Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die Wand
Date
1923-01-01
Page
Seite 11 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912822-2912825-2913316--00221-2913366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MENORAH DIE WAND Eine neue Legende von DAVID P/N SKI 1. Es war in den ersten Jahren nach Polens Befieiung von dem Joch der Staaten, die es in Stücke gciisscn und die Stücke untereinander aufgeteilt hatten; nach cinhundertf ünfzig Jahren fügte Polen die Stücke wieder zusammen und es ward ein großes Reich, selbständig und sclbstbestimmcnd, befreit und frei. Doch falsch verstand Polen seine neue hreiheit, fürwahr! Denn frei sein hief.i in seinen Augen — viel Macht haben und Macht beweisen. Doch seine Macht an den Völkern ringsum beweisen, von denen es sich eben freigemacht hatte, das vermochte Polen nicht; das vermochte es nicht, so gern es auch mochte. So wandte es denn seinen Willen zur Macht gegen die kleinen Völkerteile, die in seinen Grenzen siedelten, vor allem aber gegen das Volk der Juden; denn dieses ist schon lange zerstreut und zerstoben unter die Völker und ist das ohnmächtigste unter ihnen, ein vogelfreies Volk. Und die Polen kannten keine Grenze darin, ihre Macht zu beweisen. Denn je mehr sie andere erniedrigen, sie verfolgen und unterdrücken konnten, desto stärker empfanden sie ihre neu gewonnene Freiheil und Selbständigkeit, wie ein Kind, das seine Zähne fühlt, da es beißt. Und Weh kam über das vogel freie Volk, an dem sie ihre Zähne fühlten, fürwahr!... Seine Opfer wurden nicht gezählt, seine Leiden nicht ermessen. Noch geschah es nicht. Ein großer, dicker Knäuel Beleidigung, Verfolgung, Blutvergießen ballte sich zusammen. Und wer kann sagen, welcher Teil in diesem Knäuel am meisten schmerzt? Alles im einzelnen erzählen — den Knäuel aufrollen? Der lange Faden macht keinen so schrecklichen Eindruck wie der ganze Knäuel, der einen schwarzen Schatten auf Polens Freiheil und auf sein Freiseinkönnen wirft, wie der Mond einen Schatten auf die Sonne wirft, und sie verfinstert sich am hellen Tage. Doch in dem Knäuel ist ein Knoten geknüpft, der ragt daraus hervor bis auf den heutigen Tag — und der lange Faden, der sich weiter aufspulte, hat diesen Knoten noch immer nicht umwickeln und überdecken können. Dieser Knoten hat sich an dem Tage geknüpft, da fünfunddreißig Kinder des Judenvolkes an die Wand eines Klosters gestellt und erschossen wurden. Fürwahr, das überstieg die unzähligen anderen Verbrechen des Willens zur Macht, das schlug die schwerste Wunde, erpreßte den schmerzvollsten Wehschrei und kann nicht vergessen werden. Und wenn die Zeit es tiefer in den großen Knäuel hineindrücken wollte, da zog es die Klosterwand hervor und hob es hoch und höher; nein, es darf ni;ht vergessen werden. Es waren fünfunddreißig der besten Juden in der Stadt, die an die Klosterwand gestellt und erschossen wurden. Und weil die Stadt berühmt war durch ihre Judengemeinde, durch ihr Wissen, ihre Weisheit und ihr Wohltun, so waren es fünfunddreißig der besten Juden im ganzen Lande: die meisten noch ganz junge Menschen, Milch und Blut, und etliche ältere Leute. Aber alle an Wissen reich, mit Ideen im Kopf und den Traum von einer besseren Welt im Flerzen. Doch noch mehr. Keiner von ihnen ein Feind der polnischen Freiheit, nein. Die laulere Wahrheit ist: die Erlösung Polens bedeutete für die meisten von ihnen, sogar wohl für alle, Freude und Ermutigung. Sie trugen die Floffnung in sich, was Polen zuteil geworden, würde auch Juda zuteil werden. Aus der Befreiung des polnischen Volkes schöpften sie Überzeugung und Mut für die Befreiung des jüdischen Volkes. Fürwahr, das ist die laulere Wahrheit. Aus einer Versammlung waren sie fortgeschleppt worden, einer Hilfsvcrsammlung. Kein Wort war dort gegen Polen gesprochen worden, Gott bewahre! Keine Spur einer Verschwörung aflBft' 'w' *i» S5! Noah Nachbusch (Wilnaer Truppe) :ils AWscIiukicli, der in S. An-ski's „Dybuk" d:is warnende und rächende Gewissen symbolisiert gegen Polens Freiheit. Nur von Hilfe ward gesprochen, von Hilfe für die Massen der Juden, die in Flunger und Elend schmachteten. Nichts sonst geschah dort. Das ist die lautere Wahrheit. Aber der polnische Wille zur Macht kümmerte sich nicht darum. Die fünfunddreißig Juden wurden nicht abgeurteilt. Die Macht kümmerte sich nicht um die Gerechtigkeit. Sie hatte festen Willens beschlossen, die fünfunddreißig Juden, die zu den Besten der Stadt und des Landes zählten, zu vernichten. Und es war ein Zufall, daß es nur fünfunddreißig 'waren. Dem Offizier Janpolski, der in höherem Range stand, fiel die Ehre zu, Ausdruck von Polens Macht zu sein. Er war überglücklich. Unendlich glücklich! Sein Blut kochte und erregt riß er an seinem buschigen Schnurrbart. Wie lang ist es doch her, daß Polen Möglichkeit und Recht hatte, zu richten, zu strafen und Strafe zu vollziehen? Wie lang ist es her, da polnische Soldaten unter dem Kommando eines polnischen Offiziers die Ehre hatten, Befehle zum Wohle ihres geeinten fieien Mutterlandes Polen auszuführen? Viele, viele Jahre sind seither vergangen. Eine hübsch runde Zahl von Jahren. Diese ganze lange Zeil hindurch ist Polen an Händen und Füßen gefesselt auf dem Boden gelegen, ohne eigenen Willen, ohne eigenes Recht. Nur Fron bei Fremden . . . Verdammt! Am liebsten hätte Janpolski die Strafe an den fünfunddreißig Juden am hellichten Tage vollzogen. Da würde er sie unter Pfeifenklang und Trommelwirbel durch die Stadt führen. Die Bevölkerung würde zusammenströmen und müßte sehen, daß Polen frei und selbständig ist. Auf dem Marktplatz müßte es geschehen. Am Markttag, wenn die Bauern aus den Dörfern der Umgebung hier sind. Sie müssen auch wissen, daß ihr Vaterland befreit ist — und die Freiheit hat zu tun, was es will. So hätte es geschehen müssen, wenn es nur nach Wlas Janpolskis Willen gegangen wäre. Aber das Kommando hatte beschlossen, die Strafe solle um Mitternacht vollzogen werden, wenn die Stadt schlief. Janpolski hatte protestiert. Was für ein freies Polen ist das, wo man heimlich eine Strafe vollzieht, die seine Richter für gerecht und notwendig erachten? Er dachte daran, die ihm zuteil gewordene Ehre abzulehnen. Was ist es denn für eine Ehre, bei Nacht und Nebel zu kommandieren wie ein Räuberhauptmann? Aber Janpolski hatte nicht die Kraft, abzulehnen. Vor allem — es rissen sich so viele darum. So war es ja doch eine große Auszeichnung! Argerlich war nur, daß gerade die für den Vollzug festgesetzte Nacht so stockfinster war. Janpolski hatte auf Mondlicht und Sternenglanz gehofft. Das wenigstens! Es wäre so großartig — die fünfunddreißig Juden auf einer Seite, an die zweihundert polnische Soldaten auf der anderen Seile, den Juden gegenüber, und über dem Ganzen ein sternbesäter Himmel und ein heller, leuchtender Mond; und Janpolski in funkelnagelneuer Uniform, mit gezogenem Säbel, der im Mondlicht blinkt ... Ja, das wäre großartig! .Aber die Nacht war finster, ganz finster, den Himmel bedeckten schwere Wolken. Doch kein Regen fiel, wie zum Flohn. Regnete es, so könnte man die Schießerei vielleicht verschieben. \ erdammtes jüdisches Sauglück! Es werden Fackeln nötig sein. Das war ein Trost für Janpolski. Im Fackelschein wird sich die Sache auch sehr gut ausnehmen. Etwas Einstes, Mystisches wird hereinkommen; ein hreiheitsschießen bei Fackelschein . . . Noch etwas hatte Janpolski durchgesetzt. Die Erschießung sollte nicht außerhalb der Stadt, auf freiem Feld vor sich gehen, sondern in der Stadt; und noch dazu auf dem Marktplatz. Sich ganz zu verstecken ist Polens nicht würdig. Und wenn das Schießen die Leute aus dem Schlaf schreckt — so soll es sein. Sie weiden fragen, was die Schüsse bedeuten, und sie werden erfahren, daß Polen aus dem Sklavenschlaf erwacht ist, daß Polen sich selbst gefunden, daß Polen Freiheit und Macht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.