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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die Wand
Date
1923-01-01
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 MENORAK erlangt hat . . . Wenn gar noch späte Nachtschwärmer sich dem Todesgang zum Marktplatz anschlichen — noch besser, das ist ganz, nach meinem Wunsch. Nur recht viele! Je mehr, desto besser! 3. So wurden fünfuncldrei(.iig Juden in einer finsteren Nacht auf den Marktplatz /um Tode geführt. Ohne abgeurteilt zu sein. Weil das befreite Polen seine Macht fühlen wollte, Fünfunddreißig Juden, die Besten in der Stadt und im Lande. Mit Ideen und Idealen, mit dem Traum von einer besseren W elt. Fortgeschleppt aus einer Versammlung, die Hungrigen und Elenden Hilfe bringen sollte. Sie wußten, daß man sie zum Sterben führte, obwohl ihnen kein Todesurteil verkündet worden war. Die späte Stunde sagte es ihnen und das Verhalten der Offiziere und der Soldaten: feindselig, schneidend, henkerhaft. Sie gingen mühsam; die Füße knickten unter ihnen'ein und versagten den Dienst. Ihr Gang war Ohnmacht, Herzklopfen, Verlassen der Kräfte. Wäre es wenigstens heller Tag! Fürwahr, auch sie wünschten, es wäre heller Tag. Da gingen sie nicht so kraftlos; mit festem Schritt, mit erhobenem Haupt könnten sie gehen. Im stolzen Bewußtsein ihrer Unschuld, daß die lichte Sonne, die ganze Welt sehe, welch ein verbrecherischer Mord hier begangen werden soll. Aber eines elenden Todes sterben, in dunkler Nacht beiseitegeschafft werden, irgendwo außerhalb der Stadt auf freiem Feld — sie wußten nicht, daß sie auf den Marktplatz geführt wurden. Nein, auch das wußten sie nicht. Fürchterlich! Ihr heimliches, stilles Sterben wird niemanden aufrütteln. Vergebliches Sterben. Nichts wird es ihrem Volke nützen, nichts der Gerechtigkeit. Vergebliche Opfer, die keinen erlösen werden, niemanden läutern. Deshalb gingen sie gesenkten Hauptes, mühsam die Füße schleppend, von Ohnmacht angewandelt. Die zweihundertzwanzig polnischen Soldaten aber marschierten im festen Schritt, kräftig schlugen ihre schweren Stiefel auf das Pflaster der Gassen. Pan Janpolski führte . . . trab-trab . . . eins-zwei, eins-zwei. Schwere Schritte, lärmend, klirrend, von Fackeln beleuchtet. Fenster öffneten sich, Köpfe streckten sich heraus, aus dem Schlaf geweckt, von später Arbeit losgerissen, vom Kartenspiel oder vom Mitternachtgebet. Schreie, Gemurmel. Fenster werden hell, erregte Menschen kleiden sich hastig an. Und bald ging mit den Soldaten ein groß Teil der Bewohner jener Gassen, durch welche der Zug auf dem Wege zum Marktplatz marschierte. Zumeist — Juden. Die Stadt war jüdisch. Die Juden drängten sich an die Soldaten; sie wagten ihre geraden Glieder, riskierten Kolbenschlägc und drängten sich an die Soldaten. Sie wollten wissen, wer cla geführt wurde. Obwohl ihr Herz es ihnen längst gesagt hatte, fürwahr! Sie bekamen Gewißheit. Juden führt man. Owch! O weh! Juden führt man! Es dauerte nicht lange, da hatte einer einen erkannt. Ein Mitläufer einen von denen, die geführt wurden. Wer kannte sie denn nicht in der Stadt? Aber auch nahe Verwandte befanden sich unter den Mitläufern. Ein Vater, eine Mutter, Brüder, Schwestern, eine Frau, ein Kind, eine Braut . . . Und viele lösten sich los aus dem großen Haufen und liefen fort, um zu wecken, zu melden, Väter, Mütter, Frauen, Kinder, Brüder, Schwestern aus dem Schlaf zu reißen, auf die Beine zu bringen. Und es erhob sich Gelaufe, Geschrei, Gejammer, Gestöhn. Sic liefen zu beiden Seiten des Zuges, glotzten mit aufgerissenen Augen in das Dunkel, in dem sie sich vorwärts bewegten, und rangen die Flände, rauften die Haare und stöhnten: Oj! Und wieder Oj! Das uralte, das ewige jüdische Oj! Die Soldaten marschierten langsam, lärmend, mit hallendem Schritt, eisige Kälte im Flerzen und stießen gehässig die Juden und Jüdinnen fort, die sich im Jammern und Stöhnen zu nahe an sie drängten und sie im Gehen behinderten. Voran aber schritt Pan Janpolski stolz und würdevoll. Nicht mehr als Führer einer nächtlichen Räuberbande, die ihre Arbeit heimlich tun muß und ohne Geräusch. Nein, als Anführer polnischer Soldaten, welche den Willen der Mutter Polen, der freien, selbständigen, vollstrecken. Oh, welch eine prächtige Demonstration vor einer großen, bewegten Menge, bei Fackelschein! Aber auch die fünfunddreißig Juden hatten die Köpfe gehoben und gingen mit festerem Schritt. Fürwahr — sie gingen mit festerem Schritt, die Köpfe gehoben. Als hätten sie Leben erhalten. Nicht das Jammern und Händeringen hatte sie belebt und nicht das markdurchdringende Oj, das Oj!... Sie werden nicht mehr wie herrenlose Hunde oder Katzen umgebracht werden, die der Schinder bei Nacht in den Gassen fängt. Sie werden nicht mehr unbemerkt verschwinden, ohne