Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Lettres of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmer aus Palästina
Date
1923-01-01
Page
Seite 12 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2912821-2912822-2912824-2913184--00122-2913260
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

VI M ENORAH Bert Locker Workers-Icailer in l'alc-ilnv paliistinviisisclier ArK'iterliihri-r (relativ, denn Palästina ist ja klein) eine große Verwirrung entstanden, aber das wird sich bald wieder geben. Herbert Samuel arbeitet vorzüglich. Eisenbahn- und Straßennetz -werden ausgebaut, ein Nest wie unser Chedcrah mit paar hundert Einwohnern bekommt ein Postamt, das Land wimmelt von Automobilen. Jerusalem—Jaffa—Alexandrien—Kairo Luftpassagierverbindung in fünfeinhalb Stunden inklusive Aufenthall. Ganz herrlich ist Jerusalem. Dieses sowie I laifa und Tiberias werden nach wunderschönen Garlenstadtpläncn ausgebaut werden, in der Art, daß neue Häuser nur nach dem Plan gebaut und die alten allmählich eingerissen werden. Landschaftlich ist es herrlich — von hier sclie ich den schneebedeckten Hermon, über einen Eukalyptuswald hinweg das blaue Meer, im Süden die Fruchtplan lagen, ringsherum alles grün — Wintersaaten und Weide. Im Sommer wird es allerdings etwas dürr, bis auf Wald und Plantagen. Jetzt gibt er reichlich zu tun: Orangenernte; 30 Dunam Mandclpflanzung, 50 Dunam Oliven, Wein neu pflanzen, zur Sommcrf nicht pflügen und das Vieh besorgen! Trotzdem richte ich auch den Garten mit den erhaltenen Samen doch noch her. Ich habe mir doch fest vorgenommen, bei B. J. ein Jahr lang zu bleiben, aber ich bin noch gar nicht sicher, ob ich ihn verlasse, wenn die Zeit um ist; es gefallt mir hier mit jedem Tage besser, und es müßte schon etwas extra Gutes sein, das mich weglocken könnte. Ich wollte noch mehr schreiben, bin aber doch zu müde. Es ist 1, -10 Uhr abends, und seit gestern früh 1 .»6, also 40 Stunden, habe ich nicht geschlafen; ich habe eine Kranker,- wache bei einem armen Teufel, der nur mit stündlichen subkutanen Injektionen von Kampfer, Koffein, Digilalin usw. am Leben erhalten wird. Wetter herrlich, alles grünt und blüht, und man schwitzt manchmal sogar in den Hemdärmcln, so wann ist es, sobald die Sonne draußen ist. Bei Euch ist jetzt bald Weihnachten — es ist doch eine andere Welt hier, wirklich schon echtes jüdisches Volkstum. Chederah, 2. Jänner 1921. Liebste Elton! Hier ist alles ruhig und in schönster Ordnung, man lebt ein friedliches Landleben, und auch materiell ist die Lage nicht allzu schlecht. Wenn es keine Wcllpolitik gäbe, könnten wir hier in ein paar Jahren ein kleines Paradies haben, aber auch so hotle ich auf eine schöne Zukunft für Palästina. Man bemerkt — trotz der Krise — allerhand Anläufe. Es wurde eine kleine landwirtschaftliche Gesellschaft in Chederah gegründet, und man plant eine Gcnossenschaftsmolkcrci, Bienenzucht, im großen, Ankauf von landwirtschaftlichen Maschinen (Depot für die Kolonie, aber auch Verkauf). Sic haben mich ins Maschinenkomitee gewählt. Wir pflanzen 30 Dunam neu au: O.'iveo und Wein. Eine schwere Arbeil. Mir geht es glänzend. Ich bin zwar, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe nach Jaffa und Petach Tikwah gefahren, habe mich aber sehr gut Knierhallen, eine Mcirge Bekannte geseh.cn, Orgien gefeiert usw. Die L.s waren wieder sehr lieb, wollten mich gar i:ichl fortlassen. Grüße von Ruppin, rrietsch1"). Seidener, MoEchkowitz, Levontins'-'"), Harari, Haini, Jaobsohn, 1' lcischer usw. Bin, wie immer, wieder sehr glücklich, in C hederah zurück zu sein. Ich g!a:>;c, die B. J. haben n;!;h ro s;er;i. wE ich sie, sie freuen sich, immer, wenn ich wieder komme, und zeigen e:; Ihr fragt mich wegen der Hafen-Riots"). Es war gar rirhts: ein paar meschuggene Poa'.ezionistcir") wollten moderne europäische Streiks mit Zubehör einführen, sind natürlich kläglich gescheitert. Dieses Einrennen offener Türen hier in Palästina! Ich glaube, bei allen Witzen über unsere „Aristokratie" gibt es das doch nirgends sonst, daß Taglchner und Bankdirektoren, Millionäre und ihre Chauffeure so auf gleich und gleich verkehren wie hier, von vielen anderen Dingen zu schweigen. Hier ist alles, wie es sein soll, das herrlichste Weiler, nette Leute, schöne Arbeit und gottlob keine Zeitungen! Das heißt, es gibt schon welche, a bei ich lese sie n i c h t. 6. Februar 1921. Liebste Eltern! Es geht mir so gut wie noch nie. Wochenbericht: Orangen versandt, Hecken beschnitten, Ölbaumgruben gegraben, weiße Muskatrebe gepflanzt; am Samstag Enten geschossen und mit Appetit verzehrt; ein Konzert — deutsche Volkslieder! — angehört; Dreschmaschinenbeslcllung erledigt. Mitten in der Woche anläßlich eines Festes die