Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Mendl Ruhig
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 MENORAH Mendl erhob sich. Er war des Glanzes voll. Jetzt wollte er zu den Menschen hinabsteigen und verkünden, was er geschaut. Ihm war die Gunst zuteil geworden, die große Stadt zu sehen. „Emanuel Schindclmachcr", so würde er unter seine Widersacher treten, „hat Gott gesehen von Angesicht zu Angesicht, wie einst Moses, der heilige Prophet. Er hat die große Stadt gesehen in ihrer Pracht und Herrlichkeit, und darum ist alles heilig, was an ihm ist. Davon wird sein Herz glühen bis in die Ewigkeit, und wenn ihr seinen Worten nicht glaubt, dann blicket in seine Augen, worin der Glanz des Himmels ruht. Emanuel Schindelmacher verzeiht Euch, Ihr Krämer und kleinmütigen Spötter, er verzeiht Euch allen. Denn er ist ein AuserwF^lter im Lande, wie Israel auserwählt ist von > Völkern der Erde. Küsset die Sohlen ^.-ies Verkünders, er verzeiht Euch, er verzeiht Euch, Amen . . ." So würde er sprechen. Die Dunkelheit brach herein, der Mond war plötzlich umwölkt. Mendl versuchte, hinabzuklettern. Fels, wohin er tastete, spitzes Gestein, taubes Schwarz. Er schrie verzweifelt in den Wald. Er schrie nach Mens.hcn um Hilfe. Ein Uhu antwortete seinem Ruf. Wieder ging ein tiefes, dumpfes Rauschen, dann brach er zusammen. Mendl ist nicht heimgekehrt. Haben die Wunder der großen Stadt ihn überwältigt? Ist er, des Abstieges unkundig, auf dem Kozel verhungert? Oder durfte der so sehr Beglückte Hand an sich selbst legen? Wer von uns wäre so vermessen, dies mit voller Verantwortlichkeit zu entscheiden! Im Städtchen gehen allerlei Gerüchte um. Die Rasierstube ist voll Ahnungen von Mendls unglückseligem Ende. Der Gehilfe weil.) keine Spässc mehr. Er sit/.t, Flock auf dem Schoß, stumm brütend. Der Spott um seinen Mund hat sich in Resignation gewandelt. In der Gemeinde hingegen gibt es lautes, überhitztes Fragen, Achselzucken, Raten und Streiten. Fiedler streicht bieder über seinen Bart. „Hoffentlich wird nicht fehlen der Zehnte." Worauf der Fleischhauer erwidert: „Jetzt bleib ich bei meine Knochen, unberufen." Bcrl, der Komödiant, grinst: „Weg is weg. So sind wir ihn wenigstens los geworden auf leichte Art, er soll mir leben. . . Der Vorsteher, seinen Bauch würdevoll tätschelnd, steht dabei: „Was gibt es da zu reden viel? Ich hab* immer gesagt: koscher essen, das is die Hauptsach'." Er läßt Zickl rufen und überträgt ihm in Gegenwart des Ausschusses Mendls Amt. Und dann meldet sich der Herbst, mit Stürmen, mit Blätterfall, mit langen Dämmerungen. Auf den Dvorky spielen die Kinder „Viernuß" und „Schnurziehen", und wenn es einem Übermütigen einfällt, klopft er an das Fenster des F rauenbades und singt: „Mendl mit dem krummen Rücken, Beine wie ein junges Kücken, Mendl mit dem Schabbesrock, Haare wie ein Ziegenbock . . ." Da erscheint ni:ht mehr Mendls verstörtes Gesicht hinter "dem Vorhang. Zickl, Mendls Nachfolger, tritt zur Tür heraus. Er zwinkert mit den geröteten Augenlidern. „Mendl ist mir im Traum erschienen, und Mendl hat mir zugenickt dankbar." So erzählt er. Zickl ist ein Pfiffikus. Er hat die besten Kosttage, er schäkert mit den Mägden in den Küchen, er verwaltet die Gelder für die Ortsarmen. Seine Stellung in der Gemeinde ist durchaus gesichert. Aber auf den schönen neuen Schlußrock wartet er vergebens. Den hat Mendl mitgenommen, als er ausging, die große Stadt zu schauen. ENDE Iiran Old Jewish Town / Aus einer alten Judenstadt (Fortsetzung und Schluß) Kennzeichnend für die hochentwickelte Ethik der damaligen Generation ist die geradezu peinlich genaue Wahrheitsliebe der Inschriften. Niemals wird ein übertriebenes Lob den Toten gespendet, nie werden ihnen Eigenschaften freigebig zuerkannt, die sie im Leben