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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die drei Jahre des Sir Herbert Samuel
Date
1923-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 MENORAH intervenieren und Sir Samuel bekam darauf aus dem Ministerium den Vorschlag zur Unterschrift der Konzcssion. Auf gleiche Obstruktion stießen auch andere kleinere Konzessionäre. Man sah einmal diesen, einmal jenen in London, wo sie sich bemühten, manchmal mit Erfolg, das Netz der 1 lindernissc und Schikanen, die von Herrn Richmond ausgingen und von Sir Samuel sanktioniert wurden, zu entwirren. Die Ica traf auf gleiche Ob- Iruktion beim Ankauf der Dünen in Caesarea. Die Legionäre flehen schon seit drei Jahren vergeblich um ein Stück Land. Im Oktober vorigen Jahres erhob die Palästinaexekutive einen Protest gegen den Beschluß, jüdischen Boden in Kaiendia zu enteignen und schrieb an Sir Samuel: „Wir müssen den Schluß ziehen, daß die Kolonie Kaiendia nicht deshalb enteignet weiden soll, weil sie angeblich natürliche Vorteile für Fluganlagcn besitzt, sondern einfach aus dem Grunde, weil sie den Juden gehört; die jüdische öffentliche Meinung wird aber nicht so respektiert wie die arabische . . . Die Exekutive erblickt in dem von Ew. Exzellenz festgesetzten Prinzip eine für die Zukunft der Juden im Lande schädliche Doktrin. Wir sehen uns gezwungen, das Verhalten der Regierung /um jüdischen Ackerbauer dem zum nicl.tjüdischen entgegenzustellen. Im Jordantal wurden große Parzellen des Staatsbodens unter günstigsten Bedingungen unter die Araber verteilt, die Juden erhielten aber nichts . . . Die \ ersuchstation in Dcigauia sollte veiabredungsgemäß IpOO Dimam erhallen, aber auch diese wurden den Arabern gegeben . . . Leider mußten wir all iliere Tatsachen aufzählen — was uns schwerer fällt zu schreiben, als Ew. Exzellenz zu lesen . . ." Ich habe nicht einmal ein Viertel der Tatsachen erschöpft, die die Palästinakarriere des Sir Samuel darstellt. Soll aber ein jeder für sich in Gedanken diesen, wenn auch unvollständigen Katalog abschätzen. Die Beamtenschaft aus lauter Antisemiten; Beförderungen für Pogromagilationen und sogar für Ungesetzlichkeiten; Verdrängen der zionistischen oder der der zionistischen Bewegung gutgesinnten Elemente aus der Administration; Aufbürden der Schuld an den Pogromen auf die Juden selbst; Sperrung der Einwanderung; das Weißbuch und damit verbundene Erpressungstäligkeil; Obstruktion gegen jede erfaßbare Form ökonomischer Tätigkeit der Juden; Erniedrigung der jüdischen Würde auf Schritt und Tritt; Palästina wird zu einem Land, wo das Singen der Hatikwah verboten ist; aber das Singen auf den Plätzen von „Unsere Juden sind Hunde" ist erlaubt ... In Anbetracht aller dieser Tatsachen muß man sagen: Wie gut die inneren Absichten des Sir Samuel auch sein mögen, bleibt es — objektiv genommen — ein Rekord, auf welchen ein beliebiger neomagyarischer oder allrussischer Gouverneur mit Recht stolz sein könnte. Die guten Menschen in unserer Mitte bemühen sich, zu dem allen eine Erklärung zu finden, und deshalb ziehen sie es vor zu glauben, daß Sir Samuel nicht verantwortlich gemacht werden kann, da er alles auf den Befehl der „Gojim" aus dem Ministerium für Kolonien tat. Ich bin überzeugt, daß Sir Samuel der erste wäre, der sich entrüstet gegen solch eine Verleumdung aufgelehnt hätte, daß e r imstande wäre, eine antisemitische Politik auf Befehl und liegen seine Überzeugung zu führen. Von irgendwelchen Befehlen kann hier keine Rede sein. Lloyd George gab Sir Samuel carte blanche; weder Churchill noch — bis jetzt — der Herzog von Devonshirc taten einen Schritt, der nicht seiner Initiative entsprach. Sein Vorgehen zur Zeit des Pogroms in Jalla, besonders der Rücktransport des Einwandererschiffes, erweckten im Ministerium für Kolonien sogar ein unverhülltes Mißfallen. Diese drei Jahre herrschte in Palästina Sir Samuel und niemand anderer. Dieselben guten Menschen versuchen, einen „lichten Punkt" darin zu finden, daß in Palästina bereits monatelang kein Pogrom stattfand, und rufen: „Sollte für dieses Verdienst nicht vieles verziehen werden?" Diejenigen, die so sprechen, glauben wahrscheinlich, daß die Araber aus purem Vergnügen die Juden töten. Eine ganz unrichtige Auffassung. Der arabische Nationalismus ist genau so praktisch wie der unsere: in der Wirklichkeit behält er eine reale Tatsache im Auge, die Immigration, und nur sie allein ist das, wovon er Angst hat. Er hat vor sich die Erfahrung des Jahres 1922. Wenn man ausrechnet, wieviel Juden nach Palästina kamen und wieviel in diesem Jahre zurückwanderten, so bleibt kaum ein größerer Überschuß als der natürliche Zuwachs unter der einheimischen arabischen Bevölkerung. Gleichzeitig brachten die Juden vom Oktober 1921 bis Oktober 1922 nach der Berechnung des Herrn Van Vriesland über zwei Millionen nach Palästina mit. Unter solchen Bedingungen — nicht mehr als sechstausend