Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die drei Jahre des Sir Herbert Samuel
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH ILLV5TRATED MoNTHLY FOR THE JeWLTH HOME Illu^tr.Monat^chriftFür Die Jüdische Familie Wladimir Jabotinsky/ Die drei Jahre des Sir Herbert Samuel Mit einem außerordentlich schweren Gefühle werden diese Zeilen geschrieben. Es handelt sich um einen Mann, der die konkretesten Absichten hat. Und doch müssen die drei Jahre des Sir Samuel zu den traurigsten Kapiteln nicht nur der zionistischen, sondern auch der allgemeinen jüdischen Geschichte gerechnet werden. Sir Samuel trat in das Ami des Obersten Kommissars von Palästina genau vor drei Jahren ein bei traurigen, jedoch Erfolg verheißenden Verhältnissen. Die Militärbehörden diskreditierten sich, und die Regierung entschloß sich deshalb, den großen Besen in Bewegung zu setzen und die Militärverwaltung durch eine Zivilverwaltung prompt zu ersetzen. Diesen Besen handigte Lloyd George Sir Samuel ein. Ihm wurde die Möglichkeit und die Vollmacht gegeben, sämtliches Personal aus der früheren Verwaltung abzusetzen und neue Leute einzuberufen. Es muß noch bemerkt werden, daß Sir Samuel schon früher, che er noch zum Obersten Kommissär ernannt worden war, als Beobachter, mit sehr großen amtlichen Vollmachten versehen, einige Monate in Palästina verbracht hat, und für diejenigen, die ihm nahe gestanden sind, war es kein Geheimnis, daß er selbst ganz richtig die Tiefe des intensiven Antisemitismus der verwaltenden Beamtenschaft beurteilt hat. Unter diesen Umständen hat niemand zweileln können, daß der große Besen auch tatsächlich seine Sache machen werde, um so mehr als gerade dieser Moment besonders günstig dafür war und das Ganze hätte ruhig, ohne persönliche Verletzungen als ein automatischer Ersatz der Militärbehörden durch Zivilbehöi den vollzogen weiden können. Juden, Araber und Engländer waren fest überzeugt, daß Leute, deren Namen auf der Zunge jedes Einwohners im Lande lagen, auch wirklich ersetzt werden würden. Im zaristischen Rußland sogar wurde nach dem Pogrom in Odessa der Sladthauptmann Pendgardt abgesetzt. Durch Erfahrungen gewitzigt, haben die luden gar nicht geboflt, daß das neue 1 ei - Miual tlcs Sir Samuel aus Engeln zusammenleset/! sein würde. Man hat aber doch erwartet, daß es wenigstens Leute sein würden, die nicht eine zweijährige Schule des aktiven Antisemitismus absolviert haben, Leute, die wenigstens niemand wird erinnern können, daß mc voi einem Monat noch in Of fi/ierskantinen und K an/leien sogar in Gegenwart von Sergeanten und Soldaten den Zionismus geschmäht und die Balfour-Deklaralion verspoltet hallen. Leute schließlich, die wenigstens begreifen werden, daß in Anbetracht dieser Deklaration es für jeden ordentlichen, innerlich gegen den Zionismus gestimmten Engländer unehrlich und unpassend ist, einen Beamtcnpo-len in Palästina anzunehmen. Dergestalt können der Moment, die Möglichkeiten und Erwartungen geschildert werden; und nun folgt ein trockenes Verzeichnis der Tatsachen. 1. Sir Samuel hat das sämtliche antisemitische Personal auf den früheren Pusten behalten. Herr S t o r r s, der Gouverneur der Stadt, wo der Pogrom stattgefunden hat, ist geblieben. Herr Oberst B r a n 1 e y, Chef der Polizei, die sich am Pogrom beteiligte, blieb auch. Bei der Polizei selbst sind überhaupt keine Änderungen eingetreten. Nach der Amnestie für die nichtertappten folgte eine Amnestie für die festgenommenen und verurteilten Pogromheldcn, und dies in einer derartigen Form, daß die Öflcntlichkeit keinen Unterschied zwischen dem Pogrom und der Selbslwehr ersehen konnte. Beiden Gruppen wurde die Ireiheit durch einen und denselben Satz, in einem und demselben Schriftstücke ohne die geringste Andeutung irgendwelchen Unterschiedes geschenkt. Man hat Sir Samuel aufmerksam gemacht, daß dieser Umstand von der arabischen Bevölkerung als eine Anerkennung seitens der britischen Regierung, daß