Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Wand
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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15 M E N O R A H in Hammen gehüllten Kloster und aus den Holzhäusern ringsum, die lichterloh brannten. Die Flammenlanzcn durchdrangen die Kugcllöcher, bogen sich um und bohrten sich in der Wand fest. Doch alle Angriffe waren vergeblich. In Trümmern lagen Kirche und Kloster, zu Asche wurden die hölzernen Häuser. D i e Wand stand. Rauchgeschwärzt, doch unversehrt. Das Feuer war zu schwach gegen sie. Oder war es gelöscht worden'? Etwa durch das Blut der fünfunddreißig Märtyrer? Die ganze Stadt lief hin, das Wunder zu schauen. Das Brandunglück hatte alle niedergeschmettert. Sie standen ohne Heim, ohne Obdach da, nackt und bloü, sie hallen kaum die Mittel, um den Tag zu überleben. Verzweifelt und mutlos irrten sie bei den Trümmern umher, die noch gestern ihr Heim gewesen waren. Doch plötzlich bemerken sie — die Wand ist ganz geblieben! Und die gesenkten Köpfe heben sich. Ein Etwas zuckt in ihnen auf. Staunen, Neugier. Augen blitzen auf. Ist das wahr? Die Wand? ja, wirklich. Die Wand, ganz unversehrt. Sie allein von allem, was Bauwerk und Mauer in der Stadl gewesen. Und die Menschen reißen sich los von den Aschenhaufen, die ihr Heim gewesen waren, und laufen zur Wand hin. Treten näher heran. Betasien sie. Betrachten die Löcher. Suchen die Blutflecke. Sic erinnern sich genau, wo die waren. Es bedarf keiner Erinnerung. Sic sind deutlich zu sehen! Hier sind sie, die Blutflecke der heiligen Märtyrer. Ein wenig gebräunt, doch nicht ausgebrannt. Auch sie sind geblieben! Die Blutflecke, die das Feuer gelöscht und die Wand beschützt haben . . . Juden und Christen standen staunend vor der Wand. Die Christen bekreuzten sich und wurden ernst. Doch die Augen der Juden blitzten; das war ihr Wunder. Ihre Wand war unversehrt. Das Feuer hatte ihrer Wand nichts anhaben können. Damit sie stehen bleibe — zur ewigen Erinnerung an unschuldig vergossenes jüdisches Blut. 10. Auch Wlas Janpolski hörte von dem Wunder und kam, um es zu sehen. Von allen Gebäuden, die der Macht des Feuers erlegen waren, war also nur die Klostcrwand geblieben. Das mußte Janpolski sehen. Und er kam und sah und war sehr zufrieden. Die Mahnung und Warnung war geblieben. Das Andenken daran, daß Polen wieder Macht erlangt hätte, war unversehrt. Aber warum ist ein solches Leuchten in den jüdischen Augen? Mit einem Male fühlte Janpolski ein Brennen im Rücken. Hastig wandte er sich um. Er erkannte das Mädchen mit den brennenden Augen. Sic schaute ihn mit ihrem Flammenblick an, hart und böse, doch zugleich triumphierend wie eine Siegerin. Wieder die Zähne zusammengebissen, die Lippen aufeinandergepreßt, die Hände wahrhaftig zu Fäusten geballt! In Janpolski stieg es heiß auf. Diese Frechheit einer nichtswürdigen Judendirne! Was starrt sie so? Was untersteht sie sich? Er machte eine Bewegung nach dem Mädchen. Sie stand ruhig und wandte den Blick nicht. Als wartete sie auf ihn. Er blieb stehen und sah hastig die Juden ringsum an. Mit einem Male halte Janpolski Klarheit. Deshalb also leuchten die jüdischen Augen so. Ihr Wunder ist das. Die Wand steht, um ein Verbrechen zu verewigen, das Polen an ihnen begangen hat. Die Augen der Dirne brennen und blitzen triumphierend, weil die Wand Polens ewige Schande ist. Polens ewige Schande. Oh! Auch die Christen, welche dastehen, sehen die Wand offenbar als jüdisches Wunder an. Sic gehen so beschämt unter den Juden umher. Verflucht! Sie werden aufgeklärt werden müssen, daß