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Menorah · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die eiserne Wand
Date
1923-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 MENORAH Ganzes fähig wäre, seinen eifersüchtigen Patriotismus zu verkaufen, etwas, das nicht einmal die Papuas verkauft haben. Jedes Volk kämpft gegen die Kolonisation, so lange es noch die geringste Hoffnung hat, sich von der Gefahr der Kolonisation zu befreien. So handeln die Araber von Palästina und so werden sie auch handeln, solange sie noch einen Funken solcher Hoffnung haben. II. Viele von uns glauben noch immer naiv, daß hier nur ein Mißverständnis vorliegt: Die Araber hätten uns nicht verstanden und deshalb seien sie gegen uns; und nun, wenn wir ihnen erläutern könnten, was % für bescheidene Absichten wir haben, so würden sie uns die Hand reichen. Dies ist ein wiederholt nachgewiesener Irrtum. Ich will nur an einem Fall von vielen erinnern. Vor ungefähr drei Jahren hat Herr Sokolow während seines Aufenthaltes in Palästina über dieses „Mißverständnis" eine große Rede gehalten. Er hat klar bewiesen, wie sehr sich die Araber irren, wenn sie glauben, daß wir ihnen ihr Eigentum wegnehmen oder sie zum Auswandern zwingen oder sie unterdrücken wollen. Wir wollen nicht einmal eine jüdische Regierung, wir wollen nur eine Regierung als Mandatarin des Völkerbundes. Diese Rede hat damals die arabische Zeitung „El- Carmcl" in einem Leitartikel beantwortet, dessen Sinn ich hier zwar aus dem Gedächtnisse, aber genau widergebe: Die Zionisten regen sich unnötig auf; es liegt gar kein Mißverständnis vor. Herr Sokolow sagt die Wahrheit, aber die Araber verstehen sie auch ohne ihn sehr gut. Gewiß träumen die Zionistcn jetzt weder von einer Verdrängung der Araber noch von ihrer Unterdrückung: noch von einer jüdischen Regierung. Derzeit wollen sie nur eines, daß die Araber sie ungehindert einwandern lassen sollen. Die Zionistcn versichern, daß sie nur in denjenigen Quoten imigricren werden, die nach der wirtschaftlichen Tragkraft Palästinas zweckmäßig erscheinen. Die Araber haben dies auch niemals bezweifelt: das ist doch ein T r u i s m u s, in einer anderen Weise ist es doch nicht denkbar, zu imigrieren. Der arabische Redakteur ist sogar gerne bereit, zuzugeben, daß die potentielle Fassungskraft Palästinas sehr groß ist, das heißt, daß man im Lande beliebig viel Juden ansiedeln kann, ohne einen einzigen Araber zu verdrängen. „Nur das" wollen auch die Zionisten und eben dasselbe wollen die Araber n i c h t. Weil nämlich dann die Juden die Majorität erhalten werden, woraus schon automatisch eine jüdische Regierung entstehen wird; und dann wird das Schicksal der arabischen Minorität vom guten Willen der Juden abhängig sein; und daß die Lage einer Minorität nicht sehr vorteilhaft ist davon erzählen doch die Juden selbst mit ganz besonderer Beredtsamkeit. Es sind daher gar keine Mißverständnisse vorhanden. Die Juden wollen nur eins, die Freiheit der Imigration; die Araber wollen aber eben die jüdische Imigration nicht. Diese Erwägung des arabischen Redakteurs ist so klar und unwiderlegbar, daß man sie auswendig lernen und allen unseren weiteren Exkursionen in die Araberfrage als Leitsatz zugrundelegen sollte. Es handelt sich nicht darum, welche Worte, ob Theodor Herzl's oder Herbert Samuel's, wir für die Aufklärung unserer kolonisatorischen Bemühungen benützen werden. Die Kolonisation trägt in sich selbst ihre einzige, unveräußerliche, jedem normalen Juden und jedem normalen Araber verständliche Erklärung. Die Kolonisation kann nur ein Ziel haben; für die palästinensischen Araber ist dieses Ziel unannehmbar; das liegt alles in der Naiur der Dinge, und leider läßt sich diese Natur nicht ändern. III. Vielen scheint folgender Plan verlockend zu seia: die Einwilligung für den Zionismus nicht von den palästinensischen Arabern zu erlangen, da dies unmöglich ist, sondern von der übrigen arabischen Welt — Syrien, Mesopotamien, Hcdschas und sogar Ägypten. Falls etwas derartiges denkbar wäre, so würde dies doch nichts im Grunde ändern. In Palästina Jemenitischer Jude Hermann Struck (Berlin — Haifa 1(I2:<) selbst wäre das Verhältnis der Araber zu uns dasselbe geblieben. Seinerzeit sind als Preis für die Einigung Italiens das Trento und Triest unter österreichischer Herrschaft geblieben. Die