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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Mendl Ruhig
Date
1923-01-01
Page
Seite 17 (sequence 1)
Language
German
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17 MENORAH MENDL RUHIG F.ine Erzählung aus dem mährischen Ghelloleben von OSKAR ROSENFELD (Wien). So oft ich darüber nachdenke, was mich veranlagt, die Geschichte von Mcncll Ruhig zu erzählen, fällt mir meine eigene Jugend ein und die verwegenen Spiele, die wir Jungen in der Hof- Hasse getrieben haben. Wir selbst nannten die Gasse Dvorky, Höfe; denn die Häuserfront ging auf den Marktplatz hinaus, wo sich die Schenken und Läden befanden, während der rückwärtige Raum durch Holzzäune in hofartige Plätze abgeteilt war. Hier stiegen zuerst die Gärten, dann die herrschaftlichen Äcker zum Wald auf, hier rollten die großen Erntewagen vorbei, und die Knechte knallten mit den Peitschen, daß wir plötzlich unser Spiel unterbrachen, um das Verlangen nach der Kunst des Pcitschenknallens gegenseitig auszusprechen. Die Dvorky waren öde, schmutzig, voller Unrat und Steinen, allenthalben lagen abgenagte Knochen, Speisereste aus den Küchen und Wirtschaften. Selten verirrte sich ein Bürger des Städtchens in diese berüchtigte Gegend. Aber Kinder gab es da, eine zahllose Schar, barfüßig, zerlumpt, und deren Freunde, die Hunde. Kinder und Hunde, das war eine Familie. Man kannte die Namen der Hunde ebenso wie die der Gespielen, und wenn einem Hund eine Beleidigung zugefügt wurde, dann bestrafte man sie nach menschlichem Maß. In den Gräben saßen wir und ergötzten un.; am „Viernuß", am „An die Wand werfen", am „Schnurziehen" und an ähnlichen Erfindungen unserer jungen Sinne; wir liefen an den Zäunen vorbei um die Wette, und was uns in den Weg trat, wurde erbarmungslos vernichtet. Wir schnitzten Holzschwerler, um Sträuchcr und wuchernde .Brennessclbiische niederzumähen, und wenn wir mit dieser mühseligen Arbeit fertig waren, häuften wir Äste und Blätter übereinander und legten Feuer an, clafi das ganze Gesindel aus den Höfen zusammenlief. Täglich gaben wir Feste der Zerstörungswut; die Dvorky waren niemals vor uns sicher; unser Lärmen übertönte sogar das laute, sinnlose Gestammel der Betrunkenen, die in einem Anfall von Schamgefühl die Schenken nicht durch die Eingangstür, sondern durch die Dvorky hinaus verließen. Aber vom Ende der Dvorky, dort wo es keine Schindeldächer und keine Zäune mehr gab, hielten wir uns am liebsten fern; ein Hauch von Ehrfurcht und Schauder wehte uns an; der Lärm verstummte: dort stand das uralte Gotteshaus mit den vergitterten Fenstern, von einer Reihe dichtbelaubter Akazienbäume flankiert, höher als die elenden Lehmhäuser, schneeweiß getüncht, mit einem prächtig geschnitzten, ebenfalls vergitterten Portal, und dahinter das Frauenbad, ein verlassener, gebrechlicher Bau im Halbstock, dessen Vorraum mit kalten Steinfliesen ausgestattet war. Drinnen wohnte Mcndl Ruhig, und wenn er, die Hände am Rücken gefaltet, aus der Halle trat, ein unverständliches Lächeln auf den schmalen, bartlosen Lippen, da krochen wir Jungen auseinander, drückten uns an die Zäune und bekamen einen beklemmenden Atem in der Erwartung, es müsse etwas geschehen, das unsere kindlichen Gedanken nicht zu fassen vermögen. Kaum war er aber um die Höfenzäune verschwunden, wurden wir weder laut, und einige Verwegene riefen mit höhnischer Stimme: „Mencll Ruhig, Mencll Ruhig, psst, der Weise kommt, Mcndl Ruhig, der Tor kommt, psst, psst..." Andere brüllten; „Mencll mit dem krummen Rücken. Beine w ie die jungen Kücken, Haare wie ein Ziegenbock, Mcndl mit dem Schabbesrock." Mcncll lebt nicht mehr. Er ist eines Morgens ausgegangen und nicht wiedergekehrt. In der Gemcinde sagen die Frommen, sein gottverlassenes Tun selbst habe ihn verzehrt, während die Skeptiker, um die Frommen zu ärgern, mit ironisch \ I Julius Simon m:man«.T oi a yronp in Opposition to tlie present Executive Führer iler uejjen