Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- The Development of the Jewish Theatre ; Die Entwicklung des jüdischen Theaters
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 3)
- Language
- German
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9 MENORAH Hand auch eine anfangs allerdings nur äußerlichc weltlich-kulturelle Nuancierung ging. Es bildete sich in den jüdischen Zentren Amerikas eine kleinbürgerliche jüdische Gesellschaft heraus, die einerseits durch gewisse halbkapilalistischc Funktionen nur beschränkte Aufstiegsmöglichkeiten in kapitalistisch höhere Stufen hatte und anderseits in die Nähe des Induslricprolctariats gerückt war, ohne ihm freilich gänzlich anzugehören. Dieser Bildung einer kleinbürgerlichen Gesellschaft in Amerika entspricht die Umbildung des jüdischen Theaters aus einem asozialen in ein kleinbürgerliches. Das bisher auf die Bühne gebrachte gänzlich asoziale Hintertreppenstück genügte nicht mehr für ein Publikum, das nicht mehr amorphe Emigrantenmasse war, sondern Anfänge einer sozialen Schichtung zeigte. Man versuchte es mit der großen europäischen Tragödie von Sophokles über Shakespeare bis — Sudermann. Das jüdische Publikum verstand sie nicht; es fehlte ihm damals gerade in Amerika eine europäisch gebildete jüdische Intelligenz (sie ist bis heute in Amerika nicht groß). Das jüdische Theater stand vor einer Krise. Da kam im Jahre 1891 der Mann nach New York, welcher dem jüdischen Theater neue Wege weisen sollte, die der sozialen Entwicklung seines Publikums entsprachen. Es war Jakob Gordin. Die Absichten des Mannes, der, damals achtunddreißigjährig, den amerikanischen Boden betrat, waren ganz andere, als Theaterdichter zu werden; er, der in Rußland eine jüdisch-christliche Sekte begründet, dann einige Jahre als Landarbeiter in einer jüdischen Kolonie in Südrußland gearbeitet, überdies ein Dutzend Berufe vom Hafenarbeiter bis zum russischen Publizisten durchgekostet hatte, und schließlich von der russischen Regierung als politisch verdächtig mit allerhand liebevollen Aufmerksamkeiten bedacht worden war, wollte in Amerika eine Kolonie auf kommunistischer Grundlage gründen. Er fand für seinen Plan nirgends Gegenliebe, und der Hunger trieb den mit starkem sozialen Betätigungsdrang Begabten dazu, Theaterdichter zu werden. Sein erstes Stück war „Sibirien", ein realistisches Stück aus der jüdischen Gegenwart. Die Fertigstellung dauerte unglaublich kurze Zeit. Dieser Gewohnheit blieb Gordin, dessen erstes Drama Erfolg hatte, auch weiter treu. In den achtzehn Jahren bis zu seinem Tode (10. Juni 1909) schrieb er über 80 Theaterstücke. Sie sind alle realistische Familienbildcr mit einem starken Schuß Rührung. Ihre Titel („Der jüdische König Lear", „Sappho", „Die Kreutzcrsonalc", „Gott, Mensch und Teufel", „Die feindlichen Brüder L.urje" und andere), welche vielfach an andere Literaturen gemahnen, dürfen nicht irreführen, ebensowenig wie Analogien zur Fabel europäischer Stücke (etwa die Fabel in dem Drama „Die Schewue" — Der Eid, welche mit der des Hauptmannschen „Fuhrmann Hcnschcl" Ähnlichkeit hat). Diese Titelähnlichkeilen (Michael Weichcrt, dessen treffliche Aufsätze über das jüdische Theater bereits erwähnt wurden, vermutet, daß die Titel zumeist nicht von Gordin, sondern von Theaterdirektoren gegeben wurden, welche ihr Publikum durch Analogien zu äußerlich ähnlichen Meisterwerken der europäischen Literaturen anlocken wollten) deuten nur auf gewisse Anklänge in der äußeren Handlung hin. Das innere Problem der Handlung und ihre Motivierung ist bei Gordin eine ganz andere als die der Stücke, auf welche die Titel hindeuten. Ein Beispiel für viele: In „Gott, Mensch und Teufel", bei dem der Titel und eine Wette zwischen Gott und Satan auf Goethes „Faust" hinweisen, kauft der arme, fromme Thoraschreibcr Hcrschale Dubrowner dem Satan, der als Losverkäufer bei ihm eingetreten ist, cm Lotterielos ab, gewinnt und beginnt, mit dem Satan (Masyk) als Kompagnon, Wuchergeschäfte zu treiben. Er verstößt seine Frau, um eine junge Nichte zu heiraten, jagt seinen alten Vater (einen früheren Badchcn, dem Gordin einige Isak Detitsch Gründer und Regisseurdor „Heien jüdischen Volksbühne" in Wien leine Züge von vitaler Lebensphilosophie gegeben hat) aus dem Hause, will sogar den Satan