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Menorah · 1923-01-01 · Heft 4 · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Die drei Jahre des Sir Herbert Samuel
Date
1923-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 MENORAH i Polihk nennt man sie höflicher — die ,,Ac!vokatenpsychologie". Ein Staatsmann mit einer Advokatenpsychologie lebt und handelt in der Überzeugung, daß die Well ein Gcrichlssaal ist, wo der siegt, der besser argumentiert, ergo argumentiert er. Diejenigen, die sich an das Jahr 1917 in Rußland erinnern können, behaupten, daß eine solche Psychologie keineswegs ein Monopol der Juden darstellt. Dies ist möglich; sie vermochte sieh aber kaum so vollendet zu verkörpern, als in der Person des Sir Samuel. Er war fest überzeugt von der Macht seines Arguments: es ist doch ganz, klar, daß die Balfour-Deklanüion eine ausgezeichnete Sache ist und daß kein Mensch durch ihre Verwirklichung geschädigt sein wird; wenn das also klar ist, so werden es auch die englischen Beamten und Araber verstehen, man m u ß sie n u r n u f k 1 Ii r c n. Aus diesem Grunde also ist es gar nicht notwendig, die Antisemiten des alten Regimes der Posten zu entheben: man muß sie nur aufklaren, und alles geht ins neue Geleise. Auch Aref-el-Aref kann man aufklären, den arabischen Kongreß kann man aufklären usw. Allerdings ist Sir Samuel nicht so naiv, zu denken, daß die „Aufklärungen" nur in der borm von sittsamen Gesprächen zu geben sind. Ganz im Gegenteil: die Form wird variiert: gleichzeitig mit den Reden und Interpretationen sollen auch augenscheinliche Belehrungen, besondere Kniffe der Justiz und Administration, besondere Nuancen der Gesetzgebung Platz haben. Das alles soll dem Hauptziel — der Propaganda — dienstbar gemacht werden. Zur Propaganda soll man die Pogromhelden auf freien büß setzen, unehrliche Richter im Dienst befördern, mit den Anstiftern Nachsicht haben, die Juden erniedrigen und vor ihren Feinden Kratzfüße machen. Dies alles nur deshalb, damit die Feinde die wirkliche Einsicht bekommen, daß „National Plome" kein gefährliches Ding ist. Nichts ist ungerechter, als daß mau Sir Samuel eines Verrates verdächtigt, indem man ihm vorwirft, „Jerusalem vergessen zu haben". Ganz im Gegenteil: das Alpdrücken des All-I Iamanismus, das er in Palästina erzeugt hat, konnte nur deshalb entstehen, weil Sir Samuel sich nicht als Administrator, sondern als Propagandist benommen hat. Er betrachtete als seine vornehmste Aufgabe nicht die Aufrechterhaltung der Ordnung im Lande, sondern die Schaffung eines neuen Arguments zur Apologetik des „National Home". Er entwürdigte die Idee des britischen Mandates bis zu einer Agentur zur Verbreitung von richtigen Informationen über die Balfour-Dcklaralion und über Zionismus. Diesen letzten Satz, hörte ich von einem Araber, nur sagte er: „zur Verbreitung unrichtiger Informationen". Ich wage zu behaupten, daß auch diese Version ihren Grund hat. Wenn man die Araber offiziell zu überzeugen versucht, daß der Zionismus nur Palästina zu bereichern „bestrebt ist" und vicllei:ht auch nebenbei ein wenig die jüdische Bevölkerung im Lande zu vergrößern (so ist der Sinn des „Weißbuches") — so bildet das alles unstreitbar eine Verbreitung von wissentlich unrichtigen Informationen. Von Siv Samuel angefangen bis zum letzten Beduinen verstehen alle in Palästina sehr gut, daß der Zionismus ganz andere Perspektiven „verfolgt", und zwar das Ziel, die Majorität zu erlangen, mit allen aus dieser entstehenden böigen für ein Staatswesen. Auch sind die Araber fest überzeugt, daß jeder Chaluz, jede Chaluzah diese Wünsche hege, zu guter Letzt selbst Sir Samuel. Von diesem Standpunkt aus gesehen, erklären sich die Araber im allgemeinen die Taktik des Sir Samuel folgendermaßen: er will sie überzeugen, daß der Zionismus eine winzig kleine, anspruchslose Bewegung ist, in der Hoffnung, die Araber dadurch einzuschläfern, inzwischen aber kriechen die Juden unbemerkt in das Land hevein und eines schönen Morgens . . . Entspräche es den Plänen des Sir Samuel oder nicht, es ist belanglos; kein Plan kann gelingen, wenn die Methoden unsinnig sind. Wenn ein Mensch, anstatt die 60 notorischen Antisemiten auseinander zu jagen, mit ihnen zusammenarbeitet und Freundschaft schließt, so ist das einzige Ergebnis etwas, was man „botcl bcschischim" nennt. Wenn zur Aufgabe der Justiz nicht die Ausübung der Justiz, sondern die Verherrlichung der britischen Unvoreingenonmienheit und der jüdischen Sanftmut wird, so kommt es zu einer rechtlichen Demoralisation. Die Araber zu überzeugen, daß der Zionismus eigentlich nichts bestrebt, i.