Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Mendl Ruhig
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 MENORAH regen. Niemand kümmerte sich um clen stillen, einsamen Menschen, der die Straßen und Läden mied; kaum, daß die Gemeinde, nachdem seine militärischen Angelegenheiten geordnet waren, ihn als ihr Mitglied betrachtete. — Und doch geschah etwas, das Mendl eine Zeitlang zu einem oftgenannten Menschen machte. Der Schuster Fiedler, ein sonst harmloser und diskreter Mann, meldete dem Vorstand, er habe Mcndi, angeheitert und mit vollen Backen kauend, aus 'üncr Schenke treten gesehen. Man stand, lebhaft gestikulierend, auf dem Markt. Mendl schlenderte, ohne zu grißen, vorbei wi war eben im Begriffe, in die Dvorkj einzubiegen. Der Vorstand rief ihn an, Fiedler winkte und schrie ebenfalls, der Fleischhauer schickte seinen Flund nach ihm — Mendl ging gelassen heimwärts. Da ließ der Vorstand, wahrscheinlich mehr um die Würde seines Amtes zu genießen, als um seine Überzeugung auszudrücken, einen mit hebräischen Z.itatcn gespickten Wortschwall los, worin es von Schmähungen wimmelte und der mit dem Entschluß endete, Mendts rcligionsstörende Ausschweifungen ein für allemal unmöglich zu machen. „Man soll ihn anbinden und geben zu fressen," meinte der Fleischhauer, die blutigen Hände am Kopfhaar wischend. Berl, der Komödiant im Ort, klopfte ihm auf die Schulter: „Aber von Ihnen darf man nicht nehmen das Fleisch." Der Vorsteher sagte breit: „Er muß koscher essen, das ist die Hauptsach'." Worauf Beil meckerte: „Wie ist das möglich? Was Mendl anrührt, wird trefc." Fiedler meinte bieder: „Wir werden ihm versorgen jüdische Kosttage." Damit waren alle einverstanden. Nachdem die Familien ausfindig gemacht waren, nahm die Wocheneinlcilung der Vorstand nach eigenem Ermessen vor. Hierauf wurde Mendl im Zimmer des Vorstehers „amtlich" verständigt. Er erhielt eine säuberlich angefertigte Liste, die Name und Tag enthielt, und schon am nächsten Morgen trat er seinen neuen Beruf als Kostgänger an. Anfangs befremdete ihn die neue Umgebung; er saß in der Küche, mit den Mädchen an demselben Tisch. Gleichmütig ließ er ihren Klatsch über sich ergehen, ja, er würdigte sie keines Blickes, wenn sie tuschelten oder, der Zweideutigkeit satt, unverschämte Erklärungen machten. Niemals hob er den Kopf vom Teller; den Flut auf den Knien stellte er Betrachtungen über die Flöfc an, da die Küchenfenster dort hinausgingen, und kaum hatte er seine Mahlzeit beendet, entfernte er sich, um keinem der Hauslcutc zu begegnen, durch das Tor. So war er eigentlich beim Dienstpersonal zu Gast. Nach und nach entspann sich daher eine trockene, durch die Gewohnheit genährte Freundschaft, ohne aber im entferntesten mit Vertraulichkeit verwandt zu sein. Mendl tat auch hier selten den Mund auf; er belächelte bloß die Liebenswürdigkeit der Mägde, die ihm die besten Bissen heimlich zusteckten, und schüttelte den Kopf, wenn sich in den einzelnen Häusern das Menü wiederholte. Das traf öfters ein. Denn da man mit Rücksicht auf den Kostgehcr ein sättigendes, aber wohlfeiles Mahl bereitete, geschah es, daß Mendl eine ganze Woche nichts anderes als Milchbrei oder Knödel vorgesetzt bekam. Obwohl er seinen Unwillen mit keinem Worte kundgab, war es immerhin an der Art zu merken, wie er zugriff; später konnte man sogar sein Danksystem ausfindig machen. Wenn ihm das Essen ganz besonders mundete, ging er mit dem deutlich gesprochenen „Küß die Fland" fort. Nach einer mittelmäßigen Mahlzeit murmelte er: „Guten Tag", wobei er noch in der Stube seinen Hut aufsetzte. Die ärmlichen Hausväter bekamen niemals ein Wort des Dankes zu hören. Mendl war zufrieden, aber es war kein stilles Aufjauchzen in ihm, nur ein dunkles, verstörtes Sinnen, ein Flinhorchen zu dem Weben auf den Feldern, und er lächelte versonnen, wenn er ringsum die Menschen betrachtete, wie sie ihrem Tagwerk nachgingen. Für ihn gab es nichts zu besorgen als einige Dienste, die der Vorsteher anordnete, und obwohl sie geringfügig waren, brachten sie ihn dennoch in den Kreis der Gemeinde. Am Vorabend des Sabbats ließ er bei Berl den Trinkbecher für den Segensspruch mit Wein füllen; hierbei suchte ihn der Komödiant in ein Gespräch zu verwickeln. Am