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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die Wand
Date
1923-01-01
Page
Seite 13 (sequence 3)
Language
German
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13 MENORAH Bleibt also nur die Wand der russischen Kirche. Ausgezeichnet. Selbstverständlich. Die Wand der Kirche beschmutzen, welche so lange alle heiligen Gefühle des machtlosen Polens mit Füßen getreten hat! Und wenn die Kugeln die Wand durchschlagen — Göll gebe es! Janpolski wünschte nichts sehnlicher. So hülle er fün Leben gern das Merz Rußlands durchschossen. Die Schritte des kommandierenden Offiziers verloren die leise Unsicherheil, die in ihnen geklungen hatte. Janpolski war bereits entschlossen, wohin er den Zug führen sollte. Und hreuclc kam in seine Schritte. Vortrefflich, daß die linke Wand des Klosters gerade nach dem Marktplatz zu liegt. Als wäre es Schicksalsfügung. Gottes Finger. An dieser Wand werde ich, Janpolski, in dieser Nacht zwei Feinde des Vaterlandes vernichten. Symbolisch natürlich. Und die Wand wird Generationen überdauern — ein symbolisches Andenken an die Vernichtung von Polens Feinden. Als Janpolksi auf den Marktplatz kam, durchbohrten seine Augen die dicke Hnstemis der Nacht und suchten die weißlichen Konturen der Wand. Sein Herz war voll von großem Maß. 5. Am Ziel. Flalt. Jetzt wissen auch die Fünfunddreißig, daß der Marktplatz ihr letztes Halt ist. Hier wird es geschehen. Und wo, das wissen sie auch schon. An der Klostcrwand. Sie blicken zu ihr hinüber und ihre Herzen werden schwach. Wlas Janpolski kommandiert. Hundert Soldaten treiben die zusammengeströmte Menge zurück, drängen sie weiter nach dem Marktplatz, gegen den Boulevard zu und die anstoßenden Häuser. Bilden einen Kordon. Die übrigen stellen die Fünfunddreißig an der Wand auf. Die gehen mühsam. So gehen Kälber zur Schlachtbank. Sie werden mehr gestoßen als sie gehen. Solange sie noch nicht an der Wand stehen, gibt es noch ein Entrinnen. An der Wand gibt es kein Entrinnen mehr. Es ist aus dort. Darum gehen sie nicht. Werden zur Wand geschleppt und gestoßen. Bleich. Ohnmächtig. Sie wollen nicht sterben. Warum sterben? Wofür erschossen werden? Gut, daß die dort drüben hinter dem Kordon so schreien. Ihre Stimmen schlagen an den Himmel. Ist dort oben einer, der sieht und hört? Nicht alle unter den Fünfunddreißig glauben an ihn. Aber alle glauben an ein Weltgewisscn. Die dort drüben schreien und weinen, sie werden sicher das Weltgewissen wecken. Das wird gut sein. Es ist gut, das Weltgewissen zu wecken. Aber das Sterben ist schwer. Ein wenig später — eine Minute später — warum? Wofür erschossen werden? Wofür den Tod? Einer von den fünfunddreißig schrie mit einer Stimme, die nichts Menschliches mehr an sich hatte: „Ich bin unschuldig!" Ein anderer brach in ein Heulen aus, ein dritter fiel in Ohnmacht. Ei wurde zu sich gebracht und an die Wand gestellt. Steif, die Hände schlaff herabhängend, den Kopf gesenkt. Wie ein Betrunkener. Oder wie ein Toter. Andere brüllten und ließen sich an die Wand schleppen. Die Augen von Tränen verschwollen. Kaum geöffnet . . . Aber die Ohren fangen das Jammern der Juden hinter dem Kordon auf und "die Schimpf Worte der polnischen Soldaten. Doch plötzlich hatten sie sich in der Gewalt. Alle fünfunddreißig. Und wurden ruhig. Wozu sich lächerlich machen durch häßliche Schwäche? Wir sind erwählt zur uralten Heiligung Seines Namens. Wir müssen mit Würde sterben, als stolze Juden. Es war, als hätten sie sich verabredet. Jeder blickte seinen Nachbar zur Rechten an und seinen Nachbar zur Linken. Sehen einander in die Augen beim Schein der hackcln. Und verstanden. Wurden still. Hoben die Köpfe. Stillten die Tränen. Alle die fünfunddreißig. Alte, Junge, Halbwüchsige. Die dem Tod verfallenen, grauen Silhouetten an der weißen Kloslerwand. Still, ruhig, harrten sie des Todes, im stolzen Bewußtsein der nationalen, tradiliongewordenen Heiligung Seines Namens, der Heiligung des Namens des jüdischen Volkes, seines Gotles und seiner Zukunft . . . Noah Nachbusch iWilnaer Truppe) als MeschuWich in S. An-ski's „Dyliiik* Doch die dort hinter dem Kordon jammerten, schrien