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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Mendl Ruhig
Date
1923-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 MENORAH Schmarjahu Levvin was mein her ot Ihe Russian Duma, organized the Jews in U. S. A. during Ihe war on national basis gew. Abgeordneter der russischen Reichsduma, organisierte während des Weltkriege.-» das amerikanische Judentum auf nationaler Grundlage tolles Wandern über die Berge und tagelanges Fernbleiben, dem bei dem begrenzten Sinn seiner Eltern keine Bedeutung beigemessen wurde. Wenn ihn Zweifel an Gottes Allmacht befielen, von der so viel in der Schule erzählt wurde und die schwarz, auf weiß in der Bibel niedergelegt war, ergriff ihn ein Staunen über seine eigenen seltsamen Vorstellungen; er wagte nicht, sich selbst recht, den unwiderleglich sicheren Büchern unrecht zu geben. Ohne Geschwister, ohne Kameraden aufwachsend, verbarg er das Wanken seiner Zuversicht in sich. Da geschah es, mitten im Frühjahre, daß ein Wolkenbruch über dem Städtchen fliederging. Vom pechschwarzen Nachthimmel krachten die Güsse, und die Flut schoß über die Hügel mit einer Macht, der sich die Häuser hinter den Dvorky widerstandslos ergeben mußten. Der Glasermeister stand mit Weib und Sohn stumm, wie versteinert, in der Stube. Da kam Mendt, als wollte er Gott auf die Probe stellen, der Gedanke, den Segenspruch über den Regen zu sagen. Als er aber auf einen Stuhl sprang, um das Gebetbuch herunterzuholen, bog sich der Kasten vornüber und begrub Vater und Mutter unter sich. Mendl schrie zähneknirschend auf. Seine Fäuste drohten dem Himmel, fröstelndes Zittern rann über seinen Körper. „Warum mir dies, warum mir dies," murmelte er. „War ich nicht demütig? Habe ich mich nicht angeschickt, um deine Gnade zu beten? Du bist ein heimtückischer Gott, da du solche Opfer forderst! Was hab ich dir getan? Warum mir dies, warum mir dies! Herr im Himmel!" Seine Worte gingen in Flüchen unter und im fernen Rollen des Donners. Wie irrsinnig rannte er auf die Gasse. Diese Nacht grub tiefe Spuren in Mendts Gemüt. Es war ihm, als hätte sie den eigentlichen Teil seines Lebens abgeschlossen, und was hinterher kam, waren nur belanglose Episoden, an denen er wie ein Fremder teilnahm. Nicht nur daß sein gläubiges Herz sich zu verhärten begann — er rächte sich auch an allem, was vorhergegangen war, indem er es besudelte, verspottete. Wo waren seine Träume von gläsernen Palästen geblieben, wo seine trotzige, jugendlich blühende Zuversicht? Aus der Höhe, zu der seine Seele sich geschwungen, war er ins Leere. Formlose gesunken. In seinen Augen, die dunkel und feuchtglänzend waren wie das üppige Haar, lauerte ein Schimmer von Wahnwitz; die Lippen verzerrten sich zu einem spöttischen Lächeln; den Kopf trug er vorgebeugt, indes die Hände am Rücken verschlungen lagen. So sah man ihn oft die Dvorky entlang schreiten, und wenn er vor sich her murmelnd stehen blieb, den Blick zu Boden gerichtet, dann schüttelten manche die Köpfe und riefen einander zu: „Seht her, Mendl ist verrückt geworden." Es muß zugestanden werden, daß Mendls Betragen den Krämern des Ortes nicht gefallen konnte. Abgesehen davon, daß er ihnen weder in Haltung noch in Rede glich, stand sein Schlendern in schroffem Gegensatz zu der strengen Nützlichkeit ihres Tuns. Es gab zwar einige, die ihn um die Ungebundenheit seines Daseins beneideten, aber der unverfälschte Erwerbssinn und das ererbte Festhalten an der Familie, am Besilz ließen ein offenes Bekenntnis nichl aufkommen. Um diese Zeit starb Mendls einziger Verwandter, der väterliche Oheim Jakob Schindelmacher. Mendl stand nun allein in der Welt, und da die Gemeinde die Obsorge für ihn übernommen hatte, mußte er sich wohl oder übel ihrem Willen fügen: er trat beim Schuster Fiedler als Lehrling ein. Damit hatte sein uneingeschränktes Leben einen Abschluß gefunden. Nun kamen Jahre der bittersten Verdrossenheit. Der Schuster sah auf flinke, pünktliche Arbeit, und er ließ keinen Fehler durchgehen und mochte wohl auch mit seinem Lehrling nicht unzufrieden sein. Aber es kam vor, daß Mendl, seines gefesselten Daseins müde, widerspenstig ward, den trockenen Fragen des Meisters Erwiderung versagte, und durch sein stummes, verstocktes Wesen die Hausleute zu Tätlichkeiten hinriß. Oft verließ er wortlos die Werkstätte und erschien erst am nächsten Morgen wieder, den Kopf