Sabbalausgang stellte er die Geräte im Tempel zurecht. Kein Tag verging, ohne daß man ihn zum Gottesdienst rief; denn da die Gemeinde klein war und die Krämer von ihren Läden schwer abkommen konnten, war die Anzahl der zehn Personen ohne Mendl schwer zu erreichen. Man gewöhnte sich nun bald an Mendls störrisches Wesen, wenn er, in der letzten Bankreihe stehend, plötzlich in ein helles Lachen ausbrach und, von den Umstehenden zurechtgewiesen, seinen Platz eiligst verließ. Ja. er wagte es sogar, die heiligsten Gebete durch Aufschlagen der Sohlen zu stören. Wenn man sich nach dem Osten wandte, um die Sehnsucht nach Zion zu bezeugen, blickte er den Frommen grinsend ins Gesicht. Und sobald ihm darnach der Vorsicher mit der Entziehung der Kosttage drohte, schüttelte er nur gleichgültig den Kopf, als ginge ihn die Strafe nichts an. Aber lange blieb es nicht so. Er war ein unwandelbarer Bestandteil der Gemeinde geworden, die typische Figur des Nichtstuers, des Ortsarmen, den jeder unterstützt. Fremde, die zu den Gräbern ihrer Väter gekommen waren, ließen stets einen Geldbetrag für Mendl zurück. Alljährlich vor den „großen Feiertagen" erhielt er Kleider, und wenn sie auch nicht des modischen Schnittes entbehrten, sein wilder Geschmack schuf durch die Art der Zusammenstellung eine groteske Figur. Ein grüner, krempcnloscr Hut reichte nur wenig über die mit Falten gekerbte Stirn, worunter die schwarzen Augen wie aus einer Höhle drohten; den Schlußrock trug er oflen, so daß das aufgeschlagene Hemel die breite, gebräunte Brust sehen ließ, während die engen, gestreiften Beinkleider ihre 1-alten erst unten über die farblosen Sandalen warfen. Der Nacken, in clen das wirre, schon gebleichte Haar hineinwuchs, war frei, vom Kinn führte eine scharfe Linie über den Adamsapfel. Er liebte es, in clen Stunden vor und nach den Mahlzeiten in der Stube eines befreundeten Rascurs zu sitzen, besonders an kalten, stürmischen Tagen, wenn die Sonne nur trübselig durchs Gewölk schielen konnte. Es war nicht gerade die Gesellschaft des Rascurs, die ihm den Aufenthalt verlockend machte: aber hier verstand der Geselle, ein kleiner flachsblonder Kauz, auf der Ziehharmonika zu spielen, und er tat es an kühlen Abenden, wenn keine Kundschaft mehr Nehemia de Lieme manay,cr of .1 group in Opposition to tlic priscnt Executive Führer der (jo^en die jd/itfe l.eitunK gcricliK'k'ii Oppo>:tion»K nippe zu erwarten war, in so trefflicher Weise, daß Mendl, im Laurchen unermüdlich, die Erinnerung an die volksartigen Lieder in das Frauenbad mitnahm. Und noch jemand gab es da: ein weißes, lustiges Hündchen, das zugelaufen war und Mendls Fürsorge mit einer geradezu fanatischen Anhänglichkeit belohnte. Obwohl der Geselle, eine Waise wie Mendl, über ihn die sonderbarsten Gerüchte ausspi engte und besonders an Sonntagen es nicht unterlassen konnte, ihm ein spitziges Räuschchen anzutrinken, kamen die Beiden dennoch nicht auseinander; ihre Freundschaft war — nicht zuletzt durch das Verhältnis zu Flock, dem Flündchcn — fest gegründet und dauerhaft wie zwischen zwei Menschen, die mit sich selbst in Eintracht leben. Und wenn Mendl auch mit dem Gesellen keine Zwiesprache hielt, war eine heitere Zuversicht in seinen Augen immerhin zu leren, in den verstörten Augen des Überflüssigen, in dem verwitterten Gesicht, dem die Wucht der Jahre zahllose Falten eingeritzt hat. In der Gemeinde mißtraute man Mendls neuem Umgang. Man hörte allerlei von den tollen Spässcn des Rasiergescllen, seine Anekdoten von Philisterdummhcit und -frömmelet eilten von Mund zu Mund, entstellt, verzerrt, mit einem Mäntclchcn von Anstößigkeit umhängt, so daß vom Original kaum mehr das Wesen zurückblieb. All dies und besonders das Bewußtsein, Mendl in solcher Gesellschaft aufwachsen zu sehen, peinigte die Gemüter der behäbigen Bürgerschaft. Dazu kam noch, daß Leute, die dem Raseur den Zulauf der wohlhabenden Kündschaft mißgönnten, mit ängstlichen Mienen, als könnten sie die Duldung derlei Vorkommnisse \o\ ihrem Gewissen nicht verantworten, von Gelagen zu flüstern wußten, von Ausbrüchen eincr uncrlaubten Liederlichkeit. Der Vorsteher hatte sich zwar überzeugt, daß dort fast ausschließlich Spülwasser entleerter Schnapsfässer getrunken