Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die drei Jahre des Sir Herbert Samuel
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 MENORAH 3 Der jüdische Oberst Margolin, clem Tcl-Aviv seine Rettung zu verdanken hat, wurde nach einigen Tagen abgesetzt. Auch der Hafenkommandant, Major Jcunc, der einzige christliche Offizier, der mit einem Revolver in der Hand das Haus der Chaluzim vor der Menge und vor den Polizisten, die diese Menge führten, verteidigte, wurde nach einigen Monaten vom Posten abgesetzt. 5. Mit der Untersuchung wurde, wie gesagt, Herr Kermak beauftragt. Um auch die Ursachen des Ereignisses aufzuklaren, schuf Sir Samuel eine Kommission aus ihm untergeordneten Beamten. Der Bericht dieser Kommission wurde im Oktober 1921 veröffentlicht. Es ist ein polemisches Werk gegen den Zionismus mit Zitaten aus den „Times" und aus dem Londoner „Kercn Haycssod Book". Es wird dort behauptet, daß die Juden mit „derselben Bestialität wie die Araber" sich benommen haben, daß die arabischen Notabcln sich bemüht haben, die Mörder zu beschwichtigen, daß das Verhalten des Militärs vorzüglich war und insbesonders, daß die Hauptursache des Pogroms in der Interpretation des Zionismus liegt, welche die Araber „von den jüdischen Intcrprctatoren erhalten haben". Diesem Schriftstücke wurde eine Depesche des Sir Samuel beigefügt, in der er den Bericht seiner Untergebenen, die er selbst mit der Untersuchung der Ereignisse seiner eigenen Politik beauftragt hat, als eine „ausführliche und unparteiische" Übersicht befürwortet. 6. Bevor noch dieser Bericht erschienen war, wurde die Deklaration vom 3. Juli 1921 veröffentlicht. Ich könnte beweisen, daß diese Deklaration, obwohl sie auch gleichzeitig in England veröffentlicht wurde, von der ersten bis zur letzten Zeile in Jerusalem verfaßt worden ist. An die Grundrisse kann sich jeder erinnern: Kein Wort des Tadels für die Pogromhcldcn, kein Wort der Androhung mit der gesetzlichen Strafe, dafür aber werden die Zionistcn getadelt, die zu weitläufig die Balfour-Dcklaration deuteten, und zum Schluß das Versprechen der Einschränkung der Immigration. 7. Es beginnt dann ein Jahr jener Politik, die aus Palästina ein Land des offiziellen Antisemitismus gemacht hat. Ganz merkwürdig ist es, daß sogar englische Juden, die in England erzogen waren und die nirgends, weder in der Schule, noch in der City, noch im Dienst derartiges gesehen haben, konstatieren, daß die Verwaltung ganz oflen eine erstickende Atmosphäre hervorruft und daß das Hemmen der Juden im Dienste sowie im geschäftlichen Leben als eine patriotische Pflicht angesehen wird. Sir Samuel ist all dies gut bekannt, und doch rechtfertigt er alles in seinen zahlreichen offiziellen Unterredungen sowie auch in seiner Privatkol respondenz. Seine rechte Hand wird jener Herr Richmond, der an die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" glaubt und der ein offener Gegner der Verstärkung des jüdischen Elements in Palästina ist. Er ist jedoch ein korrekter Mann, und da er wußte, daß man mit ihm sehr unzufrieden sei (besonders deshalb, weil er Knüppel zwischen die Speichen jeder jüdischen Initiative, sogar der rein kaufmännischen Charakters, steckte), ersuchte er eines Tages Sir Samuel um seine Demission. Sir Samuel aber verweigerte die Annahme der Demission, dafür wurden jüdische Beamte einer nach dem andern entlassen. 8. Als Höhepunkt der Tätigkeit des Sir Samuel in Palästina kann nach dem Jaffacr Zwischenfall das „Weißbuch" betrachtet werden. Dieses Buch ist, wie bekannt, von ihm eigenhändig geschrieben. Ihn und nicht Herrn Churchill mußten die Mitglieder der Exekutive zu überreden versuchen, die besonders schädlichen und ei niedrigenden Stellen auszustreichen. Dieser Versuch hat aber keinen Erfolg gehabt. Das Buch wurde der Exekutive zur bedingungslosen Annahme vorgelegt mit der DroKung, im gegenteiligen Falle den Punkt 4 des Mandats (der Punkt wegen der Jewish Agcncy) einer Überprüfung zu unterziehen. Diese Drohung wurde nur wenige Tage vor der Zusammenkunft des Völkerbundrntes ausgesprochen, nachdem die Zionistcn so viele Mühe und immense Arbeit aufgebracht halten, um die Genehmigung des Mandats zu erreichen. Forderungen unter solchen Umständen und in derartiger Form haben im juridischen Sprachgebrauch einen ganz bestimmten und nicht sehr schmeichelhaften Namen, daher hat natürlich ein Einverständnis, welches in solcher Weise erzwungen war, beiläufig denselben moralischen Wert und dieselbe Verpflichtung wie die Taufe eines Maianncn. In früheren Zeiten haben sich an der „Bekehrung" der Juden zu „Maianncn" Staatsmänner ganz anderer Art als die des Sir Samuel beteiligt. Die aktive Rolle eines Initiators, die dem Sir Samuel in dieser Angelegenheit zugefallen ist, kann als ein kühner, große Perspektiven eröffnender Präzedenzfall betrachtet werden. 