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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die Wand
Date
1923-01-01
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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14 MENORAH T Alle schauen einander an. Wer soll der Sprecher sein? Und alle Köpfe wandten sich einem zu, einem berühmten Redner, einem sehr jungen Manne. Er stand da und blickte mit stieren Augen in das Dunkel. Im Geiste hielt er eine lange, aufpeitschende Rede, die die Vi/eil aufrütteln, ihr Gewissen wachschülteln sollte. Mit einem Male kommt Bewegung in die Soldaten. Janpolski tritt vor. Kommando. Hundertfünfzig Soldaten nehmen Stellung. Vier Reihen. Wenige Schritte vor den zum Tode Verurteilten. Kommando. Die Gewehre fertig. Anschlag. Zielen. Die Fünfunddrciüig wissen: das Ende. Einige zittern an allen Gliedern. Die Zahne schlagen aufeinander. Einige sind nicht mehr imstande, sich in der Gewalt zu halten und brechen in ein Weinen aus; manche — laut, manche unterdrücktleise, aber die Tränen rinnen; es rinnen die Tranen. Es ist so schwer, vom Leben zu scheiden. Der Redner schreit plötzlich auf. Laut, kräftig. Mit mächtiger Stimme, um das Weinen zu übertönen und die Spannung zu zerreißen, die ringsum herrscht: „Wir sind unschuldig! Ein Verbrechen wird hier begangen! Ein Verbrechen, von dem sich Polen nie . . ." Kommando. Eine Salve aus hundert fünfzig Gewehren. Ein Stöhnen des Todesschmerzes von fünfunddrciüig erschossenen, gewöhnlichen Juden, die in diesem Augenblick zu Helden und Märtyrern geworden sind. Ein Verzweiflungsschrei des Haufens hinter dem Kordon. Das Jammern furchtbarster Vernichtung. Kommando. Die polnischen Soldaten treten zu den Gefallenen, den Toten, schauen nach, ob nicht in einem noch ein Fünkchcn Leben ist. Nein. Gut getroffen. Keiner lebt mehr. Aber die Klosterwand hat eine Menge Löcher. Und Pan Janpolski ist sehr zufrieden. Alics nach Wunsch. Da fällt ihm etwas ein und er befiehlt, die Zu^ schauer auseinanderzujagen. Sind es die brennenden Augen des Judenmädchens? Fürwahr, merkwürdig: er spürt sie im Rücken. Sie versengen ihn. Der Kordon jagt die Menge auseinander. Die Weinenden und Jammernden wollen nicht weichen. Doch die Soldaten nahmen die Gewehrkolben und ihre Fäuste zu Hilfe. Der Haufe stiebt auseinander. So, jetzt ist es besser. Pan Janpolski fühlt sich beruhigt und erteilt weiter seine Befehle. Die Besorgung der Leichen. Schließlich übergibt er das Kommando einem jüngeren Offizier und verschwindet, von einem Kameraden begleitet, in der dunklen Nacht. Schweigend geht er neben dem Kameraden. Er hat keine Lust, zu sprechen. Denn er ist ein wenig müde und abgespannt. Vor allem aber ist er von Stolz erfüllt. Polen, sein Polen, hat Macht erlangt, und er ist der Herold, der Verkünder gewesen. Diese Nacht beschloß Janpolski beim Wein. 8 Wie die Juden der Stadt diese Nacht überlebten . . . ach ja . . . Ungeduldig erwarteten sie den Morgen, und ein Menschenstrom bewegte sich zur Wand zu. Wohl war das große Begräbnis zu besorgen, fünfunddreißig Bahren, fünfunddrciüig Gräber. Aber alles eilte zu dem Platz, wo die Helden, die Märtyrer gefallen waren. Dort wandelten einige Mönche. Ärgerlich. Die Wand war durchlöchert wie ein Sieb. Die heilige Klostcrwand. Sie brummten. Keine Segenswünsche für Polen und seine Plenen. Doch den Juden warfen sie scheele, wütende Blicke zu. Hätte man nicht Juden erschicücn müssen, so gäbe es keine Löcher in der Wand. Doch die Juden beachteten die Mönche nicht. Jung und Alt, Männer und Frauen, standen umher in bittcrem Weinen. Und wuschen sie mit ihren Zähren. Küüten sie. Juden küütcn eine Kloster- Wirklich — sie konnten sich von der Klosterwand nicht trennen. Trühcr waren sie hastig, mit einer gewissen inneren Unruhe an ihr vorbeigeeilt. Warum nur? Eine dicke, wciügctünchtc Mauer, hinter ihr, von der übrigen Welt abgeschnitten, ein Kloster russischer Mönche. Aber diese graue Stille, das Geheimnisvolle . . . und dann der Judenhaß, die Bosheit, sie fühlten die Juden, als blickte sie von jenseits der Mauer, aus der großen Stille mit tausend, abertausend Haüaugen herüber. Fls fröstelte sie, wenn sie vorbeigingen. Und dann — so lang, so lang die Wand einer Unrein1 heit. Sie eillen vorbei, rasch, nur rasch! Nicht hinsehen. Rasch, nur rasch! Doch von nun an konnten sie sich von der Wand nicht trennen. Sie fühlten sich ihr nahe verbunden. Blutver!