daß auch nur ein Hahn kräht. Nein, ihr Tod wird jetzt die Welt in Bewegung bringen, sie schaudernd erbeben machen. Sie werden Opfer sein, die nicht vergeblich sind. Polen, von der neugewonnenen Macht berauscht, weiß nicht, was es tut. Das Verbrechen, welches bald geschehen wird, es wird in Polens Antlitz eingegraben sein wie ein Kainszeichen, für immer und ewig. Die Fünfunddreißig sprachen nicht miteinander, keiner von ihnen sprach diesen Gedanken laut aus. Aber er war in allen, in jedem von ihnen. Und mit einem Male — der Schritt fest, der Kopf erhoben. So kamen sie zum Marktplatz Die stolzen polnischen Soldaten mit dem stolzen Pan Wlas Janpolski an der Spitze, und die noch stolzeren fünfunddreißig Juden. Alle im festen Schritt wie beim Parademarsch. Nur die Juden, welche den Zug begleiteten, vollführten einen wirren Lärm mit ihrem Jammer, ihrem Geschrei und ihrem Gestöhn, indem sie sich an die Soldaten drängten, einer den anderen stießen, Namen riefen, wirre und irre Worte sprachen, Worte, die nur die Verzweiflung sprechen kann und die furchtbare Angst. Und die Liebe — die Liebe im Angesicht des Todesschreckens. Die Christen, welche mitgingen, schnitten verächtliche Grimassen. Und einige äfften und spotteten sogar den Juden nach. 4. Auf dem ganzen Weg dachte Janpolski darüber nach, wo er die fünfunddreißig Juden in einer Reihe aufstellen sollte, um sie durch eine Salve zu erschießen. Der Marktplatz war sehr groß. Die breite Straße, durch welche er jetzt mit seiner Abteilung und den Delinquenten dem Platz zu marschierte, teilte diesen in zwei fast gleiche Teile. Zur Linken, auf der Ostseite des Platzes, lag der Sladtpark, der Boulevard der Stadl. Groß und breit. Die Mittel front nahm das Stadttheater ein. Ein großes, steinernes Gebäude, dessen Längsseite weit in den Park hineinragte. Auf der Nordscite des Platzes, zwischen einer Reihe von Läden, die polnische Kirche. Ein grauer Bau, jetzt kaum sichtbar. Aber auf der Südseite, zur Rechten des nahenden Zuges, fast in seiner Direktion, dämmerte aus dem Dunkel die weiße russische Kirche hervor mit der langen weißen Wand, hinter der sich in der seinem Zweck entsprechenden Stille ein uraltes Kloster verbarg. Die Fünfunddreißig müssen natürlich an eine Wand gestellt werden. Auf freiem Feld müßten sie vorher ihre eigenen Gräber graben — oder die wären schon vorher fertig — jeder der Fünfunddreißig würde vor sein Grab gestellt, und dann — fertig — Feuer! Und Schluß. In der Stadt aber müssen sie an eine Wand gestellt werden. Ginge es darum, die Prozedur in aller Stille abzutun, so könnte man sie an die Hof wand des Gefängnisses stellen, aus dem sie jetzt geholt worden sind. Von draußen, am Ende der Stadt. Aber ich habe ja auf dem Marktplatz bestanden. Dem Glänze Polens zuliebe. Damit die Sache bekannt werde. An welche Wand stellt man sie cla? Zwei Wände kommen in Betracht. Zunächst die Hinterwand des Theaters. Sie ist groß, breit. Fünfunddreißig Menschen lassen sich bequem an ihr aufstellen, selbst wenn sie dicker wären als das Judenpack da. Sie müssen nicht gedrängt stehen. Dann wäre noch die Klosterwand. Eine lange, dicke, weiß getünchte Wand. Ehemals eine Festungswand. Hinter der haben die Mönche ihre Gelüste eingesperrt. Hahaha! Der Pan Janpolski lachte halblaut über diesen seinen Witz. Ja, bei der Klosterwand. Janpolski war nicht sicher, aber es schien ihm, im Garten vor der Theaterwand würden die Soldaten nicht genügend freien Raum haben. Die Bäume stören. Sie würden auch dem zusammengelaufenen Haufen den Ausblick nehmen und das sieht dann wieder nach Verstecken aus. Außerdem — es wäre gefährlich. Ein paar Kugeln können die Wand durchschlagen, und am Ende entsteht ein Brand im Theater. Und gerade am Theater hing Janpolski sehr. In dem Theater wird jetzt in polnischer Sprache gespielt. Früher ist dort russisch gespielt worden, manchmal auch in dem verfluchten jüdischen Jargon. Es wäre vielleicht sogar richtig und passend, gerade diese Stelle durch Judenblut zu weihen. Es wäre ein Symbol. Aus dem Blut seiner Feinde hat sich Polen erhoben und seine Sprache. Aber die Gefahr für das Theater ist zu groß. Ein Brand kann ausbrechen, wenn eine Kugel durch die Wand dringt und in ein Dekorationsstück fährt, in ein Bühnenrequisit oder in einen der gepolsterten Parkcttstühlc. Und am Ende würde das gar bedeuten, daß eine Stätte polnischer Kunst durch Judenblut beschmutzt wurde? Nein! An die Wand der katholischen Kirche würde ich die fünfunddreißig krätzigen Juden sicher nicht stellen. Das wäre bestimmt Schändung der Kirche. Also darf ich es auch beim Theater nicht tun. Ganz klar, auch beim Theater nicht. Nein, unbedingt nicht beim Thealer, in dem jelzt polnisch gespielt wird.

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