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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Mendl Ruhig
Date
1923-01-01
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 MENORAH Ortes fand ct keinen, dessen Seele ohne Makel war. Hatte ihn Gott nur deshalb dulden lassen, um ihn einst vor allen anderen auszuzeichnen? Solcherlei ging ihm durch den Kopf, seine Gedanken verwirrten sich, er fand sich nicht mehr zurecht. Er merkte gar nicht, daß die Sonne über ihm stand. Er warf sich aufs Moos und schlief lange. Flock bellte ihn wach. Bestürzt erhob er sich, die Lichtfleckcn waren verschwunden, dumpfe, feuchte Dämmerung nistete zwischen den Stämmen. Über dem Himmel ratterte schwarzes Gewölk. Sturm zauste die Wipfel, bog die Bäume auseinandc, daß sie stöhnten und kreischten. Mendl begann zu laufen. Einigemal überschlug er sich, Donnerschläge rüttelten ihn wieder auf. Bevor er noch die Felder erreicht hatte, fiel der Regen spitz und wuchtig nieder, der Sturm riß die Bäume in Fetzen, der ganze Wald wurde pechschwarz, nur zeitweise von Blitzen erhellt. Mendls Atem ging schwer, er keuchte, die Hände an die Brust gepreßt. Lief nicht etwas hinter ihm her? Ein steinerner Ziegenbock mit rollenden glühenden Augen? Stolpernde Schritte vernahm er hinter sich. Er wagte nicht, sich umzuwenden. Aus dem grauen Haar tropfte das Wasser über den Nacken, die Augen brannten wie irrsinnig in den Höhlen. Flock wich nicht von seiner Seite. Als Mendl in den Dvorky erschien, war das Unwetter vorüber. Kinder lärmten und spielten, Hunde wühlten in dem Unrat, der vor den Schenktüren lag. Übelriechendes Wasser schwemmte Sand und Knochen in die Gassen. Zickl stand mit seinem Kehrbesen vor dem Tempeleingang. „Seh dir an, Mendl, seh dir an," rief er, „geht sich am Kozel und macht sich Feiertag und was tu' ich, was? Ich arbeit f Was mir zukommt. .." Die Kinderschar brüllte: „Mendl mit dem krummen Rücken, Beine wie ein junges Kücken . . Und auch Zickl versuchte zu fisteln: „Mendl mit dem Schabbesrock, Haare wie ein Ziegenbock ..." Flock heulte in den Chor hinein, Mendl schritt langsam auf das Frauenbad zu. Sein Blick verriet weder Gutes noch Böses. Bis zum Spätsommer lag Mendl krank im Bassin, fiebernd, von Schüttelfrost heimgesucht. In den Nächten peinigten ihn Schreckbilder, Spukgestalten wälzten sich an seiner Seite. Die Angst, jemand könnte vor ihm die große Stadt sehen, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Stundenlang lag er wie bewußtlos da, dann erhob er sich plötzlich und schrie, schlug mit den Händen um sich, fiel ermattet aufs Stroh zurück. Sein Gesicht war abgezehrt, voller weißer Bartstoppeln, den Kopf umwallte langes, gebleichtes Haar. Flock saß traurig bei ihm, und wenn er abends vom Gesellen abgeholt wurde, dann ließ er ein langgezogenes Stöhnen vernehmen, daß Mendl Tränen in die Augen kamen. Mendl murrte nicht. Noch war ihm der Gedanke an die große Stadt in Erinnerung, und sie war ihm in die nächtlichen Schmerzen gefolgt, unentrinnbar, aufrüttelnd und zerknirschend zugleich. Was war seit jener Gewitterstunde im Walde geschehen? War sein Verlangen, den Kozel zu besteigen, geringer geworden? Durfte er es beschwichtigen? Durfte er sich bescheiden"? War Emanuel Schindclmachcr es si:h nicht selber schuldig, einmal im Leben eine Tal zu tun? Unaufhörlich legte er sich diese Fragen vor. Noch war seine Lunge schwach, der Rücken schmerzte in den Schulterblättern. Vor seinen Augen tanzten die Gegenstände, wie in Nebel eingefaßt. Aber je mehr es in den Herbst ging, desto schneller kehrten seine Kräfte zurück. Allnächtlich erhob er sich vom Lager und tat ein paar Schritte, um sich von der Tüchtigkeit seiner Beine zu überzeugen. Er lächelte freudig erregt, als er seine Kraft wieder fühlte; er war fast versucht, die Spottverse der Gassenjungen vor sich hinzusummen. Am Morgen erblickte er sein Gesicht im Fenster. Er sah sehr verfallen aus. Während der Krankheit war ihm ein struppiger, wilder Bart gewachsen. Er öffnete ein Fenster, blickte zum Tempel, wo sich einige Bürger versammelt hatten. Lange blieb er, mit weitgeöffneten Augen sinnend, stehen. Dann Louis Lipski famous representative of the Zionist Organisation of U. S. A. hervorragender Vertreter der zionistischen Organisation Nordamerikas wandte er sich um und betrachtete die