Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Die Juden von Zirndorf
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 3)
- Language
- German
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- Agen 1× ep/1043981
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M E N O R A H 9 Naar am Haus des Ober-Rabbi vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde Schreie, leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus. Naar ging versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die Häuser bald in Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem spitzen, dütenförmigen Flut, der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weißem Rand war, schritt unter den tiefhängenden Ästen der Bäume dahin, und die braungewordenen Blätter gerieten in leise Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar ließ sich unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich zu recker. und zu dehnen, und der Schlaf Ilo:; auf von ihr in Gestalt der Raben und Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher. „Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mörders. Mein Geist schreit nach dir. Der blasse Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da du kommst. Du liegst schon schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand. Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugtuung sind nichts mehr vor dir. Soll ich lächelnd an den kommenden Morgen denken, wenn du enteilst) Die Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag Was ist im Himmel und auf Erden, nul.ier der Liebe, Leib der Leiber und Schoß aller Schöße! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe durch die Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab. Ich gehe Gott suchen." Hastm fuhr der Stift wieder über das beschriebene und machte es unleserlich Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder weg und schaute bitteren Mundes hinaus ins Land, über dem die Sonne kam. Zum zweiten Male nahm er den Sift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: „Ist ein Gott in diesem leeren All? Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern. Ist ein Gott, daß er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, daß er den Höfling demütige? Ist ein barmherzigei Vater, der das Feuer stillt, wenn es des armen Dach beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt, dem frierenden Hund eine Hütte gibt? Ich rufe dich. Ewiger, und deine Welten verneinen dich, deine Sonnen verleugnen dich. Ich suchte dich, und nirgends land ich dich. Die Himmel sind echolos, wenn ich dich rufe, schweigend starren die Wälder. Allein ich bin gegangen im Angesicht der Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und maßlos dehnen sich die Himmel, aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein Lächeln, und wer gut ist, verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten. Aber laß es laufen, das Volk, laß es springen zu den Kammern des Todes. Wo bist du, Gott? Bist du, wo das Jahr zeitlos ist und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname? Bist du, wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt? Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten verschlafen? Ach, wo lauf ich hin? Der Flimmcl ist nur in mir. Wo ist Raum für meine Seele?" Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den ITäusern zu. Im Schindlhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit Kerzen in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin, unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie sollten cinnander vermählt werden, denn es war der Glaube jener Zeit, dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintieffen des Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Namen Benjamin und Eva waren, hielten sich fest an den Fländen, und ihre Augen standen voll Tränen; wenn sie sich einander anschauten, so geschah es gleichzeitig, und sie lächelten dabei schwermütig wie Menschen, denen eine Strafe bevorsteht, der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht verdient haben. Phötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit glühender Röte. Die schwarze Noemi kam mit ihrer Freundin nackt die Gasse heruntergelaufen, und trotz der frischen HerbstinorgenluIt schienen ihre Körper heiß zu sein von Tan? und .Ausschweifungen. Schier besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jeden; Laut ihres Mundes war etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen vor Scham; in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben, und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen- Der sonderbare Brautzug kam in cm buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz ging eine Kindrrprozession, und jedes Kind trug einen Teller südländischer Früchte oder Schalen mit Wein oder Backwerk. In diesen 1 agen des Wahnsinns ging auch kein Chris' im weiten Umkreis seinen Geschäften nach, und keiner, wie mächtig er auch sein mochte, versuchte, den leidenschaftlichen Brand, der unter dem verachteten und verhaßten JudenvoU: ausgebrochen war. zu dämpfen oder gar zu verspotten. Fremde Musikanten kamen des Wegs (es wußte niemand, woher) und spielten auf Instrumenten, die man vorher niemals gehört. Alles war zauberisch, überirdisch, aufregend und bestürzend. Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dor» nahm ein junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung war, daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianisch? Reich. Die Zeremonie geschah mit einem mächtigen Hunde, und das junge Mädchen sang dabei wilde Lieder und schrie verzückt. "Die Zuschauer waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert, aber sie empfanden es gleichwohl als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier. Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der Synagoge blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf in alle Gassen, hinweg über alle Häuser — wie ein Ruf aus den dunklen Teilen der Kabbala. Eine Krone auf dem Haar, kam Zirle einher, mit einem Gefolge wie eine Fürstin. Wer sie sah. glaubte an sie wie an den Erlöser selbst. Ein junger Christ namens Wagenscü, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt. Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten, und Zirle erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit; sie hatte etwas Glänzendes in jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft, wenn sie vor ihnen stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den hastenden und Betenden und richtete sie auf. Denn manche wälzten sich tagelang wie Würmer auf der F.rde, enthielten sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos in den feuchten Win- „Portrat meines Mannes " Anna Walt-Kammercr. Wien Der Biologe Dr. Paul Kaiinnerer