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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Mendl Ruhig
Date
1923-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 MENORAH werde, nichtsdestoweniger galt die Rasierstubc als Sündenpfuhl, den zu betreten kein Krämer, der etwas auf seinen ehrsamen Namen hielt, tagsüber gewagt hätte. Denn Mcndl selbst pflegte oft mehrere Tage hintereinander, vom Gesellen begleitet, in berauschtem Zustande auf die Gasse zu treten, torkelnd und gröhlend, und an einem Sabbatnachmitlag fiel es ihm sogar ein, vor dem Hause des Vorstehers Lärm zu schlagen, sich wie ein Wahnsinniger zu gebärden, unflätige Worte, die er irgendwo in den Schenken der Dvorky aufgefangen, in die belustigte Menge zu schreien. Er fuchtelte mit der Kappe, er warf die Hände in die Luft, und er brüllte, daß die Adern auf den Schläfen emporschwollen. „Hundsfott! Galgenvogel! Bcutelschncidcr! Feiges Schaf! Mastschwein!" V on allen Seiten strömte Volk herbei. Die Maiktweibcr liefien ihre Gcmüscsäckc im Stich, um sich an Mcndls Ausbrüchen zu ergötzen. Man stieß und fluchte, einige schwenkten die Hüte, und mittendurch schlängelte sich Bcrl, dci Komödiant. „Sperrt ihm ein, den Tagedieben! Nein, steinigt ihm, wenn er tut das Maul aufreißen gegen den Vorsteher . . ." Mcndl schrie unablässig weiter. Doch als ihn einige Gcmeindcmitglieder aufs Amt abführen wollten und mit schweren Strafen drohten, sagte er, mit dem Finger auf die Brust weisend: „Gut, das alles bin ich!" Der Geselle krümmte sich vor Lachen, und auch das Volk gab seine Freude über Mcndls lustigen Streich zum Ausdruck. Am nächsten Tage lag er schon in den ersten Morgenstunden im Wald. Es tat ihm wohl, zu fühlen, daß hier das Unbeholfene seines Wesens brach liegen durfte. Im Umgang mit den Krämern der Stadt versagte er; hier, wo er schweigen durfte, wo der Wald mit Farben und Lichtern und zierlichen Gewächsen zu ihm sprach, verebbte die Scheu vor den Menschen. Es war, als läge ein Traum in ihm verborgen und erhellte Abraham Goldberg tamous representative of the Zionist Organisation of U.S. A. hervorragender Vertreter der zionistischen Organisation Nordamerikas ein kleines Fleckchen in seiner Seele mit seinem Widerschein, und es waren nicht allein die frommen Erinnerungen, die vorüberzogen, auch Schmerz und Wehmut meldete sich, aber das Sausen des Waldes, die mannigfaltigen Stimmen, denen er lauschte, schwemmten die Gegenwart fort, und darum lag alles leicht und friedlich vor ihm, und ein glückliches Lächeln erschien auf seinen schmalen, blutleeren Lippen. Wie lächerlich fand er das beschränkte Flasten der Mcns:hen unten im Tal? Dort, wo er lag und hindämmerte, gab es keine Zweifel mehr. Er dachte über die religiösen Gebräuche seiner Gemeinde nicht mehr nach. I h r Gott hatte ihn einst verlassen, ihrem Gott tat er allwöchentlich mit der Geste der Überlegenheit Gefälligkeiten, weil sie vom Vorsteher genehmigt waren. Jetzt aber entdeckte er einen anderen, milderen, zu dem er wie zu einem Bruder reden konnte, der ihn niemals in Versuchung führte und darum Blut von seinem Blute war, Geist von seinem Geiste. Mit diesem hieß es nun wandern. Und es war gar nicht einmal schwer, ihn zu verstehen. Wenn er aber diesem göttlichen Gefährten eine Zeitlang gedient hatte, konnte es geschehen, daß er sich nach einer stärkeren, gewaltigeren Macht sehnte, ja es ward ihm ein Bedürfnis, niedergedrückt, zermalmt zu werden. So kehrte er denn die spitzen Pfeile der Demütigung, der Vorwürfe und Schmähungen gegen sich selbst. Je empfindlicher sie trafen, desto größer war die Befriedigung über die erlittene Schmach, und darum konnte er sich an derlei Strafen kaum genug tun. Er war sich dessen nicht bewußt, daß er sich von seinen Jugendträumen täglich mehr entfernte; auch war ihm der Gedanke fremd, sich für einen vom Schicksal persönlich gekränkten Menschen zu halten. Er trug die Last seines Daseins wie etwas Selbstverständliches, mit dumpfen Sinnen, ohne inneren Aufschrei, ohne die ohnmächtige Empörung des Erniedrigten. Seine Augen waren erloschen, von dem früheren Glanz war kaum noch ein Aufleuchten vorhanden. Das Gesicht sah wie gegerbt aus. Die gebleichten Haarsträhne traten von der Stirne, in dcien Falten der Jammer seines Alters lag, tief in den Nacken zurück. Die Beine holten nicht mehr kräftig aus; langsam trugen sie ihn durch die Dvorky, so