>undcn . . . Auch Pan Janpolski ritt einige Male bei der Wand vor. Zum erstenmal am Morgen nach der Hinrichtung. Er wollte bei Sonnenlicht sehen, wie die Wand aussah. Er empfand Freude, große Freude. Ein Lächeln des Triumphes flog über seine Lippen unter dem buschigen Schnurrbart. Er trat auch in den Klostcrhof. Sah nach, wie weit die Kugeln eingedrungen waren. Fragte einige Mönche, wo sie während der Schießerei gewesen waren. Ob sie gehört, was sie sich gedacht hatten. Laut lachte Janpolski, als einer der Mönche ihm sagte, er habe geglaubt, daß Kloster werde gestürmt. Ha, ha, ha!... Ein prächtiger Spaß! Er ließ sich das von dem Mönch ein paar Mal wiederholen: geglaubt, das Kloster werde gestürmt, hahaha!... Wer stürmt? Die verfluchten Bolschewiken. Nein, Nein, Väterchen, nicht daran zu denken! Nur keine Angst. Es gibt keine Bolschewiken. Hier herrscht jetzt Polen! Verstanden? Polen herrscht hier, Polen! Wird immer hier herrschen. Herrschen! Das befreite, freie Polen. Das aus seiner Asche emporgestiegene Polen. Da braucht keiner vor den Bolschewiken Angst zu haben. Die Löcher da werden eine Warnung sein. Es hat darum keine Eile, die Wand auszubessern. So wie sie jetzt ist, wird sie für lange eine Mahnung, eine Warnung sein. Wie Polen mit den Fünfunddreißig verfahren hat, so wird Polen mit allen übrigen verfahren. Das Polen, das wieder Macht erlangt hat. Stolz, in gehobener Stimmung, verließ Janpolski das Kloster. Und als er bei der Wand die vielen weinenden, jammernden Juden sah, mußte er, des Glückes voll, laut auflachen. Doch das . Lachen riß jäh ab. Gespannt sah sich Janpolski mit suchenden Augen um. Er erinnerte sich des Judenmädchens mit dem Flammenblick in den Augen, die nicht weinen wollten. So ging es ihm stets. So oft er an der Wand vorbeiritt, die Zeugnis gab von Polens Macht, mußte er jedesmal an das Judcnmiidchen mit den brennenden Augen denken. Er war stets darauf vorbereitet, sie dort zu treffen und setzte eine strenge Miene auf, in der Spannung lag. Aber er traf sie nicht, obwohl immer eine große Menge von Juden dort war. Eine Menge von Juden, Scharen von Juden. Denn es kamen nicht nur die Juden der Stadl, deren Zahl gar groß war, sondern auch Juden aus Nah und Fern; es drängte sie, wenn sie an der Stadt vorbeifuhren, die Wand zu besuchen und sie mit Traueraugen anzustarren, mit gesenktem Haupt, verwaist und verzagt, sie zu berühren, wie man zum Abschied einen toten Freund berührt, und gar oft ihre heiße Stirn an sie zu pressen und sie mit Tränen zu benetzen. Ja, sie zu küssen, fürwahr, zu küssecn . . . Die Wand hieß nicht mehr Klostcrwand, sondern kurz: die Wand. Sie gehörte nicht clem Kloster, sondern den Juden. Sie war ihnen blutsverwandt geworden durch das vergossene Blut, war zu ihnen in körperliche Beziehung getreten. Und wenn die Juden über sie sprachen, vergrößerten sie ihre Länge und vergrößerten ihre Breite. Eine merkwürdige Wand. Eine Ricscnwand. Eine Wunderwand. D i e Wand. Ihre Wand. 9. Und dann kam ein sehr heißer Sommer. Der Sommer der großen Brände. Und die Stadt brannte ab. Niemand weiü, wo der Brand ausbrach. Plötzlich begann es an allen Enden der Stadt und auch inmitten zu brennen. Überall. Als wäre ein Feuer vom Himmel gefahren und hätte alles in Brand gesteckt. Die Arbeit der Feuerwehr war vergeblich. Das Feuer hatte bald die Übermacht. Es hörte erst auf, als es nichts mehr gab, was verbrennen konnte. Alles hatte das heuer verzehrt. Nichts konnte seiner Macht widerstehen. Selbst die Steingebäude nicht. Vor niemandem hatte es Ehrfurcht und keinen verschonte es, niclit Reich, nicht Arm, nicht Jude, nicht Christ. Alle Schulen*) brannten nieder, — eine von ihnen war uralt, sie hatte von aberhundert Jahren jüdischen Lebens dieser Stadt erzählen können. Im Feuer versank die katholische Kirche und das Stadtlheater; seine hohe Hinlerwand, die einmal in finsterer Nacht vor Schüssen bewahrt worden war, brach mit lautem Krach zusammen. Auch von der russischen Kirche mit dem Klosler blieb nur ein Trümmerhaufen übrig. Aber--- Die Wand! Die Wand stand! Das Feuer hatte mit aller Krafl an ihr gezehrt. Es überfiel sie von allen Seiten. Flog ihre ganze Breite entlang, von oben und unten, beleckte mit seinen Flammcnzungcn ihre Vorderseite und ihre Rückseite. Da — es hatte die vielen Löcher entdeckt, die ihr die Kugeln in jener finsteren Nacht beigebracht hatten. Ha, ho, das ist fein! Da ist ihr beizukommen. Die Flammenzungen drangen in die Löcher; dort war guter Halt. Jetzt wird sie in Stücke springen. Immer neue Flammcngarbcn sandte der Brand aus dem *) Schulen — hier Plural von „die Schul" — Synagoge.

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