Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Lettres of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmer aus Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 7)
- Language
- German
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16 MENORAH den Leghorns sind tot — Diphtcntis. Der Kuckuck hole die Geschichte; I1/» Pfund Werl, wenn sie mich auch nicht so viel kosten. * 30. Juni 1922. Liebste Eltern! Ich schreibe abwechslungshalber heute mal im Bell. Eine Kleinigkeit, das Bein abgeschürft, sicher in zwei bis drei Tagen vorbei. Von Dr. B. bin ich also heule weg. Die letzte Zeit — Auflösung der ganzen Wirtschaft — war nicht sehr erfreulich. An die Ica habe ich geschrieben, sie möchten mich für Boden in Chederah vormerken. Hier geht allerlei vor — ein j;aar englische Kriegsschiffe liegen im Haifa, die Aeroplane üben wieder fleißig, und unsere Cousins43) sind aufgeregt. Viel Lärm um nichts. Die Station Chederah ist für paar Monalc ein Markt geworden, und der arme arabische Stationschef kann nicht mit. Es gehen täglich viele Waggons Wassermelonen, Preßheu usw. ab, ein kolossaler Rummel, ziemlich reger Personenverkehr. Haben wieder Pech gehabt: ein zwei- oder vierbeiniger Schakal hat uns die zehn schönsten Hühner geraubt. Wenn ich nur sicher wüßte, daß es ein vierbeiniger ist, würde ich mich trösten. * 2. Juli 1922. Liebste Eltern! Hier alles in Ordnung. Die kleinen Wunden an den Beinen heilen, ich kann aber noch nicht draußen arbeiten. So benütze ich die Zeit, um meine Witzcnhauscner Diplomarbeit durchzugehen — vielleicht borge ich mir eine Srhieibmaschine aus und schreibe sie nochmals um — und freue mich dabei andauernd, wieviel ich inzwischen als schon geschehen und gebessert ändern muß. Glaubt Ihr, daß es dafür steht, die Arbeit zu machen? Ich meine, gibt es dafür einen Verleger? Vor paar Tagen hatten wir Artilleriefeuer — es manövrieren hier eine Menge englischer Kriegsschiffe, die Aeroplane fliegen auch andauernd, und ich dachte mir gleich, das könnte nur eine Bedeutung haben: daß die Engländer mit dem Mandat Ernst machen und sich gegrn eventuelle Demonstrationen der Araber vorsehen. Hoffentlich wird es wahr! Abgesehen von weitgehenden Wirkungen würde ich dann endlich doch palästinensischer Staatsbürger werden. Unter englischem Schutz, was nicht zu verachten ist. * 13. Juli 1922. Liebste Eltern! Meine Beine sind schon in Ordnung, arbeite schon seit paar Tagen draußen. Morgen reiten wir ans Meer, um zu baden. Wir sind mit Trauben, Wassermelonen, Feigen überschwemmt. Bald kommen auch die Mandeln. Ja, denkt Euch. Die Hühner fültcin wir mit zehn bis fünfzehn Wassermelonen täglich! Was die Diplomarbeit betrifft, so werde ich wohl ielzt keine Zeit dazu haben. Ich wiederhole, daß es mir leid tut. Euch den blödsinnigen Brief damals geschrieben zu haben. Ich mache mildernde Umstände geltend: Arbeitswechsel, kleine Unglücksfälle, ein Anfall von Schwermut und große Hitze. Habe wieder ein gutes Arbeitsangebot, es ist also alles in Ordnung. Es tut mir schrecklich leid, aber ich kann jetzt unmöglich nach Hause kommen. Da ich hier bleiben will, will ich sozusagen nur auf Urlaub zu Euch fahren, von einer festen Sache weg und zu einer festen Sache zurück. Ich habe hier