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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Lettres of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmer aus Palästina
Date
1923-01-01
Page
Seite 15 (sequence 6)
Language
German
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5 MENORAH Bin glücklich, zu hören, daß es Euch gul geht, obwohl ich fürchte, daß es Euch lange nicht so gut geht wie mir. Komme mir ganz, niederträchtig vor, daß ich mir's hier so gut gehen lasse, während Ihr dort allerlei Unannehmlichkeiten zu ertragen habt. Doch hoffe ich auf bessere Zeiten. ¥ 5. April 1922. Liebste Eltern! War paar Tage in Jaffa, Tel Awiw, bin aber sehr froh, wie immer, wieder hier zu sein. Zwei von unseren Kameraden waren krank, und 30 Kücken gingen in meiner Abwesenheit zugrunde, und alle waren gedrückt und unglücklich. Jetzt ist aber alles wieder gut, und sie singen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Inzwischen waren auch Maschinen angekommen, die ich heute aufgestellt habe. Wir fangen auch schon zu heucn an. Es gibt also — Mandeln und Tabak kommen dazu — jetzt eine Menge schöner Arbeit. Samstag werde ich einen Ausflug zu Pferde nach Karkur und Marah machen. Den großen Inkubator werde ich im großen Zimmer aufstellen oder aber wir werden einen Schuppen bauen und ihn dort unterbringen. Muß diese Tage nach Saratow amerikanische Lebcnsmjjtelpakelc an meine Gast freunde schicken. Meine Kameraden hier sind: W., ein ehemaliger Kavallcrieoffizier der österreichischen Armee, ein braver Junge, Schomer unserer Kolonie; H., ein Schulkamerad und intimer Freund von E., der seine Studien in Rußland nicht beenden konnte; St., ebenfalls aus Rußland, Student der Medizin. Die Kücken schlüpfen, diesmal 80?** und keine Kranken mehr. Von den ersten haben wir unlängst zwei Hähnchen gegessen. Saris nicht ganz wohl. Klima? Doch ist er groß und tüchtig, hat unlängst ein Ichneumon (Hühnerdieb) erwischt und in kleine Stücke zerfetzt. * 6. Mai 1922. Liebste E1le r n! Eine Neuigkeit. Dr. B. will mir seine Wirtsrhaft verpachten. 50 Pfund jährlich. Aber — es wird unmöglich gehen. Ich würde ein bis zwei Jahre brauchen, um die Wirtschaft gründlich auf die Füße zu stellen — bin den ganzen Besitz durchgeritten und habe mir alles gründlich besehen: kein Haus, kein Hof, kein ordentliches Vieh. Und wenn selbst alles gut geht und ich Geld bekomme und es zurückzahlen kann (die Pacht soll sich auf fünf Jahre ausdehnen), so habe ich fünf Jahre geschwitzt wie ein Vieh, weniger vielleicht vor Arbeit als vor Sorgen, und habe nichts als bestenfalls 200 bis 300 Pfund. Und wenn es schlecht geht, das heißt, wenn die Preise noch ein wenig fallen, dann bin ich ein Schuldenmachcr — das ist kein Geschäft für mich. Lieber klein anfangen, langsam, aber sicher. Ich überlege noch, werde mich aber wohl nicht anders entschließen. Dieselben Arbeiter, die seinerzeit Chederah mit eclat verlassen haben, sind wieder da, und ihr empfindliches Volks- und Stammesgefühl läßt es auf einmal zu, daß sie mit Arabern zusammen arbeilen. Erfolg: Damals waren nur wenige arabische Arbeiter da, die Juden hatten gute und ständige Arbeit, das Verhältnis zu den Kolonisten fing an, sich zu bessern, viele hatten Hühner, Gemüse usw. Heute sind eine Menge Araber da, keine ordentliche Arbeit für die Juden, das Verhältnis zu den Kolonisten natürlich elend, und sie müssen in allem wieder von vorn anfangen. Mit einer Kuh warte ich noch. Flabc Respekt vor der Rinderpest; Vichversichcrung gibt es no~h nirht, wir haben noch keinen festen Platz, und die Preise fallen andauernd. Was ich machen werde, wenn B. wegfährt, weiß irh noch nicht, ist