zur Erde geneigt, mit zerrauftem Haar und wildblickenden Augen. Dem Gemeindevorstand blieb dann nichts anders übrig, als Mendls Aufnahme beim Meister durch Versprechungen zu erbitten. Derlei Anfälle wiederholten sich, wenn der Frühling mit Regen und Wetter hereinbrach, alljährlich. Gewitter lockten ihn ins Freie; mit der Kappe in der Hand ließ er Sturm und Wasser über sich ergehen; er hob die Arme in die Höhe und schrie in den Himmel; er lief die Äcker hinauf, jauchzend und sich schüttelnd, klatschte berauscht in die Hände, daß die Kinder, wenn er in den Dvorky erschien, erstaunt mit Fingern auf ihn zeigten. Das waren Augenblicke, in denen sich sein sonst verschlossener Mund öffnete. Lag es daran, daß die Erinnerung an den Untergang seiner Eltern in seinem verstörten Gehirn erwachte und ihn zu reden zwang — jedenfalls ward sein Geist heller, Hände und Füße behender, die Lippen auf getan. Durch solche Streiche brachte es Mendl dahin, sich die Gunst der Gemeinde zu verscherzen. Der Vorstand, ein kleiner, runder, gutmütiger Kaufmann, bei dem er seit dem Tode Jakob Schindclmachers Unterkunft gefunden halte, hieß ihn die Dachstube räumen, und da der Gedanke an die Wiederherstellung des Frauenbades endgültig fallen gelassen wurde, konnte Mendl das verlassene, unbenutzte Bassin beziehen. In einer mondhellen Nacht — die Schustersleute schliefen schon — warf Mendl sein Bündel durchs Fenster in das neue Quartier. Er selbst lagerte auf dem Felde hinter den Dvorky, den klaren Sternenhimmel über sich. Dieser Einzug in das neue Heim war Mendls zweites großes Erlebnis. Nun, da er in der unmittelbaren Nachbarschaft des Schustermeisteis lebte, waren seine Gewohnheiten einer steten Beobachtung ausgesetzt und, was ihn noch härter traf: er mußte, um das friedliche Einverständnis aufrechtzuerhalten, an der häuslichen Tätigkeit der Schustersfamilie teilnehmen. Das waren schwere Jahre für den schweigsamen Lehrling, der Prügel Scheltworten vorzog und für den es nur eine gelinde Strafe war, von den gemeinsamen Mahlzeiten verwiesen zu werden. Er hungerte und fror in dem kalten, mit Stroh ausstaffierten Bassin; niemals kam ein Wort der Klage von ihm, das Gefühl des Verwaisten, Verlassenen war etwas, das er nicht kannte. Er grübelte auch nicht über sein Geschick. Teilnahmslos, mit stieren Augen, blickte er aus der düsteren Werkstätte auf den Tempel. Er hatte einen Lederschurz über die Knie gelegt, und seine Hände ruhten darauf. Je älter er wurde, desto weniger Sinn fand er in der Arbeit. Der Tag hatte nur Mußestunden für ihn, und da der Meister die Nutzlosigkeit seiner Ermahnungen und Strafen einsah, wurde Mendl seiner Lehrlingspflichtcn allmählich enthoben. Nun schien ihm das Leben leichter und selbstverständlicher, da sich seinen Neigungen kein Widerstand erhob, die Zeit war unbegrenzt zum Morgen, zum Mittag, zum Abend hin, und niemand störte ihn dort oben am Waldrande, oder wenn er die Regengüsse mit ausgestreckten Armen auf seinen entblößten Kopf klatschen ließ. An den alltäglichen Geschäften ging er mit einem undeutbaren Lächeln vorüber. Man sah ihn durch die Gäßchen gehn, ohne Plan und Gedanken, sorgenlos, den leichtbeklcideten, gebräunten Leib den Wettern preisgegeben, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Das war nicht mehr der verprügelte, unstet blickende Mendl; eher glich er einem Menschen, der die Nichtigkeit des menschlichen Treibens eingesehen hat und sie, mit sich selbst im klaren, mitleidig belächelt. Und da er niemals den Mund auftat, Fragen mit einem Nicken oder Achselzucken beantwortend, vergaß man daran, daß er Emanuel Schindelmacher hieß, und man gefiel sich darin, ihn Mendl Ruhig zu nennen, mancher nur insgeheim, um sich nicht öffentlich an einem Mitmenschen zu versündigen, mancher mit lauter, selbstgefälliger Entdeckerfreude, als hätte seine eigene Eingebung diesen Beinamen ersonnen. Mendl lebte nun völlig vereinsamt. Seitdem er an keine Pflicht gebunden war, konnten ihn die Menschen um so leichter entbehren, und da er es so liebte, außerhalb des Ortes zu schlendern, kam es, daß er allmählich „ausgeschaltet" wurde. Obwohl er bisweilen von ihm besonders sympathischen Bürgern Flickarbeiten übernahm, erinnerte man sich kaum noch an Mendl Schindelmacher, den Schusterlehrling. Er selbst trug wenig dazu bei, die Aufmerksamkeit der Ortsleute zu er-

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