der Überfall genau so verzeihlich sei wie der Selbstschutz, aufgefaßt werden würde. Man hat ihn ersucht, irgendwelche Abgrenzung durchzuführen; man hat ihm endlich den Ausweg vorgeschlagen, die Pogrombandilcn, falls er es für unbedingt notwendig hält, freizulassen, den Organb saloren der Selbstwehr aber die Möglichkeit zu geben, bis zur ordnungsmäßigen Erledigung des Prozesses in der Festung zu verbleiben. Sir Samuel zog es vor, die Aufhetzer zu Mord und Plünderung genau so zu behandeln wie die, die Moni und Plünderung abwehrten. Die Araber sind ein kluges Volk und weiden sich das allegut nie i ken. 3. Die Amnestie wurde aber als unzureichend befunden und ein Schritt weiter gemacht. Den 1 laupthehlen des Aprilpogronis wurden sogar Prämien erteilt. Eine derselben ist der Ölfentlichkcil gut bekannt. I lerr Aref-cl-Aref, ein arabischer Schriftsteller, der eine bedeutende Rolle wahrend der Ereignisse sowie bei den Vorbereitungen det-elben gespielt hat und dei voi der Justiz in das. Ost jo, danland gcllüchlel war, wurde zum IWhUur.-wlior in einem der Bezirke von Saniaria ernannt. Eine größere Bedeutung hat aber ein anderer, /war nicht so bekannter Kall gehabt. Im Kriegsgericht, welches die Selbslwehrlcule zu Zuchthausstrafen verurteilte, spielte die größte Rolle ein gewisser Kapitän Kevmak. Um sich eine Meinung über seine Prozeßführung zu bilden, genügt es, daran zu erinnern, daß das Oberste Kriegsgericht in London, acht Monate später, zu einer Zeit, ab alle Häftlinge schon amnestiert waren (weshalb auch gar keine sentimentalen Gründe zur Überprüfung des \ erfahrens vorhanden waren), sämtliche Urteile kassierte. Hervorgehoben muß noch werden, daß der Indemnity Act, ein Gesetz, das überhaupt alle Um cyelinäßigkcitcn und Ungeiechtigkeiten in okkupierten Gebieten deckt, angewendet wurde. Wie außerordentlich ungerecht müssen diese gegen die Selbstwehrleute gerichteten Urteile gewesen sein'"')- Der Herr Kermak ist aber nicht nur weiter im Dienste der Justiz, verblieben, sondern wurde sogar befördert. Zur Zeit des zweiten Pogroms (in Jalla) war er schon Generalstaatsanwalt von ganz Palästina, und in dieser Eigenschaft leitete er auch die Untersuchung dieser Ereignisse. 4. Die Ereignisse in Jaffa benötigen keine Erläuterung. Sie haben sich in folgender Reihenfolge abgewickelt. Ein zweitägiges ununterbrochenes Gemetzel in einem Städtchen, wo es keine hohen Häuser, keine steilen und krummen Gassen gibt. In einer Entfernung von 40 Minuten liegt Ludd, wo das Militär einquartiert ist. Im amtlichen Telegramm, das Sir Sa muel nach London gesendet hat, wird von 20 bis 30 ermordeten Juden berichtet und dann stolz hinzugefügt: „das Militär war nicht gezwungen, von der Waffe Gebrauch zu machen". In demselben Telegramm wird die Verantwortlichkeit für den Pogrom geschickt auf die jüdischen Kommunisten überwälzt. Sehr bald darauf wird den Arabern ein riesiger Umzug in der Gegend von Rechobot erlaubt. Zum Schutze von Rechobot wird nur mit Stöcken bewaffnetes Militär entsendet. F,in Dampfer mit jüdischen Immigranten, der nach Jalla gekommen ist, wird nach Triesl zurückgeschickt und so die Menschen Hunger und Not preisgegeben. In dem Bericht, den die jüdische Bevölkerung von Jaffa und 'I el- Aviv dem Goinerncur vorgelegt hat. wurde ausgeführt: „In der Stadl herrscht eine Stimmung, die Verbrechen hervorruft, sanktioniert und bc- -Uinstigl. Dem Pöbel ist de, Glauben eingeflößt worden, daß die Regieium; kerne ernste Absid.i hat, die Juden zu sclnit/en. Mörder und Plünderer prahlen ulien mit ihien Taten." Es m.hI aber doch von der Regel de, Sl.al- Icinknl zwei Ausnahmen gemachl wmden. *) Wladimir Jabotinsky. der im K.ie,, dir jüdischen Legionen otr. ansiei te und si h um die Sache Großbritannien.-, gioße Verdiem ie erw arb, wurde von diesem Geliebte zu / w a n z i g Jahren Zuchthaus veruiteiit. Er beschützte nämlich im ..National 1 lome" Juden vo>' Mord und Plünderung. Anmerkung der Redaktion.