ilie jetzige Leitung neriditeten ()pposi(ionsjs,nippe gespitztem Munde behaupten, er sei zum Himmel gefahren. Ich aber bin der Überzeugung, daß Mencll Ruhigs Ende ein natürliches war, daß es der Art seiner stillen duldenden Seele entsprach, und lege daher Gewicht darauf, es aufzuzeichnen. Wer will, mag mir glauben. Ich bürge nicht für die Wahrheit meiner Erzählung, aber eine Ahnung, die im Unbewußten schlummert, regt sich in mir und gibt mir recht und bestärkt meinen Wunsch, die Schicksale des stummen Flelden Mencll späteren Geschlechtern aufzubewahren. * Die Sonne hatte keine Freude an dem niedrigen, altgewordenen Haus; denn sie konnte nur mühselig ihre glänzenden Flecken darauf malen, und auch die Akazienbäume, die von der einen Seite hart an der Tür standen, rauschten selten aus der Versunkenheit, aus dem mächtigen Schatten des Gotteshauses auf. Die alten Gemeindemitgliedcr schüttelten traurig die Kopfe, wenn sie, in ihren altmodischen Röcken und Hüten, vor dem Tempel auf den säumigen „Diener" warteten; den sie konnten die Wandlung nicht begreifen, die mit dem Frauenbad vor sich gegangen war. Sic erinnerten einander an die Zeit, da die brauen, in schwere seidene Gewänder gekleidet, langsamen Schrittes ins Bad gegangen waren, die meisten das scheue gerötete Gesicht zur Erde gesenkt, vor allem aber die jungen Frauen, die die Weihe des ersten Frauenbades empfangen sollten. Und manchem Witzbold entfielen hierbei Scherzworte, die dann von Mund zu Mund gingen, geflüstert, getuschelt, da sie nicht für jedermanns Ohren taugten. Besonders an den Winterabenden vor dem Sabbat überfiel das Frauenbad eine ernste, fast heilige Stille. Ehrfürchtig blickten die Männer, des Sabbateingangs harrend, in das hinter den verhangenen Fenstern ruhende Licht. Keinen lauten Ruf vernahm man; die Kinder schliefen bereits in diesen Stunden. Und so, von den schönen, üppigen Frauen träumend, gewöhnte man sich leise Schritte, flüsternde Worte an. Allmählich aber, als die neue Zeit herankam, und che Fabrik, die das Bassin mit warmem Wasser speiste, niedergerissen wurde, scheuchte das Lärmen der Kinder das einsame Frauenbacl aus seiner Stille auf. Solche Stunden kamen, je mehr es verfiel, desto häufiger. Die Rohre wurden abgebrochen, die Stufen, welche zum Bade hinabführten, bröckelten ab. und die Kästen verschwanden mit den Badehüllen. Lange Jahre lag das Frauenbad verlassen da, so lange, bis der fromme Sinn der Väter dem praktischen der Jungen unterlag, und in einer stürmischen Gemeindesitzung die Umwandlung des brauenbades in eine Mietswohnung durchgesetzt wurde. Die geheimnisvollen Geister verließen nun das Haus. Der biedere Schustermeister biedler mit seiner zahlreichen Familie zog ein; mit ihm werktätiges Treiben, kahle Nüchternheit, offener Biedersinn. Die Fenster entkleidete man der Vorhänge, so daß sie schwarz und trübe auf das Gotteshaus sahen; die kalten Steinfliesen bedeckte der praktische Schuster mit Strohbündeln; die Inschrift wurde übertüncht, so daß die Fremden nicht mehr ahnen konnten, zu welchem Zwecke die Ahnherrn das Haus erbaut. Das Frauenbad selbst blieb ohne Bewohner. Der vierzehnjährige Mcndl wohnte damals bei seinen Eltern in einem ärmlichen, verfallenen Flauschen, weit oben über den Dvorky, am Fuße des spärlich bewaldeten Dorfhügels. Sein Vater war Glasermeister. Ihm selbst war dieses Gewerbe zu eng. Er wollte kunstvolles Glas erfinden in den namenlosen Farben seiner F,ingebungen, Glaspaläsle bauen mit bunten Kuppeln und Türmen in unendlicher Mannigfaltigkeit; die Herrlichkeit des Himmels übertreffen und Formen schaffen von einer Glut und Sinnlichkeit, daß er von seinen eigenen Gedanken, als hätte er au Gottes Wunderwerk gerührt, erschüttert wurde. Die Erfüllung dieses Wunsches blieb ihm natürlich versagt. Er entschädigte sich für die erste Enttäuschung seines jungen Lebens, ohne jemand dafür verantwortlich zu machen, durch

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