betrügen, lichtet durch Erbauung einer Fabrik die aimcn Tallisweber seiner Heimatstadt zugrunde, ist mit einem Wort dem Satan bereits mit Haut und Haar verfallen. Aber als der Sohn eines allen Freundes, eines Webers in Plerschalcs Fabrik, durch einen Unfall den Tod findet, da kommt Reue und Entsetzen über den Sünder. Er sieht keinen Ausweg mehr auf der irdischen Welt und erhängt sich mit seinem Tallis auf dem Geldschränke. Die dramatisch kräftige Handlung hat mit dem „Fausl-Stoll" herzlich wenig zu tun. Es fehlt ihr jede Beziehung zum Allgcmeinmcnschlichen des Faust-Problems. Das Gordinstück ist ein kleinbürgerlich-jüdisches Familienbild. Es spielt wie alle Stücke der Gordinschen Richtung in der jüdischen I' a m i 1 i e. Sie ist der gegebene Schauplatz für ein bürgerliches jüdisches Drama, ebenso wie für das französische der Salon, für das deutsche des 18. Jahrhunderts das Wirtshaus. Das Drama wählt eben jeweils den häufigsten Betätigungsort der sozialen Schichte, der es angehört, zum Schauplatz. Und in der jüdischen kleinbürgerlichen Gesellschaft ist dies eben das jüdische Haus, in welchem sich reger zwangsloser Verkehr abspielt. Die dichterische Darstellungsweise Gordins ist betont realistisch, einerseits unter dem Einfluß gleichzeitiger europäischer Richtungen in Dichtung und 1 healcr, andererseits aber — und das muß hervorgehoben werden — aus der ganzen Wegrichtung heraus, die das aus dem im letzten halben Jahrhundert der Haskalahwirkung sich iormenden neuen jüdischen Geiste entstandene künstlerische Schaffen der Juden des Ostens eingeschlagen hatte. Ihre stärksten kunstschöpferischen Begabungen, wie M e n d e I e M oclic r- S f o r i m, S c h o 1 e m - A I e j c h c m. Per e z, waren wie immer und überall die stärksten Realisten der künstlerischen Darstellung. Der Zusammenhang mit der Haskalah ist aber bei Gordin noch in einem anderen Element seiner rhcaterdichtung zu finden, das in allen seinen Stücken deutlich, oft übeldeutlich hervortritt: dem v o 1 k s t ü m 1 i c h - 1 e h r h a f t e n. Jedes seiner Stücke hat, genau besehen, eine lehrhafte Tendenz. Sic besteht zum Beispiel in „Gott, Mensch und Teufel" in der Warnung vor den Felben der Geldgier, die den Juden um das Jenseits bringen kann. Gordin könnte überhaupt als dramatischer M a g i d, das heißt Lehr- P'.ediger aufgefaßt werden. Der Magid, der jüdische Wanclerpredigcr, ist ein im jüdischen Osten sehr verbreiteter interessanter Typus, und die neuen kulturellen Tendenzen, welche aus der Haskalah hervorgingen, haben diesem Typus ver- •-.(.hiedenc können gegeben. Eine davon ist das familicnbürgerlichc Theater Gordins. Gerade dieses Wurzeln in einer modcrn-magidischen Tendenz hat es mit sich gebracht, daß Gordins Theaterstücke stets belehrende Bilder in dramatischer Form, mit realistischem Dialog sind und eigentlich nie tragische Geschehnisse. Gordin hat der kleinbürgerlichen jüdischen Gesellschaft Amerikas, welche den neuen kulturellen Bestrebungen der Judcnheit noch naiv und äußerlich gegenüberstand, das Theater geschenkt, das sie brauchte: das kleinbürgerliche F ai 1 i e n t h e a t e r. Und hat damit den sozialen Grundlagen dieser Zeit des Ostjuclentumcs in Amerika den entsprechenden Theaterausdruck gegeben. Das ist Gordins theaterschöpferische Tat. Sie führte das jüdische Theater und was mit ihm verbunden war (die weltliche Dichtung für die Bühne, die Sprache, die Schauspieler) von der asozialen Uligebundenheit zu den Anfängen so-' zialer Bindung. IV. Gordins Erlolg war ungeheuer. Wohl blieb im jüdischen Theater Amerikas und Osteuropas — wie es ja überall beim Theater der hall ist — das Alte neben dem Neuen, das Gordin geschaffen hatte, bestehen; aber das Neue setzte sich mächtig durch und wurde die Grundlage für weitere Entwicklung. Die neuen Wege für das jüdische Theater aber wies wieder das osteuropäische Judentum, vor allem das Rußlands. Die Folgen der jüdischen Katastrophe im Anfange der achtziger Jahre waren einigermaßen überwunden. Die Erschließung Rußlands für die modernen kapitalistischen Methoden, der beginnende Übergang der Judenheit des Ostens in europäische Wirtschaftsformen, welche die einseilig funktionelle jüdische Wirtschaftsstellung in Osteuropa zu differenzieren begannen, brachten einen Prozeß sozialer und kultureller U m s c h i c h-