keine Enttäuschung erlebt, wie Ihr zu glauben scheint, und ich bin auch durchaus nicht davon überzeugt, daß es hier nicht gehen wird. Im Gegenteil. Es ist nur die Frage, ob es «ehen wird, wie ich dachte . . nun, Luftschlösser sich erfüllen zu sehen, wäre zuviel verlangt. Von un'sern 5'/a Monate alten Hühnern legen schon zehn Stück, so daß wir keine Eier mehr kaufen, auch wenig Fleisch, da es junge Hähnchen gibt. Honig ist auch da, und ich möchte gern I -t i Dario Rappaport (Wien) Porträt des Herrn van Raalte welchen schicken, da ich sehr sloli darauf bin, aber das Wie ist so schwierig. Es ist weiter warm, aber nicht schlimm. 28. Juli 1922. Liebste Eltern! Vom 1. August ab arbeite ich wieder. Gott sei Dank. Und zwar bei S., dem Liverpoolcr, von dem ich Euch, glaube ich, schon schrieb. Wetter warm und wird wohl noch einen Monat so bleiben, aber zum Aushalten. Meine Beine hatten mir bis in die letzte Zeit zu tun' gegeben, aber jetzt ist schon fast alles verheilt. Habe ein Kückenheim für eineinhalb Pfund gekauft; es war ziemlich kaput, aber E., der ein sehr geschickter Tischler ist, hat es hergerichtet. Nochmals Ica. Die würde mich sicher ansiedeln, aber leider dort, wo ich nicht will. Vielleicht schraube ich nach einem Jahre meine Ansprüche noch weiter herunter und bin dann einverstanden. Vorderhand nicht. Ich bin fest entschlossen, in Palästina, und wenn irgendmöglich, in Chederah zu bleiben — hier werde ich mich selbständig machen. Natürlich ist das keine leichte Sache und braucht vor allem Zeit. Im letzten Jahre sind in Chedera 18 neue Häuser gebaut worden. Das ist sehr viel für eine so kleine Kolonie. Tabak — heuer zum erstenmal hier versucht — scheint ein großer Erfolg zu werden. Ich werde auch ein paar Kilogramm eigenen Tabak haben. Ich habe also jetzt nur einen Kompagnon, und das ist E. Der ist erstklassig. Ihr wißt, daß ich nicht leicht entzückt bin, im Gegenteil, ich bin eher ein Schwarzseher. Wir haben uns einige Tauben angeschafft. Für morgen ist der arabische Streik angekündigt, und wir warlcn. Ich glaube nicht, daß etwas Ernsles daraus werden wird, da die Regierung deutlich gezeigt hat, daß sie sich diesmal keinen Unfug gefallen lassen wird; so wurde zum Beispiel die arabische Polizei entwaffnet. Hühnchen, die das reife Alter von fünf Monaten erreicht haben, legen jeden zweiten Tag ein Ei. Nochmals, verzeiht den dummen Brief. Ich wiederhole: ich bin nichts weniger als unglücklich. Wenn ich zuweilen auch schwere Stunden habe, so ist das nur, weil es einem nicht immer leicht fällt, zu warten. Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, daß ich für dieses Leben geeignet bin. (Fortsetzung folgt) Anmerkungen. l) Chederah, jüdisches Dorf in Samaria, 1891 gegründet. — ") S/n'/fs, ein indischer Volksstamm, dessen Angehörige zahlreich in die englische Kolonialarmce eintreten. — :i) Cäsarea war zur Römerzeil die Hafenstadt Palästinas und eine ansehnliche Stadt; noch heute zeugt ein großes Ruinenfeld von ihrem einstigen Glanz. — 4) Sir Herbert Samuel, englischer High Commissioner (Regierungskommissär mit erhöhter Machtvollkommenheit in Palästina). — 5) Rosch-Haivaad, hebr., Obmann des Gemeindeausschusses. — ") Pardess, hebr., Obstgarten. — 7) Pelach Tü(n>ah, großes