mir aber absolut keine Sorge. Hat auch noch zwei Monate Zeit. Es beginnt warm zu werden, und so fangen auch die Hühnerkrankheiten an. Aber nicht arg. Wir können schon einen Stoß vertragen, da wir sehr billig gearbeitet haben. Wenn wir die Hühner heute billig verkaufen — billig heißt, billiger als die Araber — verdienen wir etwa 80"«. Es konkurriert jetzt mit großem Erfolg eine Kwuzah in Um cl Alak (bei Sichion Jakob) mit der holländischen Kwuzah und den Arabern in Gemüse. Herrliches, billiges Gemüse. Sie haben natürliche Bewässerung. Jetzt muß ich die Kühe melken, schreibe dann noch dazu. Wir haben jetzt zum ersten Male Hähnchen verkauft, 40 Stück, zu 12 Piaster pro Stück. Haben auch schon gegen 30 gute Rassekücken (White Leghorn, Rhode Island und Peking). Saris war sehr krank, Staupe mit Magen- und Darmkatarrh, Bekannte nahmen ihn zum Tierarzt nach Haifa mit, und es geht ihm jetzt schon besser. Er war schon in Lebensgefahr. Einige von den White-Leghornkückcn waren krank, und ich hielt sie zum Auskurieren im Zimmer, und seither sind sie — längst gesund — entsetzlich frech. Kommen zum Essen auf den Tisch, hüpfen auf die Hand, wenn man sie ruft, klettern auf uns herum und benehmen sich überhaupt höchst zutraulich. Den Enten geht 's ausgezeichnet. Zwei Kaninchen gehören jetzt mit zur Menagerie. Gestern kam ein Telegramm, daß die Spiritusfabrik beschlossen ist. Sehr gut. Wir sind noch mitten in der Fleuernte; viel Heu und guter Absatz, aber teure Arbeil. Fleute waren wir zu Pferde am Meer, um zu baden. Ich habe einen reizenden Nachbar, S. aus Liverpool, der mit seinem Bau bald fertig ist; dann soll seine Familie nachkommen. Habe nach Saratow drei Zchndollarpakcte geschickt. Ich bin kerngesund und so stark wie ein Stier. Da Dr. B. jetzt fortgeht und ich in seiner Abwesenheit die Verwaltung abgelehnt habe, werde ich mich einmal an den Vertreter der Ica hier wenden. * 31. Mai 1922. Liebste Eltern! Mir geht's sehr, sehr gut. Morgen fahre ich über Schewuoth nach Haifa, Nazareth, Mcrchawiah, Nuris. Bin vollkommen gesund. Brutapparat angekommen, sehr schön. Bitte sehr um die Glucke und den Eierschrank. Wenn die Spiritusfabrik kommt, wird ein Geleise zu unserer Ko'onie gelegt werden. Was auch immer gequasselt wird, die Lage hier ist nicht schlecht. Am Karmcl wird gebaut, es sind eine Unmenge Juden in Haifa, die Araber aus Nazareth bitten flehentlich um Juden. Gestern sah ich eine Anzahl herrlicher Dampfpflüge der Ica an der Bahn stehen. 8. Juni 1922. Liebste Eltern! Während i~h weg war, halten wir ein bisserl Pech gehabt. Ein Schakal hat acht große Enten erwischt, und es sind drei Diphteriefällc unter den Hühnern. Mit dem Vertreter der Ica gesprochen: es ist nichts. Ich könnte Land in Chederah bekommen, aber nichts dazu, damit kann irh nichts; nfangen. Anderswo könnte ich "ach rVr Formel anqesiede't werden, aber ich möchte von hier nicht wce. Vielleicht hälle ein avclcrer mehr ^r.cicht, a^er ich kann weder hnnde'n *iorh schön bitten, und so sagte i<-l\ es sei schließlich nur eine Fraw von zwei oder drei Jahren, und empfahl mich höflichst. Eine Ri-'fendampfmiihle (indisch!) in llaifa ist bsi fertig In Atlit1*) beginnen die Arbeiten für Salzgewinnung (wie in der Adria). Man snricht von einer Anlage für 12 000 t jährlicher Produktion. Die Silikat11) produziert schon jetzt 60.000 Ziegel täglich und verkauft sie wie frische Semmeln, fast nur in Jaffa. Saris geht's viel berser. In Flaifa wollten mir Bekannte einen reinrassigen Pointer schenken. Ich wollte ihn aber nicht annehmen, sie hängen so sehr an dem Vieh. Vielleicht, wenn sie nach Paris fahren, was sie bald zu tun gedenken. Das Polytechnikum