italienischen Bewohner des Trento und von Triest haben sich aber damit nicht befriedigt, sondern setzten im Gegenteil mit einer verdreifachten Energie den Kampf gegen Österreich fort. Falls es auch gelänge (woran ich zweifle), die Araber von Bagdad und Mekka zu überreden, daß Palästina für sie nur ein kleines, bedeutungsloses Grenzgebiet ist, so würde auch dann Palästina für die palästinensischen Araber nicht ein Grenzgebiet, sondern ihr einziges Vaterland, der Mittelpunkt und die Stütze ihrer eigenen nationalen Existenz bleiben. Deshalb wäre man auch dann gezwungen, die Kolonisation gegen den Willen der palästinensischen Araber zu unternehmen, das heißt unter denselben Verhältnissen wie jetzt. Aber auch ein Übereinkommen mit den Arabern außerhalb Palästinas ist für uns eine unrcalisierbare Phantasie. Für eine Konzcssion von derartiger Bedeutung, wie Verzicht auf den arabischen Charakter Palästinas (eines Landes, das gerade im Mittelpunkte der „Fcderation" liegt) — müßten wir den Nationalisten von Bagdad, Mekka und Damaskus ein sehr großes Äquivalent anbieten. Es ist klar, daß nur zwei Formen für dieses Äquivalent denkbar sind: entweder Geld oder politischen Beistand oder beides zusammen. Wir können aber weder das eine noch das andere anbieten. Was Geld anbelangt, so ist es lächerlich, zu denken, daß wir imstande sind, Mesopotamien und Hedschas zu finanzieren, nachdem es uns sogar für Palästina nicht langt. Für jedes Kind ist es klar, daß jene Länder, mit ihren billigen Arbeitskräften, die nötigen Kapitalien einfach am Markte finden werden, ja viel leichter sogar, als wir sie für Palästina finden werden. Alles Gerede von einer materiellen Unterstützung ist entweder kindische Selbsttäuschung oder gewissenloser Leichtsinn. Und besonders gewissenlos wäre es unsererseits, ernst von einer politischen Unterstützung des arabischen Nationalismus zu sprechen. Der arabische Nationalismus strebt nach demselben, nach dem der italienische bis 1870 gestrebt hat: nach Einigung und staatlicher Selbständigkeit. Mit einfachen Worten bedeutet dies eine Vertreibung Englands aus Mesopotamien und Ägypten, die Verjagung Frankreichs aus Syrien und später vielleicht auch aus Tunis, Algerien und Marokko. Dabei mitzuhelfen, wäre unsererseits Selbstmord und Verrat. Wir stützen uns auf das englische Mandat; die Deklaration von San Remo hat auch Frankreich unterzeichnet. Wir dürfen nicht an einer politischen Intrige teilnehmen, die auf eine Vertreibung Englands vom Suczkanal und vom Persischen Golf und eine vollständige Vernichtung Frankreichs als Kolonialmacht im Orient bezweckt. Ein derartiges Doppclspiel ist nicht nur unstatthaft: es schickt sich auch nicht etwa daran zu denken. Man wird uns zerdrücken — und mit wohlverdienter Schmach — bevor wii noch die geringste Bewegung in dieser Richtung machen werden. Die Schlußfolgerung: weder den palästinensischen noch den übrigen Arabern können wir eine in ihren Augen genügende Kompensation für Palästina anbieten. Eine freiwillige Übereinkunft ist deswegen undenkbar. Und deswegen können diejenigen, die eine derartige Übereinkunft als Conditio sine qua non des Zionismus ansehen, schon jetzt „non" sagen und vom Zionismus Abstand nehmen. Die zionistische Kolonisation muß man entweder einstellen oder sie gegen den W i 1 1 e n der einheimischen Bevölkerung weiterf ü h r e n. Sie kann daher nur unter dem Schutze einer von der einheimischen Bevölkerung unabhängigen Macht — einer eisernen Wand — die die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen kann, weitergeführt und entwickelt werden. Darin besteht auch unsere ganze arabische Politik; nicht nur „sollte bestehen", sondern sie besteht auch tatsächlich darin, wenn wir es auch mit noch so viel Redensarten verhüllen würden Wozu die Balfour-Deklaration? Wozu das Mandat? Ihr Sinn und Bedeutung besteht für uns darin, daß eine fremde Macht sich verpflichtet hat, solche Verwaltung«- und Sicherhcitsverhältnifse im Lande zu schaffen, daß der einheimischen Bevölkerung ohne Rücksicht auf ihre Wünsche die Möglichkeit genommen wäre, die jüdische Kolonisation administrativ oder politisch zu verhindern. Und wir alle, ausnahmslos alle, treiben tagtäglich diese äußere Macht an, damit sie diese Rolle fest und ohne Nachsicht ausführen roll. In

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