und riefen — ihre Stimmen schlugen an den Himmel. Weckten jemanden, etwas . . . gut ... gut... 6. Pan Janpolski schritt hart am Kordon vorüber, ehe er das letzte Kommando gab. Er wollte die jammernde Menge betrachten und ließ sich von ein paar Fackeln leuchten. So schnell würde er ja nicht wieder einen solchen Anblick haben. Er war sehr erregt, Gesicht und Geslalt trugen Stolz und Würde des polnischen Triumphes. Die Juden hinter dem Kordon überschütteten ihn mit Wehgeschrei, Fländeringen, Bitten, Gebeten, Beschwörungen. Erbarmen! Schmeichelworte, hohe Titel. Der Pan muß Mitleid haben! Erbarmen haben! Erbarmen! Erbarmen! Erbarmen! . . . Jasnewichno/.ny pan! Doch Pan Janpolski wurde nicht gerührt. Gesicht und Gestalt trugen Stolz und Würde des polnischen Triumphes. Langsam, mit ruhig gemessenem Tritt schrill er den ganzen Kordon ab. Jawohl, Polen ist aus der Asche seiner Ruinen wiedererstanden. Polen ist wieder lebendig geworden, Polen hat seine 1" reiheit wiedergewonnen, seine Selbständigkeit und — seine Macht. Das Wehgeschrei, die Verzweiflung und der Schreck, sie waren für Janpolski eine Siegespolonaise. An ihnen erkannte er erst ganz, daß sein Vaterland wieder Macht erlangt hatte. Macht! Das Ziel hundertjähriger Sehnsucht! . . . Plötzlich blieb er stehen. Zwischen zwei Soldaten im Kordon schauten zwei brennende Augen auf ihn. Glühend, trocken, tiänenlos. Er sah genauer hm, schob die Hand eines Soldaten näher, die eine Fackel trug. Ein Judenmädchen. Das Haar zerrauft. War wohl mitten aus dem Schlaf hergelaufen: Kleid und Bluse hastig übergeworfen. Die Zähne zusammengebissen, die Lippen aufeinandergepreßt. Janpolski fühlte: die Hände, die ei nicht sah. waren zu Fäusten geballt. Und die Augen, hart, böse, versengten ihn. heuriger Stahl. Er runzelte die Stirn und erwiderte den Blick böse und streng. Schon hatte er auf der Zunge mc zu fragen, warum sie so starre, wie sie sich unterstehen könne. Doch — das wäre irgendwie unter seiner Würde gewesen. Und unter der Würde des freien Polen, das wieder Macht erlangt hatte. Er ging weiter. Doch er wußte: er hatte den Blick nicht ertragen können. Den Flammenblick aus den brennenden Augen des Judenmädchens, das nicht weinen wollte. Ja, bei sich wußte er die Wahrheit. Er konnte diesen Blick nicht ertragen. Die Würde und der Stolz Polens fühlten sich gekränkt und beleidigt. Als hätte sie jemand ein wenig herabgesetzt. Einen Augenblick dachte Janpolski daran, umzukehren, die freche, nichtsnutzige Juclendirne arretieren zu lassen und auch an die Wand zu stellen. Einen /Augenblick nur dachte er daran. Doch er kehrte nicht um. Ließ sie nicht festnehmen. Er wollte einfach mit dem nichtsnutzigen Ding nichts zu tun haben. Oder — ist es am Ende hurchi davor, noch einmal in die brennenden Augen zu schauen? Nein — das kann sich Janpolski selbst nicht eingestehen. Agerlich, unzufrieden bricht er seinen Gang längs des Kordons ab und schwenkt zur Wand, um das letzt.- Kommando zu geben. Das Schreien und Jammern hinter ihm wurde stärker. Er hörte es. Doch er halte keine Freude mehr daran. Im Rücken spürte er geradezu die brennenden Augen des Judenmädchens. das nicht weinen wollte. 7. An der Wand standen die Fünfunddreißig. Graue Silhouetten im windbewegten Schein der Tackeln. Ruhige, gefaßte, stolze Juden. Heilige Märtyrer. Doch die Zeit wurde ihnen zu lang. Warum dauert es so lange? Worauf warten sie? Sie sprechen nicht zu einander. Was hatten sie einander auch zu sagen? Sie wollten vielleicht wissen, was jeder von ihnen über die nächste Minute denkt. Nach der Salve. Was wird dann sein? Nur einige unter ihnen glauben an ein Jenseits, an die andere Welt. Aber auch die anderen möchten Gewißheit haben. Auch die Nichtgläubigen. Wie wird das wirklich nach einer Minute sein, nach der Salve? Doch sie sprechen nicht zu einander. Keiner spricht. Doch zu denen hinter dem Kordon, die dort schreien und weinen, zu denen müßte einer sprechen. Ein Abschiedswort. Ein starkes Wort. Das fühlen alle Fünfunddreißig. Gleichzeitig. Als hätten sie sich verabredet. Stumm dürfen sie nicht fort. Sie müssen etwas hinterlassen.

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