Winkel des Bassins, die Staubschicht, fadenscheinige Decken, abgenagte Knochen, Papierfetzcn und den sorgfältig gereinigten Schlußrock, der an der Türklinke hing. Wieder lächelte er, nicht mehr mit freudigem Blick, sondern ausdruckslos blöde, als sei ihm dies alles fremd. Und gegen Mittag legte er sein bestes Kleid an und betrat die Gasse. Sie war menschenleer, man rüstete zum Versöhnungstag. Zuerst ging er zaghaft, die Hände am Rücken, den Kopf zur Seite geneigt, seinen gewöhnlichen Gang. Erst als er die Dvorky verlrsscnd ins freie Feld kam, begann er auszuschreiten. Der Wald umfing ihn, dichte Nebelwipfel auf mächtigen glatten Stämmen, heitere Lichtungen mit jungem Moos gepolstert, und in das Schweigen brach das Knistern der Fichtenäste, worauf die Eidkätzchen spielten. Er lief. Er raste. Wer es Angst, die ihm die Kehle zuschnürte? Der Weg schien ihm endlos, Schluchten auf Schluchten, Höhen auf Höhen. Irgendwo quarrte eine Schnepfe. Er machte halt. Laubbäume standen jetzt ringsum, auf der Erde raschelten verschrumpfte Blätter, Weiber mit Reisigbündeln unter dem Arm wackelten daher. Mendl verbarg sich. Er blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Die Stille des Waldes machte sein Blut stocken. Das Herz zerrte, polterte. Er kroch die letzte Anhöhe hinauf. Er stellte sich auf die Beine, aber aufzublicken wagte er nicht. Er atmete heftig, sein Mund war weit aufgerissen. „Da also —" flüsterte er, mit dem Finger weisend und tat einige hastige Schritte. Ein Fclsblock verwehrte ihm den Weg. Es war der Kozel. Mit seinen wuchtigen, bleigrauen Massen trotzte er in den Himmel, dessen matte Farben nicht mehr die Macht hatten, sich wicdcrzuspiegcln. Wind schlug in das rissige Gestein. Mendl blieb davor stehen. Ehrfürchtig berührte er es, seine Hand wurde kalt und zitterte. Mit einem Male besann er sich, murmelte etwas und suchte eine günstige Stelle für den Aufstieg zu erspähen. In einem verborgenen Spalt halte ein Baumstamm Wurzel gefaßt. An ihm schwang sich Mendl empor. Er fühlte festen Boden unter den Füßen. Jetzt stand er oben, hochaufgerichtet, mit bebenden Knien, vor sich die dunklen Wälder und Rasen, worin die Ortschaften wie bunte Steinchen eingesetzt waren, blaßrotes Licht flimmerte ringsum. Duft von feuchtem Klee entströmte den Wiesen, in der Ferne zerrannen dunstige Nebelschleier, ballten sich zusammen. Sie sahen plötzlich unwirklich aus. Und einige Hügel streckten ihre Silhouetten in das fahle, silberne Dämmern, violettumrändert, grell, als hätten Kinderhände die Linien nachgezeichnet. Da schob sich die Sonne flammend hinter das Gewölk. Die langen Streifen am Horizont begannen zu glühen, entzündeten die Baumwipfel in der Ferne. Der Dunst quirlte wie flüssiges Gold und ballte sich zu Formen: dunkelblaue Paläste waren da mit gelben Fenstern und wallenden Vorhängen, purpurne Kuppeln mit durthsichtigen Türmen, worauf seidene Fahnen schaukelten, und überallhin fügten sich Zinnen aus Glas, Erker aus Glas, Säulen und Pfeiler aus Glas. Gingen nicht Mendls Jugendträume in Erfüllung? Die Wünsche, Glaspaläste zu bauen in einer Mannigfaltigkeit, die jedes menschliche Werk überstrahlten? Er sank, von Farben und Formen überwältigt, in die Knie. In den Falten seines Gesichts brannte der Schein der untergehenden Sonne. Der weiße Bart wellte sich. Seine Augen sahen nichts mehr. Weit streckte er die Arme aus. „So lag Moses vor dem brennenden Dornbusch", kam es über ihn. Ihm war es vergönnt, die Wunder der großen Stadt zu schauen, ihm allein. Mendl, der Auserwählte! Wer konnte sich mit ihm vergleichen? Taub waren die anderen, mit Blindheit geschlagen, ihn hatte Gott emporgehoben und die Augen geöffnet für die Herrlichkeiten des Himmels. Ein brennender Schrei entrang sich seinem Munde. Er warf sich nieder und bedeckte schluchzend sein Gesicht. Gebete, die er als Kind gelernt, kamen ihm in den Sinn, und er sprach sie jetzt inbrünstig leise, in hingebungsvoller Demut. Indes war die Sonne untergegangen. Die Farben verblaßten, grau und leicht wölbte sich der Himmel über ihn. Er zitterte in der kühlen Luft. Als er die Augen aufschlug, sah er den gelben Vollmond in der durchsichtigen Dämmerung aufsteigen. Von den Kleefeldern drüben näherte sich ein schweres, gleichmäßiges Rauschen.

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