der mit goldbestickter Samtschärpe umwunden war. Der Mond lugte über das Dach der Michaeliskirche, und es war, als müsse man überall erst die feinen Nebel zerreißen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht. Über dem Fluß, weit hinunter bis an die ferne Waldgrenzen lag der Dunst gleich einem weißem Gewölbe oder wie die lange Säulenhalle eines Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und da ein rätsei-