-t undenkbar; sie verstehen unser Vorhaben genau so gut wie wir. Der Traum von einer „unsichtbaren" Immigration, bemäntelt von einer beschwichtigenden Propaganda, ist der Traum eines Analphabeten. Es gibt keine unsichtbare Kolonisation. Die Methode des Sir Samuel, diese Kreuzung eines ehrlichen Nichtverständnisses mit kindischer Schlauheil, konnte nur dazu führen, wozu es auch gekommen ist: zum Chaos im Lande, zum Sinken des Immigralionsenlhusiasmus, zur Flucht Hunderter ,ius Palästina, zur Enttäuschung in der Diaspora, zur Verarmung der zionistischen Kassen und /u jener Verzweiflung unter den Trägern der Bewegung, die sie die 1 lintertreppe des „Geldsacks" zu belagern zwang. * * * In diesem Artikel stelle ich nicht die Frage auf, auf welchem Wege man die Beseitigung schlechter Administratoren und die Einstellung von guten erzwingen könnte. Das bildet einen Teil der allgemeinen krage, der Wechselbeziehungen zwischen uns und der britischen Regierung. Darauf kommen wir noch einmal zu sprechen. Jetzt interessiert mich in dem Streit, ob die Demission des Sir Samuel erwünscht ist oder nicht, nur eine Seite: und zwar, der in manchen jüdischen Kreisen verbreitete Aberglaube, daß man einen Administrator — wenn er Jude ist — mag er noch so schlecht und schädlich sein, nicht „anrühren" soll. Dieser Aberglaube entbehrt jede« Sinnes. Erstens, es ist eine Schande für uns, daß ein Jude, der als oberster Kommissär nach Palastina entsendet wurde, sich als ungeeignet erwies. Die christlichen Völker enttäuschen sich alljährlich in ihren christlichen Kommissären, lassen sie den Abschied nehmen und schämen sich dessen gar nicht, obwohl sie mehr für ihre von ihnen auch gewählten Minister verantwortlich sind als wir Juden für Sir Samuel, der nicht von uns ernannt wurde. Wenn auch die Ernennung des Sir Samuel seinerzeit den Sinn eines Präzedenzfalles gehabt hätte, das heißt, daß auch in der Zukunft als Kommissäre nur Juden ernannt werden, so wäre es doch ungerecht zu verlangen, daß gleich der erste Versuch gelingt. Der Versuch ist also mißlungen, eine weitere Bedeutung messen wir dem nicht zu. Zweitens, es gibt keine Gründe zur Annahme, daß die Konfession des Sir Samuel einen Präzedenzfall für künftige Ernennungen auf diesen Posten in Palästina darstellt. Weder in dem Ministerium für Kolonien noch auf dem Ülberg betrachtet man die Sache von diesem Standpunkt. Wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, daß es für uns wichtig ist, einen jüdischen Gouverneur zu haben, möge er auch ganz, unmöglich sein, nur aus dem Grunde, ein „Symbol*', ein „Schild" usw.'"'') zu haben, auch dann muß man sich vergegenwärtigen, daß die Langlebigkeit eines Symbols durch nichts garantiert ist, wir aber erleiden keinen symbolischen, sondern einen realen. Iielcn und vernichtenden Schaden. Drittens, es ist die höchste Zeit, laut zu sagen, daß ein leeres Symbol keinen Pfifferling wert ist. Die „Marseillaise" witd nicht gesungen, damit ich stramm stehe und findige Leute inzwischen mein 1 laus ausplündern. Die blau-weiße Magge, unter der sich schwarze Ware befindet, bleibt nur ein Fetzen. Unsere Vorliebe für Symbole ist eine der ältesten Krankheiten unseres Ghettos. Noch unsere Väter fanden darin Trost: „wenn sie auch keine allgemeine Aufenthaltsbewilligung haben, so ist doch I loratius Günsburg ein Baron". Jetzt versuche man uns einzureden, daß die Juden jedes Interesse an Palästina verlieren, wenn man auf dem Ülberg statt Ghanuknlichter einen ChnMoaum anzündet. Das sind leere Phrasen. Nach dem Pogrom in Jafla sagten sogar die Orthodoxen aus Men- Schearim laut, daß sie selbst das Beten m der Synagoge zu verrichten verstehen, eleu Statlhahei brauchten sie lediglich zum Schutz der bürgerlichen Sicherheit. Ein symbolischer Administrator ist ein Köder: das einzige, was er heranziehen kann, sind wieder Symbole, das heißt Resolutionen statt Geld, Resolutionen statt Immigration. \ iertens ist die Epopöe des Sir Samuel ein Präzedenzfall, dann nur in einem Sinne, und zwar in dem traurigen. Unser Schweigen als Antwort für die drei Jahre der systematischen Zerstörung von all diesem, was uns teuer und wichtig war — bildet den unausrottbaren Präzendenzfall. Wenn es einmal im balle einer Ernennung eines dem Sir Samuel würdigen Nachfolgers mit unserer Geduld zu Ende ist, so sehen wir uns der Möglichkeit zu protestieren beraubt. Man wird uns fragen: „Warum erlaubt Ihr Johnson oder Smith nicht das, was Ihr Samuel erlaubt hättet?" Auf solche Fragen gibt es keine Antwort. Mit Bitterkeit müssen wir mit einem Tadel gegen uns selbst gerichtet schließen: Nur durch das Fehlen eines starken Rückgrates erblühte und festigte sich jenes System in Palästina, und nur durch unser Verschulden droht es zu einer Tradition zu werden. * * * Nachwort der Red. In der nächsten Nummer erscheint die Rede Sir Herbert Samuels, in der er die Grundsätze seiner Verwaltung verleidigt. •Y') Anmerkung des Verf.: Die Terminologie ist sehr reich, denn andere Beweise, mit Ausnahme von diesen, sind den Anhängern des Sir Samuel nicht geblieben und sie schärfen und polieren aul jede Weise ihre letzte Waffe.

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