Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- The Development of the Jewish Theatre ; Die Entwicklung des jüdischen Theaters
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 4)
- Language
- German
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10 MENORAH lung bei den Juden Rußlands hervor, der von großer Bedeutung lür die kulturelle Formung des Ostjudentums wurde. Die von der ostjüdischen Aufklarung ausgehenden jüdisch-kulturellen Strömungen begannen zur Auswirkung zu gelangen. Es bildete sich in Rußland und im übrigen Osteuropa eine von dem neuen auf Erweiterung des jüdischen Kulturinhaltes gerichteten jüdischen Wesen bewußt erfüllte ostjüdischc Intelligenz; sie erkannte, im Gegensatz, zur älteren, vom Streben nach unjüdischer Aufklärung befangenen Generation der ostjüdischen Intellektuellen, die das jüdische Theater als rohen Spaß der ungebildeten Menge verachtet hatten, den Wert der sozialen Bindung, die es zu vollziehen begonnen hatte. Damit gab sie ihm eine Stütze gegenüber der jüdischen Tradition, die es ablehnte und bis heute ablehnt. Die in Osteuropa einsetzende wirtschaftliche Umformung der Judenheit aber hatte auch eine soziale Stufenleiter zu schaffen begonnen, die auf festerer Grundlage stand als die der früheren Generationen, bei denen es nur einen Gradmesser für soziale Wertung gegeben hatte: das Wissen des Traditionsinhaltes. Es setzte eine soziale Erslarkung des arbeitenden Elements bei den Juden ein. Am schnellsten in Amerika, wo der Prozeß der Einordnung der Juden in das moderne Wirtschaftsleben am raschesten vor sich ging. Dort setzten auch die Bestrebungen nach einem jüdischen Theater als soziales Gebilde, das über den im familicnbürgerlichen Gordin=Theater naturgemäß noch stark betonten Rahmen einer Genrekunst hinausgeht, zuerst ein. Die geistigen Grundlagen dafür aber gab das jüdische Osteuropa, wo die Bestrebungen auf Erweiterung des jüdischen Kulturinhaltes von Kräften gelragen wurden, welche die Kontinuität der jüdischen Kultur gewahrt hatten. Aus diesem neuen jüdischen Geiste — seine Formung vollzieht sich trotz schwerer Erschütterungen der letzten Jahre noch immer sozusagen greifbar vor unseren Augen — aus diesen Strebungen, welche — ob national oder sozialistisch-jüdisch geformt — im Grunde darauf ausgehen, die jüdische Kultur zu einem aktiv schöpferischen Element der gesamten Kulturen! wicklung zu gestalten, wird jetzt die Umbildung des familienbürgcrlichen Gordin-Theaters zu einem sozialen Theater als Volks- und damit als Menschheitsangelegenheit vollzogen. Die jüdischen arbeitenden Schichten und die bewußt neujüdischc Intelligenz des Ostens bauen am Werk. Während vor 16 Jahren die Schauspielerin Esther Rahel K a m i n s k a, die nach der Aufhebung des Verbotes des jüdischen Theaters durch die russische Regierung die erste jüdische „dramatische Truppe" begründet hatte, noch mit ihren Darstellungen der Gordinschen Stücke Triumphe feierte, waren bereits die neuen Entwicklungslinien für das moderne jüdische Theater vorhanden. Die neue Generation jüdischer Dramatiker, voran David P i n s k i, neben ihm Kobrin, Percz Hirschbein, Asch und andere, schufen ihre Werke aus den neuen sozialen und Volkstendenzen heraus. Zu ihnen gesellten sich die erlesensten Geister der neuen jüdischen Literatur, wie Scholem-Alejchem und P c r e z. Was sie schufen und schaffen, und mit ihnen eine große Zahl von jungen dramatischen Talenten, die sich hinzugescllten, wie B i m k o, L c i w i k, Weiter, der Judith Larcs (Wilnacr Truppe) jüngst verstorbene A n - s k i, dessen Legcndcnspiel ,,Der Dybuk" so viel Aufsehen macht, das ist ein neuer Weg für die Auswirkung des neuen jüdischen Geistes, der sich jetzt formt. Wenn David P i n s k i in seinem Stück „Eisik Scheftcl" das Drama des jüdischen Arbeiters geschaffen hat, der zugrunde geht, weil er nie bloße Maschine sein kann, so hat er damit das Problem der neuen Arbeitsformen, die sich ein produktives Judentum und auch eine der neuen Werten zustrebende Menschheit schaffen muß, sozusagen zur Diskussion gestellt. J. L. P e r e z hat in seinem dramatischen Gedicht „Die goldene Kette" die schwere Frage der Verbindung des alten jüdischen Sabbath mit dem Wesen des neuen Menschentums, mit der Sehnsucht nach dem wahren Sabbath aufgeworfen. Diese und viele andere Gestaltungen der neuen jüdischen Dramatik entspringen demselben Problem: der Formung des neuen jüdischen Wesens, welche das alte weiter führt, fest verankert im Volke, zu neuem Schaffen. Dies ist die geistige Grundlage des neuen sozial gebundenen jüdischen Theaters, das jetzt entsteht. Es hat in Europa in der ..Wilnaer Truppe" seinen ersten reinen künstlerischen Ausdruck gefunden. In Wien, dem Übergangspunkt zwischen dem jüdischen Osten und Westen, ist durch die „Freie jüdische Volksbühne" Ähnliches gechaffen worden und mit Erfolg in die Erscheinung getreten. Amerika, das heute die stärksten äußeren Möglichkeiten besitzt, hat an dieser letzten Entwicklungsphasc des jüdischen Theaters ebenfalls Anteil, einerseits durch den starken sozialen Widerhall in seinen jüdischen arbeitenden Schichten, anderseits durch die Ausnützung der technischen Möglichkeiten. Der geistig schöpferische Anteil aber ist im jüdischen Osteuropa mit seiner noch immer vorhandenen jüdischen Kulturkontinuität. So sehen wir heute im Fluß der Ereignisse ein jüdisches Theater vov uns, dessen drei Entwicklungsstufen nebeneinander hergehen und oft ineinander verfließen: das sozial volkstümliche, das familienbürgcrlichc Genretheater und das sozial neubestimmte Volksthcatcr. Die neue Entwicklung des jüdischen Theaters ist an die Möglichkeiten der sozialen Weiterentwicklung gebunden; wie diese, ist auch sie jetzt durch äußere und innere Ursachen gehemmt; hoffentlich siegt aber, wie stets, auch in diesem Zweige des geistigen Entwicklungsprozesses des jüdischen Volkes — dessen Vitalität. ♦0VJ!2 r--* t ~m - - ner.j Krr h: rm 'nitfatf^ '?rTi .rtä-rrmv?*: nH;x -^£--2 -rs xj rr-> : trr^n rix -1222 b$*r, este \-vbyz bzrn n"n; *b .. nrurt iirirrri Tapetenhaus W. Wallis Unübertroffene Auswahl in jeder Preislage und Stilurt Telephone G7-M7 - (59-2-92 Wien, I., Wipplingerstr. 15