jüdisches Dorf, 18 km nördlich von Jaffa, 1878 gegründet. — H) CallL hebr., Galiläa, Provinz im nördlichen Palästina. — ") Semach, Dorf am Südendc des Tiberiassees. — J") Kincreth, eine Form des jüdischen Nationalfonds. — 11) Ing. Treidel, Gutsbesitzer in der Nähe von Kinereth, war ein vorbildlich tüchtiger Landwirt, gestorben 1921. — 12) Jemnah, jüdisches Dorf in Unter-Galiläa, 1901 gegründet. Kefar-Saba, jüdisches Dorf, 2 Stunden nördlich von Petach Tikwah, 1892 gegr. — VJ) Migdal, eine von Tschlenoff, Kremcnezky und Goldberg begründete Musterfarm, nördlich von Tijjcrias. — iA) Daganjah, genossenschaftliche Siedlung am Südende des Tiberiassees, deren Angehörige zu den tüchtigsten und aufopferungsfähigsten Pionieren des Landes gehören. Daganjah ist die einzige Genossenschaft auf gemeinwirtschaftlicher Grundlage, die — buchmäßig wenigstens — kein Defizit aufweist. — lr>) Kxouzah, hebr., eine bei den jüdischen Arbeitsgruppen beliebte Form von Arbeitsgemeinschaft auf kooperativer Grundlage. — 1") Ezes, jd., Ratschläge. — 17) native, engl., Eingeborener, manchmal mit verächtlicher Nebenbedeutung. — '"*) Artur Ruppin war Leiter des Jaffaer Palästinaamtes und einer der Gründer von Tel Awiw. Er gilt als einer der besten Kenner des Landes und seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten. — 1") Davis Trictsch, bekannter Schriftsteller und Kolonisationsfachmann. — 20) Levontin, Direktor der Anglo Palastine Company in Jaffa. — 21) Riot, engl., Lärmen, Unruhen. — '-'") meschugge, jd., verrückt. — Poale Zion, hebr., Arbeiter Zions, Name einer jüdischen Arbeiterpartei. — '-':') Inkubator, Apparat zur Geflügelzucht. — '■*) Käräm, hebr., Weinberg. — '"''') Ebenso wie die im Briefe vom 5. Juli geschilderten Tatsachen eine Folge der bekannten Unruhen vom Mai 1921. — 20) Tel Aivirv, städtische jüdische Ansiedlung, 2 km nördlich von Jaffa; seit kurzem zur selbständigen Sladtgemeinde erhoben. — 27) Nevi Zedek und -s) /Venu Schalom, Ansicdlungen zwischen Jaffa und Tel Awiw; seit kurzem mit Tel Awiw vereinigt. — -") Sarona, Dorf bei Jaffa, von deutschen Kolonisten besiedelt; seit kurzem mit Tel Awiw vereinigt. — :'") Rlautecißer, Angehöriger des jüdischen Jugendwanderbundes „Blau-Weiß". — 31) Schonuom, hebr., Samaria. — "-') Sichron Jakob, großes jüdisches Dorf, ungefähr 4 Stunden südlich von Haifa. — 33) Jischub, hebr., Ansiedlung, in übertragener Bedeutung: Die Gesamtheit der palästinensischen Juden. — 3,>) Cer. hebr., Fremdling, dann Proselyt. Hier ein Russe, der zum Judentum übergetreten ist. — 3r>) Erzbcrser, der bekannte deutsche Abgeordnete und Minister. — 3lt) Can Schemucl, eine kleine Ansiedlung in Samaria, 1909 gegründet. — :,r) Schonuim, hebr. die Wächter. — :is) NicherL * Fabrik in Inzersdorf bei Wien, die Spezialartikel zur Einrichtung von Geflügelfarmen erzeugt. — 3n) Dcmel, bekanntes Zuckerbnckcrwarengeschäft in Wien. — Atlit, kleine Siedlung südlich von Haifa, besteht seit 1898. — Silikat. Silikalziegelfabrik in Tel Awiw, gegründet von Johann Kremenezky und Boris Goldberg, deren Erzeugnisse die große Bautätigkeit in Tel Awiw ermöglichten. — "-) Parnofle, jd., Verdienst, gutes Auskommen. — "•'') Cousins, scherzhafte Bezeichnung für die stammverwandten Araber.