Nacht durch gefeiert. Mir geht es weiter glänzend; morgen hol'le ich mit einer neuen Pflanzung fertig zu werden. Lese fleißig Thackcray auf Englisch und De Coster vlämisch. Gefällt mir ausgezeichnet, besonders ,,Uilenspiegel". Hier hat es wieder fest geregnet; heule ist noch Wind, aber wieder ganz warm. Habe heule wieder 20.000 Orangen nach Ägypten geschickt. Ein gesegnetes Land! Blumenkohl, Salat, neue Kartoffeln, grüne Bohnen und bald auch E'-St:i' Auch Bananen wird es bald wieder im Pardeß geben. Der erste Inkubator") hat keinen besonderen Erfolg ergeben. Von 181 Eiern nur 123 Küchlein und von diesen 20 Schwächlinge oder Krüppel. Ich fürchte, die Luft war nichl gut genug, weil wir ihn im Schlafzimmer aufstellen mußten. Werde schon darauf kommen, was der Grund ist. Es regnet wie besessen, zwischen Chederah und dem Stationsgebäude ist ein ganzer See; glücklicherweise verschwinde! er ebenso rasch wie er kommt. C he der« h. 5. Juli 1921. Liebste Eltern! Mit den Hunden gut angekommen. Bücher, Photographien, Rohrplattenkoffcr — und eine Unterhose habe ich vorgefunden; alles andere: Schuhe und Hüte, Kleider und Wäsche, Bell und die andern Koffer sind alle unwiderbringlich verloren. B. J. hat man außer den Sachen im I lause sämtliche Hühner und das ganze Vieh gestohlen. Der Inkubator hat wieder gearbeitet und 60% Kücken gegeben, obwohl es fremde, also wahrscheinlich nicht lauter gute Eier waren. F-bcn wird noch einmal gebrütet. Die Dampfmaschine ist da, wunderschön, nur müssen sich die Leute erst daran gewöhnen, es klappt noch nicht alles. Die Bienen sind ein Erfolg. Obwohl es schon spät war, haben wir in zwei Malen 25 l:g herrlichen { lonig vom Stock gehabt, und es wird noch einmal geschleudert. Mandeln sind heuer gut, Oliven schlecht. Der ,,!-.'äiam '), den ich pflanzte, gedeiht glänzend. In Alexandrien wollte mir ein englischer Major die beiden Dobermann um acht Pfund abkaufen. Einer ist mir leider unterwegs erkrankt. Wir haben jetzt in Chederah Telephon, Telegraph, zweimal täglich Post. Gar keine Mücken, offenbar eine Folge der lclzlcn Euts'.unpfungsarbeiten. 26. August 1921. Liebste Ell v y „! Es war so viel zu Inn, daß ich buchstäblich nicht dazu kam, auch nur Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Vor allem will ich nur die schlechten Nachrichten mitteilen. In Kefar-Saba ist alles verwüstet, die Häuser ärger als verbrannt, keine Seele ist dorthin zurückgckchrl'-'"'). Was den Schadenersatz betrifft, so hat die Regierung geantwortet, sie könne vorderhand nichts lun, erst sei die Verhandlung über den Überfall und Feststellung der Schuldigen abzuwarten. Das eine von meinen Dobermännchen ist während meiner Abwesenheit in Jaffa gestorben. Ich brachte von dort eine Chaluzah mit, da B. J. leider sehr krank ist und seine Schwester mit ihm nach Saffccl mußte. Wir haben die Hirse gecrntcl, stecken noch in der Mandelernte, und auch die Mclonenernte ist gerade erst vorbei. Der Oliven- und Weingarten, die ich beide im Frühling pflanzte, stehen sehr gut; es dürfte schon nächstes Jahr Trauben geben. In Tel Awiw'Jtl) ist viel gebaut worden und wird weiter stark gebaut. Es ist mit Newi Zedek'7), Newi Scha!om'-'s) und Sarona'-'") zusammen eine selbständige Stadt geworden und hat jetzt 18.000 Einwohner. Die Bahn nach Petach Tikwah dürfte bereits in zwei Monaten dem Verkehr übergeben werden. Sowohl dort als auch bei uns in Chederah arbeiten jclzt nur Juden — aber die Lage ist schwierig, da dieses Jahr nicht besonders ist und die Arbeiter wenig Rücksicht darauf nehmen. Ich persönlich bin trotz aller kleinen Widerwärtigkeiten in der besten Laune, habe mein Zimmer sofort mit allen Bildern ausstaffiert, die die Araber so freundlich waren, zurückzulassen — ihr Kunstverständnis ist offenbar mangelhaft — auch die Photographien sind mir alle geblieben. Dem Hündchen gehl es gut, er verspricht ausnehmend gescheit vu werden, wie alle jüdischen Kinder und heißt Saris. Das Weiler ist weiter herrlich, aber warm, trotz des andauernden Sccwmdrr. wärmer als voriges Jahr. Nächte sehr angenehm kühl. Entschuldigt, bitte, Schrift und Stil, ich habe wenig Zeit, bin stark im Druck, da wir jetzt zu drill arbeiten, wo sich sonst immer ein Dutzend Araber hcrumgekugclt haben. Aber es geht. Es geht mir glänzend, bin schon schwarz wie ein Neger. 15. September 1921. Liebste Eltern! Mir geht es glänzend, fühle mich außerordentlich wohl. bahre nächstens Maultiere einkaufen bei dem englischen Rcmontedepol. Der arme Dr. F. ist momentan eine Art Nachtwächter bei einer deutschen Baugescllschaft. Wir wirtschaften jetzt hier zu fünft: der Bruder von B. J.. zwei Arbeiter, eine Chaluzah und ich. Die beiden Burschen — einer aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.