Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Mendl Ruhig
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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21 MENORAH zur Schule gingen, ans Fenster klopften, spTang Flock lautlos auf, und seine verschlafenen Augen erschienen hinter den Scheiben. Die Pfoten hob er drohend gegen die Störer. Da leuchtete ein wehmütig nasser Schimmer in Mcndls Blick auf, seine braunen, knöcherigen Finger streckten sich dem Hund entgegen, und wenn er sich wieder an ihn schmiegte, dann lief ein Zittern durch seinen fröstelnden Körper, sein einsames Gemüt erheiterte sich und das Verlangen nach der Sonne wurde wach in ihm und scheuchte ihn von seinem Lager auf. Und vom Mittagstisch stürzte er wieder in die Rasierstube, voll launiger Einfälle und Schnurren, und bald war er von des Gesellen lustigen Stücklein eingefangen. Flock hüpfte um ihn, und die Schnaps Hasche ging von einer Hand in die andere. Es kamen die Tage, an denen er die Dämmerung nur noch vom Frauenbad genießen konnte. Zeitig legte die Nacht ihre schwarzen Laken vor die Fensler und wenn auch über den herrschaftlichen Feldern der Mond aufstieg und die Sterne sich allenthalben der Dunkelheit entwirrten — der Frost knisterte vor den Türen und trieb die Menschen in ihre dumpfen Kammern. Indessen hatte Zickl, das kleine, schlaue Männchen, es verstanden, sich der Gemeinde unentbehrlich zu machen. Der Vorsteher war entzückt von ihm, und als er erfuhr, daß Zickl jeden Morgen den Tempeleingang vom Schnee reinige, nahm er sich vor, ihn bei der nächsten Gelegenheit auszuzeichnen. Die stellte sich nun bald ein. Mendl hatte nämlich vor der Passahwoche einen abgelegten Schlußrock bekommen und sogleich angelegt. Der Vorsteher schalt ihn wegen seines Leichtsinns, und als er darauf Fettflecke bemerkte, schrie er ihn zornig an: ,,Du bist ein Schmutzfink, Mendl, ein Liederjahn, ein gottverlassener! Woher sind die Flecken auf dem neuen Rock? Hundert Jahr kannst du alt werden, bevor du wieder bekommst von mir etwas zum Geschenk, so wahr ich leb' ..." Mendl hielt eine Hand fest unter dem Rock vcrkrallt. Unruhig schlenkerte er hin und her. „Zeig\ was du hast darunter", legte der Vorsteher wieder los. „Zeig* her, Tagedieb!" Und er zerrte ihn am Ro-k. Verzweifelt preßte Mendl seine Hand an die Brust. Zickl bückte sich, um unter die Rockenden zu gucken und piepste: „Trefenes Gefraß! Was kann er haben, was?" Der Vorsteher riß den Mund auf: „Den Rock mach' ich dir herunter vom Leib, und wer bekommt ihn? Der Herr Zickl! Do nimm dir ein Beispiel, da, da, da . . ." Darauf wandte sich Mendl und lief nach Hause. Sogleich öffnete er die Papierhülle und breitete die Schätze aus: blutige Knochen, die ein Dienstmädchen ihm geschenkt hatte. Seine Augen lachten freudig, da er Flocks gedachte. Er legte sich ins Bassin und wartete. Es wurde stiller und dunkel, er hüllte sich enger in die Decke, auf die Füße schichtete er Stroh, und die Knochen hatte er wieder unter dem Rock verborgen. Von der Gasse hörte er plötzlich das laute Reden einiger Gemeindemitglieder, welche vor dem Tempcleingang standen und mitten heraus Zickls meckernde Stimme, nach einer Weile wurde ans Fenster gepocht, er drückte den Kopf ins Stroh, dann schlief er vor Mattigkeit ein. Einige Wochen später kommt ein lauer Wind von den Feldern herüber, und die Dächer werden schwarz mit einem Male, und in den Rinnen gluckst das Wasser und brodelt, und die Wälder sehen wie gewaschen aus, so blank sind sie von Regen und Sonne und Frühlingssturm. Mendl schreitet mit blankem Haupt durch das Städtchen. Sein Mund ist offen. In der Hand trägt er den grünen krempenloscn Hut. Seine erloschenen Augen erhellen sich, wenn er zum tiefblauen Himmel aufblickt. Lichtgrün sind die Wälder, die Äcker dampfen jeden Morgen, und es werden nicht viel Tage vergehen, bis die Knechte mit ihren hohen Wagen auf die herrschaftlichen Felder fahren, mit den langen Pfeifen im Mund, und knallen, daß die Kinder aus den stickigen Hütten der Dvorky zusammenlaufen. Mendl lächelte still. Seine rasierten Wangen sind braun und glatt, glänzen wie Seide im Sonnenlicht, aber das Haar wächst schon über den Rockkragen, gebleicht, wirr und zahllose weiße Fäden haben