ansässige Immigranten jährlich und dabei eine jährliche Geldquole von 2 Millionen Pfund Sterling — könnte man auch mit der arabischen Delegation einig werden. In dies e m Sinne förderte Sir Samuel zweifelsohne den Burgfrieden im Lande. Je weniger Immigranten, desto weniger Reibungen. Es wird noch weniger Reibungen geben, wenn man den Zionismus überhaupt liquidiert, sowohl phraseologisch als sogar auch deklarativ. Entstehen also zwei kragen: die erste — „warum und wieso konnte es geschehen, wieso konnte ein jüdischer Gouverneur so handeln? Die zweite: „was ist nun zu tun?" Die erste Frage verdiente es nicht, daß man sich mit ihr beschäftigt, wenn sie nicht das jüdische Gewissen der ganzen Welt so quälte. Für die praktische Politik ist ganz gleich, was im Herzen des Sir Samuel vorgeht, wenn vor Augen aller ein so beispielloser Rekord liegt. Den vielen Tausenden der Juden gibt es doch keine Ruhe. Vor drei Jahren begrüßten die Juden Sir Samuel mit Glauben und Entzücken. Jetzt fragen sie: Was geschah? Ist das Verrat, Karriere, Beschränktheit? Auf wen soll man nun hoffen nach so einer Enttäuschung? Wir dachten, den geeignetsten Mann gewählt zu haben, und was sehen wir nun? Heißt das nicht, daß unsere ganze Sache hoffnungslos ist? Solche Gedanken bringen zur V'crzwciflung. Und deshalb müssen wir uns ein für allemal klar machen: Nicht unsere Sache ist hoflnungslos, sondern in der Wahl des Mannes fehlten wir. Wie ich bereits gesagt habe, zweifle ich die guten Vorsätze des Sir Samuel nicht an. Er wünscht nicht nur den Juden Gutes, er ist auch ein Zionist im Sinne des Endzieles. Die Antisemiten, die ihn umgeben, tragen sich jetzt mit der Phrase „Kulturzentrum" herum, Sir Samuel persönlich hält diese Phrase für einen leeren Klang. Er glaubt nicht an eine nationale Kultur ohne eine starke nationale Öffentlichkeit. Ich möchte noch eine Tatsache erwähnen, die in den Augen des Schreibers dieser Zeilen ein großes Plus darstellt: Sir Samuel bemühte sich mehrere Male, damit man die jüdische Legion in Palästina nicht auflöse. Wenn Sir Samuel Redakteur des „Zionist Review" wäre, so wären seine Leitartikel sehr aufrichtig gewesen und hätten oft ganz richtige Bemerkungen aulgewiesen. In seine jetzige Rolle piil.it er gar nicht, er ist in dieser Rolle hilflos, inkompetent und direkt schildlich allen drei Seiten: uns. den anderen und England. Wundem muß man sich darüber gar nicht. Im jüdischen Alltag findet man solch einen Typus oft, es gibt sogar ein Sprichwort: „ich verstehe wie nie' schwimmt, ober schwimmen kann ich nitt" . . . Um besser zu verstehen, wie diese uns so gut bekannte Psyche auch in der höheren Administration vorkommt, isl es sehr nützlich, sich an zwei Episoden au> der Tätigkeit des Sir Samuel noch v o r seinei jetzigen Ernennung zu erinnern. In beiden bedien — einmal im Verhältnis zu den Juden und Engländern, das zweitemal zu den Arabern — zeigte sich das reine „Gehirnverständiiis" in Zusammenhang mit einer organischen Unfähigkeit, die reale Temperatur zu emplmden oder die realen Dinge zu sehen. Im Jahre 1916. noch in London, drohte er als Minister des Innern, daß die Emigranten (russische JudenJ, falls sie sich nicht zum Militärdienst melden, mit Gewalt in das zaristische Rußland abgeschafft werden. Er war dabei ehrlich überzeugt, daß seine Drohung einerseits alle Juden in die Armee treiben wird. anderseits einen ausgezeichneten Eindruck auf die Engländer machen wird und die anwachsende gefährliche .Aufreizung gegen Whitechapel zerstreuen wird. Es hat sich allerdings herausgestellt, daß kein Emigrant sich im Rekrutenbureau einfand und daß in der Presse wie in den beiden Häusern im Chor Sir Samuel bemerkt wurde, daß solch eine Drohung unanständig sei und, von einem Minister ausgesprochen, England kompromittiere. Der zweite Fall war in Palästina zur Zeit seines eisten Besuches. Die Araber bemühten sich um die Erlaubnis, eine Straßendemonstration gegen den Zionismus zu veranstalten. General Bols fragte bei Sir Samuel an, bevor er eine Antwort darauf geben wollte. Sir Samuel gab den Rat, sie zu erlauben, „um das Ventil zu öffnen und Dampf entweichen zu lassen". Einflußreiche Juden versuchten, ihm zu erklären, daß solch eine Metapher von Ventil und Dampf für Europa wohl anwendbar wäre; hier aber im „Diluviallande" sei die Bevölkerung seit uralten Zeiten in dem Bewußtsein erzogen, daß die Regierung, falls sie solche Demonstrationen zuläßt, auch ein Gemetzel wünsche. Die Folgen sind gründlich im Gedächtnis geblieben. In diesem Moment aber möchte ich nicht auf die böigen, sondern auf die charakteristische Besonderheit derselben hinweisen: Eine Massenpsychologie aus eigenem Kopf zu „konstruieren" auf Grund irgendwelcher mechanischer Syllogismen, anstatt einfach die Augen zu öffnen und mit der Hand zu tasten. Im Alltagsleben nennen wir so eine Geistesverfassung eine „Eschibothsche", in der hohen

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