nicht besessen haben. Wenn die Inschrift des Mose ben Salman zu rühmen weiß, „ein braver Mann, der ehrlich im Handel und Wandel war", wenn dem Aharon Ben Abraham Zoref nachgesagt wird, „er nährte sich von der Mühe seiner Hände", wenn die Grabinschrift des Salman ben Zebi Hirsch Austerlitz zu rühmen weiß, „eine Schilderung seines guten Wesens kann auf dem Steine nicht unternommen werden, Schweigen ist sein Lob", so kann man mit Sicherheit annehmen, daß die Toten, die unter diesen Steinen ruhen, das Lob, das in die Steine gemeißelt ist, wohl verdient haben. Nie wird es vorkommen, daß ein braver Plandclsmann oder ungelehrter Flausbesitzer den Titel eines Gelehrten führen würde. Mit peinlicher Geauigkeit werden in dem Kreise von Menschen, denen ihre ständisch organisierte Umgebung das Bürgerrecht versagte, Rangunterschiede festgehalten und in genauer Abstufung nach Wissen, sozialer Stellung und Einfluß die Menschen gewertet. Wohl das höchste Lob, das ein Mann finden konnte, sind die Worte „der weitbekannte Stadlan" (Fürsprecher), wie Wolf Schlesinger (gest. 1 730) bezeichnet wird, woraus man mit Sicherheit schließen kann, daß er oft zugunsten verfolgter Stammesbrüder sich eingesetzt hat, ein Fall, der nur zu oft eintrat. Wenn man nur einen flüchtigen Einblick in die Schwierigkeiten der Wachsteinschen Forschungsmethoden haben will, dann möge man die Seiten 27 bis 36 dieses Buches durchlesen, in denen Wachstein von einer schlichten Abbreviatur M. D., die bald Mattersdorf, bald Mühlendorf heißen kann, ausgehend, in einer tiefgründigen Untersuchung sämtliche Personen, hinter deren Namen diese zwei Buchstaben erscheinen, nach allen Gesichtspunkten historischer und biographischer Forschung bearbeitet und endlich zu vollkommener Klarheit über das schwierige Thema gelangt. Welche Mühe oft die Identifizierung der Namen dem gelehrten horscher verursacht hat, mag aus der Tatsache erhellen, daß beispielsweise der bekannte Finanzmann, der in nicht)üdischen Quellen als Israel Schlesinger bezeichnet ist, auf seinem Grabstein den Namen führt: Ascher Anschel ben Mordechai Jafe-Margulies. Wechselvoll waren, wie man auch aus dem in diesem Buche mitgeteilten Material ersehen kann, die Geschicke der Eisenstädtcr Judenschaft. Schon im 14. Jahrhundert werden sie urkundlich erwähnt, und Ende des 13. Jahrhunderts Avar Eisnstadt nebst anderen sechs Orten, den sogenannten Schebath Kehilloth (sieben Gemeinden). berufen, einen großen Teil der 1496 aus Steiermark vertriebenen Juden aufzunehmen. Da Eisenstadt damals 150 Jahre lang zu Niederösterreich gehörte, so teilten seine Bewohner das Schicksal der Wiener Gemeinde und der niederösterreichischen Landjuden. Auch sie mußten im Jahre 1670 auf Geheiß des Fürsten ihre Wohnstätte verlassen und in die Verbannung gehen. Während aber die Wiener Gemeinde durch Jahrzehnte dauernd verbannt blieb, konnten die Eisenstädter Juden bald wieder ihr Gemeindeleben in leidlicher Sicherheit auflichten. Samson Wertheimer, einer der wenigen Männer, die durch ein kaiserliches Privilegium ( 1 708) begünstigt, in Wien verweilen durften, war es, der die aufstrebende Gemeinde in seinen wirksamen Schutz, nahm und durch die bekannte Entscheidung, daß auch die auswärts wohnenden Mitglieder der Gemeinde zu den Gemeindelasten beitragen sollten, ihr den finanziellen Rückhalt schuf und auf dieser Grundlage die Gemeindeinstitutionen ins Leben rief und ihren Fortbestand sicherstellte. Die Unruhen der Kuruzzenkriege brachten der Gemeinde viele Bedrängnis. Und wenn in den Gemeindeprotokollen und sonstigen Gedenkbücheru der Gemeinde in späteren Zeiten wenig Hinweise auf weltgeschichtliche Ereignisse zu finden sind, so mag dies beweisen, daß Eisenstadt nicht mehr die feindumdrohte Grenzstadt gegen die Türken war, sondern eine