sich eingenistet, dort bei den eingefallenen Schläfen. Sinnend steht er vor dem Frauenbad, und er hält die Hände nicht mehr am Rücken gefaltet. Vorn auf die Brust drückt er sie, wo die Frühlingssonne, Wolken und Wind vor sich her treibend, süß und mild brennt. Und wie die Wolken über den grenzenlosen Himmel, so segeln die Erinnerungen an die Waldmärsche durch sein Gehirn, er mag wohl auch des Felsblocks oben hart bei der verwilderten Allee gedacht haben, denn er lächelt wehmütig und löst die Hände, als wollte er den Felsblock fassen und ins Tal schleudern. Es ist ein erratisches Gestein voller Klüfte und Risse, man nennt ihn Kozel, Ziegenbock, weil seine groteske Form dem Schädel eines Ziegenbockes ähnelt, und die alten Leute im Ort erzählen, daß man von seinem Gipfel das Land weithin überschauen kann, und wer von Gottes Geist beseelt ist, sagen sie, dem ist es vergönnt, sogar „die große Stadt" zu sehen. Mendl saß jetzt weniger in der Rasierstube als früher. Er ließ sich lieber die Sonne auf den Rücken scheinen, seine Lungen füllten sich mit der lauen, starken Luft, und wenn er den Wald betrat, dann blieb er plötzlich wie angenagelt stehen, hob die Hände zum Himrrel und blickte mit starren Augen durch die Baumstämme, heftig atmend, fast bestürzt, und legte er dann die Hände über die Augen, so stand anstatt der Gegend ringsum der Kogel vor ihm, so nahe, so verlockend nahe, daß er ihn zu berühren vermeinte. Er selbst hatte ihn noch nie gesehen. Aber unter den Ortsbewohnern gab es viele, die wundersame Sagen von versteinerten Sündern zu erzählen wußten, und er vernahm auch öfter, daß Wanderer aus der Perne herbeikamen, um das Ungeheuer zu erklimmen. Und so oft ein Fremder im Städtchen auftauchte, spähte ihm Mendl nach, ob er nicht die Richtung zum Kozel nehme, angstbeklommen vergessene Flüche stammelnd und Anklagen gegen sich, weil er die Tat noch nicht gewagt hatte. Unaufhörlich nagte dieser Gedanke in ihm. Er begann ihm sogar die Stunden in der Rasierstubc zu vergällen. Der Geselle fand ihn verändert, stiller und einsilbiger, und da er mit Mendls kindlichem Gemüt rechnete, schalt er sein kopfhängerisches Wesen mitten auf dem Markt in derart drastischer Weise, daß die Gassenjungen wieder auf ihn aufmerksam wurden. Überdies machte sich Zickl Mendls Zerstreutheit zunutze, indem er dessen Pflichten übernahm und ihn durch seine Diensteifrigkeit beim Vorsteher gänzlich in den Schatten stellte. Ja, er schnappte ihm sogar durch einen pfiffigen Einfall einen Kost tag weg. Immer düsterer wurde es in Mendls Heizen, er lief sich die Füße wund, um narhts schlafen zu können, und wenn er aus bedrückenden Träumen erwachte, dann fingen Füße und Hände zu zittern an, Nebelschleier verdunkelten seine Augen, und in der Gurgel saß ein Krampf, der ihm das Atmen beschwerlich machte. In solchen Stunden drang der Geselle in ihn. er bestürmte ihn mit Fragen oder versuchte, dem Verstockten mit der Schnapsflasche beizukommen. Mendl hingegen schüttelte bloß den Kopf. Flock blieb sein zuverlässiger Gefährte, und oft gestand er sich, daß er nur des Hundes wegen die Kosttagc einhielt. Schon vor Sonnenaufgang erhob er sich von seinem Lager. Eine wohlige Mattigkeit in den Knien, schritt er bedächtig längs der Feldraine zum Wald hinauf. Der Morgennebel quirlte zwischen den Wipfeln der Nadelbäume, Tau glitzerte auf den Sträuchern. Das Mcos duftete wie nach einem Regen. In den Nade'n war ein feines, eintöniges Säuseln, allmählich trat der Dunst zurück, die Lichtungen wurden heller und leuchtender, und bald stellte sich ein Flirren und Rasseln ein, ein lastendes, betäubendes Schweigen, halb Licht, halb Dunkelheit. Von der Pracht dieser Morgenstunde überwältigt, umschlang Mendl einen Baumstamm und preßte seine Wange an die Rinde. So viele wunderbare Laute vernahm er, so viel Glanz und Duft, daß er die Auger. schloß. Wollte ihn Gott nur in Versuchung führen? War er, der arme Emanucl Schindelmacher, nicht würdig, die große Stadt zu schauen? Unter den Bürgern des Leo Motzkitt Seereiarv of die Delegation of the Jewish National Councils in Paris. President ot Ute Jewish „Welthilfszcntrale" Sekretär der Delegation der jüdischen Nationalräte in Paris. Präsident der jüdischen WelthiHs/entralc