in Haifa ist herrlich, leider fclht es an Geld, alles ganz fertig zu machen. Es ist eines der schönsten Gebäude, die ich überhaupt kenne. Und diese Aussicht! * 16. Juni 1922. Liebste Eltern! Eure Briefe sind mir jetzt mehr a's je, und es ist mein einziges Glück., daß es gute Nachrichten sind. Denn hier geht jetzt alles quer. Ihr wißt ja, „Ein Unglück kommt selten allein", l iierist nämlich folgendes los: E.s Vater — der russische Universitätsprofessor — und Mutter übersiedeln hierher, und er geht in 14 Tagen von uns weg. Einer hat geheiratet und ist schon weg. Einer fährt nach Paris zu Verwandten. So löst sich unsere Genossenschaft auf. E. und ich behalten gemeinsam die Hühner und zahlen die andern aus. Die Hühner machen mir zwar immer noch viel Freude, aber auch Verdruß: wir haben nicht genug Zeit für sie, und hatten große Verluste durch Schakale. Der Chaluzah haben wir gekündigt. Was weiter sein wird, ist mir unklar, das heißt, verloren gehen werde ich nicht, aber so wie die letzten sechs Monate werde ich es nicht so leicht wieder haben. Ich will und werde mich in Chederah rlurrhsetzen. Aber ich kann nicht behaupten, daß der Gedanke, allein in meinen vier Wänden zu leben, mir angenehm ist. Und ich fluchte, es wird mir nichts anderes übrig bleiben. Ich könnte eine neue kleine Genossenschaft gründen, aber das will ich nicht, es ist zu entsetzlich, dann liquidieren zu müssen, und das ist immer das Ende. Und ich fühle mich erschöpft und bin ietzt weniger auf der Suche nach Glück, als vielmehr bemüht, dem Unglück auszuweichen. Saris gebe ich F. nach Nazareth mit. Das Hündchen wird es dort besser haben. F. hat viel Zeit, und es ist ungleich kühler dort. Hier ist das arme Tier meist allein und leidet darunter. Ich habe die hohen Plane alle fahren lassen und denke ietzt nur an eine simple jüdische Parrrese'1")- Aber auch das wird schwer durchzuführen sein, weil es mir?o gut wie unmöglich ist, mir die 300 Pfund zu verschaffen, die ich brauchen würde, um nur einen Anfang zu machen. Aber Jammern hilft nicht. Aber schließlich ist nichts so schlimm wie es ausschaut, nicht einmal dieser Brief, und die Welt ist voll von Menschen, denen es viel schlechter geht als mir. und ich werde die schwermütige Stimmung schon wieder überwinden. Ich bin so gesund wie ein Fisch im Wasser, und ich habe zwei genügend starke Arme und einen guten Namen, <md Palästina liebe ich, wenn ich auch bis nun no'b keinen materiellen Erfolg hatte. Fs handelt sich nur darum, noch ein wenig Geduld zu haben, ich werde mit etwas Anstrengung schon weiterkommen. — Bitte, verzeiht mir die vielen ,,Ich" in diesem Brief. 23. Juni 1922. Liebste Eltern! Irh fürchte, mein letzter Brief wird Euch in Aufregung versetzt haben. Ich kann mich nicht entschließen, Chederah zu verlassen, und ich will es auch nur dann tun, wenn es sich als unmöglich erweisen sollte, hier zu bleiben. Ich warte vier Wochen — dann werde ich mich entscheiden. Natürlich habe ich, wie ich Euch immer s hrieb, eine ganze Menge Aussichten. Bei Dr. B. bleibe ich nicht, weil ich die Möglichkeit, selbständig zu werden, dadurch auf drei Jahre verschieben würde. Ich könnte in der Regierung einen Porten haben, aber da müßte ich auch fort von h'er. Treidl hat mich fragen lassen, ob ich bei ihm als eine Art Aufseher arbeilen möchte. Dieselbe Geschichte. Hier hat mich B. J. sofort gefragt, ob ich nicht wieder zu ihm kommen möchte, aber ich habe ihm keine bestimmte Antwort gegeben. Fleute schoß ich fünf «roße Eulen, die in der Nacht immer einen Ricscnlärm gemacht hatten; i:h habe die Hühner damit gefüttert. Zwei von

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