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Menorah · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die eiserne Wand
Date
1923-01-01
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Wladimir Jabotinsky / Die eiserne Wand (Wir und die Araber) Entgegen der guten Regel — einen Artikel direkt mit dem Wichtigsten zu beginnen — bin i:h gezwungen, diesen Aufsat/, mit einem Vorworte, und dazu noch mit einem persönlichen Vorworte einzuleiten. Der Verfasser dieser Zeilen gilt als Feind der Araber, als Anhänger ihrer Verdrängung aus Palästina usw. Das ist unrichtig. Mein gefühlsmäßiges Verhalten zu den Arabern ist daselbc wie zu allen anderen Völkern: höfliche Gleichgültigkeit. Das politische Verhalten wird durch zwei Prinzipien bestimmt. Ich halte erstens eine Verdrängung der Araber aus Palästina in jeder Form für absolut unmöglich; Palästina wird immer ein Nationalitätenstaat bleiben — was mir vollständig genügt, unter der Bedingung, daß die Juden zur Mehrheit werden. Zweitens: Ich gehöre derjenigen Gruppe an, die einmal das Hclsingforscr Programm formuliert hat. Wir formulierten es nicht nur zugunsten der Juden, sondern zugunsten aller Völker; seine Basis ist Gleichberechtigung der Nationalitäten. Wie alle anderen, bin auch ich bereit, auf dieser Basis für uns und für unsere Nachkommen den Eid zu leisten. Das scheint mir ein ziemlich friedliches Credo. Aber ganz anders gestaltet sich die Frage, ob friedliche Absichten auch auf friedlichem Wege erreicht werden können, da die Antwort auf diese Frage mit unserer Beziehung zu den Arabern nichts zu tun hat: Sie wird ausschließlich bestimmt von der Beziehung der Araber zum Zionismus. Nach dieser Vorrede können wir zum eigentlichen Thema kommen. I. Von einer freiwilligen Versöhnung der palästinensischen Araber mit uns kann keine Rede sein; weder jetzt noch in absehbarer Zukunft. Diese Überzeugung äußere ich in einer derart scharfen lorm, nicht aus dem Grunde, weil es mir gefällt, gutherzige Leute zu kranken. Übrigens glaube ich nicht, daß sie sich darüber kränken werden, da sie alle, mit Ausnahme der Blindgeborenen, schon lange aus Eigenem begriffen haben, daß es ganz unmöglich ist, eine freiwillige Einwilligung der Araber Palästinas zur Umwandlung desselben Palästinas aus einem arabischen Lande in ein Land mit einer jüdischen Majorität zu erlangen. Jeder Leser hat einen gewissen allgemeinen Begriff über die Geschichte der Kolonisation anderer Länder. Ich empfehle dem Leser, sich an alle bekannten Beispiele zu erinnern — und dann zu versuchen, die ganze Reihe überblickend, einen einzigen Fall zu finden, wo eine Kolonisation sich unter der Zustimmung der Eingeborenen vollzogen hat. Ein solcher Fall ist nicht vorgekommen Eingeborene, gleichgültig, ob zivilisiert oder imzivilisiert, haben immer hartnäckig gegen Kolonisatoren, gleichgültig ob zivilisiert oder imzivilisiert, gekämpft. Dabei hat das Verhalten der Kolonisatoren gar keinen Einfluß auf das Verhalten der Einheimischen gehabt. Die Gefährten eines Cortcz und Pizarro oder (wird man vielleicht behaupten) auch unsere Vorfahren zur Zeil Joschua Ben Nun benahmen sich wie Räuber: aber die englischen und schottischen Pilgrim-h athers, die ersten wirklichen Pioniere Nordamerikas, waren ausgesuchte Leute von hohem ethischen Pathos, Leute, die nicht nur die Indianer nicht übervorteilen, ja sogar nicht einmal einer Fliege etwas zu Leide tun wollten, und die aufrichtig glaubten, daß in den Prärien genügend Platz für die Weißen und für die Roten vorhanden sei. Und doch haben die Einheimischen mit derselben Wut gegen die guten und gegen die bösen Kolonisatoren gekämpft. Dabei spielt auch die Frage gar keine Rolle, ob in dem Lande viel Boden vorhanden ist. Man zählte im Jahre 1921 auf dem Territorium der Vereinigten Staaten 340.000 Indianer; ihre Zahl war aber auch in ihrer besten Zeit nicht höher als;i\ Millionen auf dem ganzen riesigen Gebiete von Labrador bis zum Rio Grande. Es gab damals keinen Menschen auf der Welt, der eine derart rege Phantasie gehabt hätte, um sich ernst die Gefahr einer wirklichen „Verdrängung" der Eingeborenen durch die Fremdlinge einbilden zu können. Die Eingeborenen haben gekämpft, nicht etwa, weil sie sich bewußt vor der Verdrängung fürchteten, sondern ganz einfach darum, weil eine Kolonisation dem Eingeborenen niemals, nirgends und unter keinen Umständen annehmbar erscheinen kann. Jedes einheimische Volk, gleich ob es zivilisiert oder wild ist, betrachtet sein Land als sein nationales I leim, wo es der einzige Herr ist und für immer bleiben will; nicht nur neue Wirte, auch neue Mitbeteiligte oder Partner in der Wirtr-chaft wird es nicht freiwillig zulassen. Dies bezieht sich auch auf die Araber. Die l-nedenstifter in unseren Reihen versuchen uns zu überreden, daß die Araber entweder Narren sind, ilie man mit einer „milderen*' Formulierung unserer wirklichen Ziele täuschen kann, oder daß sie eine bestechliche Bande sind, die gegen kulturelle und ökonomische Vorteile uns den Vorrang in Palästina abtreten wird. Ganz entschieden bin ich mit dieser Ansicht über die palästinensischen Araber nicht einverstanden. Kulturell sind sie um 300 Jahre hinter uns zurückgeblieben: in geistiger Hinsicht besitzen sie weder unsere Widerslandsfähigkeit noch unsere Willensstärke, damit aber ist der ganze innere Unterschied erschöpft. Sie sind nämlich genau so scharfsinnige Psychologen wie wir und sind wie wir seit Jahrhunderten durch schlaue „Pilpul" erzogen: Wir können ihnen erzählen, was wir wollen, sie verstehen doch die Tiefe unserer Seele genau so gut, wie wir die Tiefe ihrer Seele erfassen. Und zu Palästina hegen sie mindestens dieselbe instinktive Liebe und organische Eifersucht wie die Azteken zu ihrem alten Mexiko und die Sioux zu ihren Prärien. Die Einbildung der Arabophilen. daß dieses \ olk freiwillig in eine Verwirklichung lies Zionismus einwilligen wird, als Gegenwert für die moralischen und materiellen Bequemlichkeiten, die ihm der jüdische Kolonisator mitbringen wird — diese kindische Phantasie stammt nus einer Art voreingenommener Verachtung des arabischen Volkes, einer Art Pauschalvorstellung von der arabischen Rasse als einem bestechlichen Gesindel, das bereit ist, sein Vaterland für ein gutes Eisenbahnnetz abzutreten. Diese Vorstellung entbehrt jeder Grundlage. Man sagt, daß einzelne Araber oft bestechlich sind. Daraus folgt aber nicht, daß das palästinensische Arabertum als

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