daß die Gassenjungen Zeit hätten, mit seinen Reckenden Allotria zu treiben. Und wenn sie Grimassen machten und Spoüverse hinter ihm hersagten, dann schritt er bedächtig, mit gesenktem Kopf, wie unberührt vom Unrat der Gasse zum Tempel hin, um im hrauenbad zu verschwinden. Sein Leben war allmählich noch stiller geworden; nachdem man sich an seine Schrullen gewöhnt hatte, blieb er verschont. Der Sommer kam ins Land, und Mcnd! fand er am Rand der Roggenfelder, wie er m die gelben Ähren starrte, mit sinnenden Augen in dem fahlen, bartlosen Geeicht. Die heißen Tage gingen durch das Städtchen, einer wie der andere, und alles war, wie es zuvor gewesen. In den Küchen wartete man nicht mehr auf Mendl, wenn er sich verspätete. Beim Gottesdienst wunderte sich der Vorsteher nicht mehr über sein häufiges Fernbleiben. Alles ging seinen Geschäften nach, vom Morgen bis zum Abend, den althergebrachten Regeln folgen: man aß, arbeitete, belustigte sich, ging zur Ruhe, wie es die Voreltern gehalten. Niemand fiel es ein, sein Leben über die üblichen Grenzen zu erweitern. Der Tag halte sein Rocht und die Nacht das ihrige, und jeder tat, was seine Pflicht ihn tun hieß. Als es aber gegen den Winter ging, da «:ig*.c sich ein ncu?s Gesicht im Städtchen. Es gehörte einem blutjungen, halbverhungerten Dörfischer aus Galizicn, der den Erlös seines Warcnbündcls allmählich verausgabt halte und sich nun anschickte, eine dauernde Versorgung zu suchen. Sein anstelliges Wesen gefiel dem Vorsteher: da/u kam noch, daß er geschickt zu schmeicheln verstand, indem er auf das Ansehen der Gemeinde hinwies, von der man ihm auf seinen Gcschäftsi eisen erzählt habe. Der Vorsteher sann lang«; nach, wie er sich dieses jungen Menschen vergewissern könne. In Mendts Anwesenheit entwarf er ihm ein Bild von dem inneren Getriebe der Gemeinde, und er ließ auch durchschimmern, daß es an der Zeit wäre, gewisse Lücken zweckmäßig auszufüllen. Zickl, so hieß der Dorfgeher, machte sogleich Anstalten, sich dem Vorsteher gefügig zu zeigen. Er schwatzte in seinem nicht ganz verständlichen Idiom allerlei Zeug zusammen, warf einige hebräische Worte hin, und nachdem er erklärt hatte, daß seine Voreltern „hier am guten Orte" bestattet seien, war der Vorsteher gefangen. Er empfahl ihn dem alten kranken Tempeldiencr. der in den Dvorky ein Fläuschen besaß, und gab gleichzeitig zu verstehen, daß Mendl und er abwechselnd dem Dienst obliegen sollten. „Mcndl Schindelmacher", so sprach er wohlwollend schmunzelnd, „der Kostgchcr der Gemeinde ist hier ansässig, und auch seine Familie hat gewohnt bei uns. Er ist zwar nachlässig im Dienst, er sitzt mehr im Wald wie im Tempel, aber er gehört doch zu uns, und wir sorgen für ihn. Weisen Sic ihn auf den rechten Weg, Herr Zickl, und wir werden Ihnen sein dankbar. Dann werden wir auch haben in der Gemeinde Eintracht und sagen können, wie es heißt in der Heiligen Schrift: Und er sähe, daß es gut war. Und wenn er auch nicht leistet den Tempeldienst ordentlich, sondern bloß aufhört zu sein ein Apikores, dann können wir sagen nach den Sprüchen der Väter: „Auch das ist zum Guten . . ." Zickl strich zwinkernd über sein rotblondes Spitzbärtchen. Er verbeugte sich vor dem Vorstand, steckte zwei Finger in die Westentasche, blickte gönnerhaft auf Mcndl, der, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Erde starrte, und verbeugte sich nochmals. Darauf setzte sich der Vorstand an seinen Schreibtisch, um anzudeuten, daß die Audienz zu Ende war. Die beiden traten langsam ab, Zickl ging zuerst durch die Tür. Mcndl befreite sich bald von der Beengtheit, unter der er in der Wohnung des Vorstehers gelitten. Seine Beine waren noch ein wenig schwer, als er auf die Gasse trat. Sobald er sich aber den Dvorky näherte, schritt er kräftig aus, er beeilte si:h, nach Hause zu kommen. Das Bassin war nur mit einer Strohschicht ausgestattet. Obwohl er fror, daß die l'ingcr starr und blau wurden, sehnte er sich nach seiner Lagerstätte, dem einzigen sicheren Winkel, den er besaß. Dann war auch Flock da, des Gehilfen zutrauliches Hündchen, dem er jetzt, wo er seine Spaziergänge einschränken mußte, mit doppelter Fürforge zugetan war. In den Nächten lag Flock bei ihm, den kleinen runden Kopf auf seiner Brust, und seine Flände hielten das warme Tier fest umschlungen. Und wenn morgens die Kinder, die

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