9. Die nächste Tat des Sir Samuel war die sogenannte „Palästinensische Konstitution". Die Idee selbst ist ein Absurdum. England hat die Durchführung der Balfour-Dcklaration auf sich genommen. Die Mehrheit der Araber wollte von dieser Deklaration nichts hören. Es bleibt also England die Wahl, entweder auf die Deklaration zu verzichten oder vorläufig ohne die Araber zu regieren. Sir Samuel hat aber einen dritten Weg vorgeschlagen, und zwar die der Majorität unerwünschte Politik fortzusetzen und gleichzeitig eine offizielle Plattform für die Obstruktion und Sabotage der jüdischen Arbeit zu schaffen. Ich kann versichern, daß das Ministerium der Kolonien auch damit nichts zu tun hatte. Die Initiative gehörte dem Sir Samuel und die Verfassung des Projekts seinen höchsten Beratern. 10. Frisch ist noch die Erinnerung an den Mißerfolg der Wahlen. Man muß in die Einzelheiten eindringen, um zu begreifen, was für eine offensichtliche Belehrung, und zwar derselben Art, wie das Avancement der Flerren Arcf und Kcrniak, wieder einmal den Arabern gegeben wurde. Unter Androhung von Gefängnis und Geldstrafen ist dreimal das Verbot der Agitation gegen die Wahlen verkündet worden. Diese Agitation wurde aber olfcn gefühlt und natürlich ist niemandem etwas geschehen. Nur eine Gruppe hat moralische Verluste erlitten. Das ist diejenige arabische Gruppe, die, um Sir Samuel zu unterstützen, bei den Wahlen erschienen ist, die doch 107 mohammedanische, 19 katholische und 8 russisch-orthodoxe Wahlmiinncr aufgestellt hat. Schon früher hörte man, dafi die Regierung mit der geringen Zahl der Araber, die mit den Juden im Einvernehmen leben und die judäophile Vereine gründen, unzufrieden ist. Noch nie waren aber die Begünstigungen für den Antisemitismus so deutlich sichtbar, noch niemals wurde so offen damit manifestiert, daß es für keinen Araber Sinn hat, gegen den Strom zu schwimmen und die Balfour-Deklaration zu unterstützen, da die Regierung mit solchen gar nicht rechnen wird. „Man hat uns in die Augen gespuckt," schreibt mir ein Araber, mit dem ich befreundet bin, „was für einen Sinn hat es, eine Regierung zu unterstützen, die ihre Freunde im Stich läßt (leave in the lurch)". Für die Juden war die Aufhebung der Wahlen eine noch größere Entwürdigung, sie sind mit schwerem Herzen gegen die eigenen Interessen, nur um dem Sir Samuel herauszuhelfen, zu den Wahlen gegangen. Es ist aber bei uns nicht mehr Sitte, die jüdischen Erniedrigungen zu berücksichtigen. I I. Der vorletzte Akt der Karriere ist in demselben Stil „der Prämie" gehalten. Da eine gesetzgebende Körperschaft durch die Araber gesprengt worden ist, wird das frühere Beratungsoigan wiederhergestellt. Es ist aber zu einer Abänderung gekommen. Im früheren „Advisory Council" waren 30% Juden, in dem neuen aber werden es nur mehr 18% sein. 12. Der letzte Akt (vorläufig der letzte) ist die Befreiung des Scheichs Abu-Kischck. Die Umstände dieser bubenhaften Ausschreitung, ich finde kein anderes Wort dafür, sind derart, daß nichts anderes übrig bleibt, als das offizielle Palästina hinter die Grenzen der Kultur und Zivilisation zu stellen. Einer halbwilden Bevölkerung wird eingeflößt, daß ein gerichtliches Straferkenntnis keine Vollstreckung der Pflege der Gerechtigkeit, sondern eher eine Geiselnahme ist. Wenn sich gewisse Zwei versöhnen, so wird Abu-Kischck freigelassen, wird aber dies nicht der Fall sein, so muß Abu-Kischek weiter im Gefängnis schmachten. Und bei diesem schändlichen Handel wird gar nicht berücksichtigt, ob Abu-Kischck schuldig ist oder nicht. Noch ärger ist eine andere Belehrung, die der syllogistischc arabische Verstand sich merken wird. „Bist du ein Scheich, hast du eine Bande gesammelt, eine jüdische Kolonie überfallen und bist du dafür ins Gefängnis eingesperrt worden, so gibt es nichts Einfacheres, als sich daraus zu befreien! Zu diesem Zweck muß nur eine Vereinbarung vorgeschlagen werden, daß diese Kolonie von unserem Dorfe nicht mehr geplündert werde." Sir Samuel treibt (auch im allgemeinen, abgesehen vom Zionismus) ein gefährliches Spiel mit einem Volke, welches auf der Grenze des Kindesallers und der Reife, also zwischen Primitivität und Kultur, steht. Solche Wege führen zum Verderben des Gewissens der Massen. * * * Die amerikanische Resolution behauptet zugunsten dos Sir Samuel, daß unsere praktischen Unternehmungen immer seine Unterstützung fanden. Das beruht allerdings nicht auf Wahrheit. Eine der wichtigsten Konzessionen, die die Juden erhielten, wurde ein Jahr lang von Sir Samuel mit der Begründung zurückgehalten, daß er mit ihr nur dann sich einverstanden erkläre, wenn auch die „arabische öffentliche Meinung" darauf eingehe. Man war gezwungen, in London zu