das ein polnisches Wunder ist. Die Wand ist unversehrt geblieben, um ewig die Größe Polens zu bekunden, das seine Macht wieder erlangt hat! Doch Janpolski ritt bald fort. Er konnte die Blicke des Mädchens und das Leuchten der jüdischen Augen nicht ertragen. Obwohl es in seinem Herzen kochte, befiel ihn doch eine sonderbare Unruhe. Die Neuigkeit von der unversehrt gebliebenen Wand hat sich am Ende schon über die ganze Well verbreitet. Gewiß haben sie die Juden verbreitet. Als ihr Wunder. Als ein Zeichen ihres Gottes. Es steht die Wand, an die fünfunddreißig Juden gestellt und erschossen wurden. Die Wand ist zum Gedächtnis eines schweren Verbrechens stehen geblieben, das Polens böser Machtwille vollbracht hat. Das sagten Janpolski des Mädchens Flammenaugcn, das sprachen die Gesichter der anderen Juden. Und so werden sie es über die ganze Welt verbreiten . . . und ihre Journalisten schreiben gewiß darüber schon lange Artikel, ihre Feuilletonisten geistreichein über Polens \ erbrechen, über Polens Schande. O. diese Juden! . . . Sic können sich niemals über sich selbst erheben. Das gemeine Parasitenvolk! Das Krämervolk! Polens Verbrechen! Polens Schande! Polen hat beweisen müssen, daß es Macht erlangt hat. Die armseligen Juden können das nicht begreifen. Und schreien. Und quietschen . . . Pfui! . . . Als Janpolski heimkam, setzte er sich zum Wein. Er trank viel. Er wollte die Wand vergessen. 1 I. Das Mädchen mit den I'lammenaugen, die nicht weinen wollten, sandle ihren brennenden Blick dem davonreitenden Offizier so lange nach, bis er verschwunden war. Dann stellte sie sich an die Wand und sprach mit lauter Stimme zu den Juden: „Brüder, d i e Wand hätte dem Pnn ein Zeugnis für Polens neugewonnene Macht sein sollen. Uns i>t sie Zeugnis eines blutigen Unrechtes. Doch noch etwas anderes ist sie uns. Sie ist uns das Zeugnis unserer Machtlosigkeit, das Zeugnis, das wir immer vogclfrei sind. Ihr schreit, klagt und stöhnt, um das Weltgewissen gegen das blutige Unrecht aufzurütteln. Was aber tut ihr, um euch selbst aufzurütteln gegen unsere Wehrlosigkeil und Ohnmacht?" Das Mädchen schwieg. Sah sich um. Wartete auf eine Antwort. Aber da erinnerten sich die Juden, daß sie abgebrannt waren. Ohne Heim und ohne Brot. Und sie liefen eilig jeder zu dem Häufchen Asche, das ihm von seinem Heim übrig geblieben war, zu seiner eigenen Not und seinem eigenen Bündel Leides. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmil z.) MACH WORT. Der Stoff dieser Novelle des berühmten jüdischen Dichters ist nicht der Phantasie, sondern der traurigen Wirklichkeit entnommen: Am ">. April 1919 wurden nach dem Einzüge der Polen in P i n s k mehr als 30 Juden aus einer Versammlung weg. in welcher über die Verteilung von M a z z o t h für die bevorstehenden Peßachtage beraten wurde, verhaftet und im ..abgekürzten Verfahren" e r s c h o s s e n. Dieser Mord hat bisher keine Sühne gefunden. Aum. d. I 'bersetzers. liPflinnflnflÄ 2)ie S^iisgießung des feistes. (Jod III.) \en Geist ausgießen der Mond in Blut. Die große Stunde Weint des Ewigen und ivelterl in Gewittern. scheint So sei's: Ich Werde \ auf alles Fleisch. In Traumen will ich bauen vor eueren Kindern, und sie werden schauen Doch also sei\ Gesichte, die die Zukunft in sic/i schließen. Auf Knecht und Magd will ich den Geist ausgießen Tag und mich anruft mit Zillern. i jenem Tag. und Wunder werden blauet] wird sein gerettet und mit mir vereint. auf Erd' und Himmel voller Blut und Grauen. Die Sonne wandelt sich zu Finsternissen, i sonst der Erde Fundamente splittern. Tobias Steinberg. iMwi^ffi