Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Lettres of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmer aus Palästina
Date
1923-01-01
Page
Seite 11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912822-2912824-2913184--00121-2913259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

11 MENORAH spicchc folgendermaßen zu den arabischen Arbeitern: „Sonne hoch! Arbeitet mehr! Nicht fortgehen! Reine Arbeit, kein Geld!" Daraufhin beginnen sie alle zusammen zu kreischen, und ich verstehe keine Silbe. Was vielleicht gut ist. Jedenfalls kann ich mich verständigen. Hebräisch spreche ich fließend. Ich gebe B. J. bereits Ratschläge, in bc/ug auf die Pflanzungen! Die politische Lage ist sehr gut geworden, seit Herbert Samuel da ist, die Einwanderung ist ziemlich beträchtlich (300 wöchentlich). Für europäische Verhältnisse lächerlich, macht sich diese Zahl hier schon fühlbar. Je länger ich hier bin, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß das Land in zehn bis zwanzig Jahren schon den Vergleich mit den besten Feilen Italiens und Kaliforniens aushalten wird. Ich habe jetzt beim Veimessen und Karlenpläncn geholfen, auch ein Dach gebaut. Ich fahre heute, von der A. P. C. beauftragt, eine Molkerei in der Nähe von Pclach Tikwah) besichtigen. Werde die Gelegenheit benüt/en und eine kleine Reise machen, muß das Galil') sehen. L i e b : Ell I. September 1920. sind alle selbstgelcrnl, fabelhaft praktisch, geschickt, ja findig, aber es fehlt ihnen hall doch viel- Ich habe ihnen einige Kz.cs"') für kranke Kühe und Bienenzucht gegeben. Gestern abend bin ich nach Haifa zurückgekehrt und heute hierher. Ich muß sagen, ich freue mich riesig, wieder zurück zu sein. Chedcrah ist mir ans Herz gewachsen. Nun mul.i ich Luch eine kleine Lpisode erzählen. In Haifa versuchte mich ein arabischer Polizist aul der Station ä la ..native"1') mit den Händen durch den Ausgang zu spedieren, worauf ich ihn höchst un/cremouiell in den Bauch boxte. Grones Geschrei, fünf oder sechs Polizisten. Zu Mr. Baker, einem englischen Subalternen, der höchsten Instanz. Auf dem Weg wollte mich wieder einer von den Kerlen an dei Schulter anfassen, überlegte sich's aber, ais er PJ Während meiner Reise gab es viel zu sehen, zu hören, zu sprechen, zu verdauen. Ich bin mit den von meinen letzten drei Monatslöhnen ersparten tünf Pfund glatt ausgekommen, obwohl ich mir gar nichts abgehen lieb. Die f ahrt von Haifa nach Semaclv') brauche ich Euch nicht zu schildern, die kennt Ihr. Von Scmach ging ich in glühender Hitze — in der Gegend spürt man sie ganz anders als in Chederah! — nach Bethania, einer Farm der Ica. Die Arbeiter haben kein Interesse an ihrer Arbeit, da sie alle gleich elend bezahlt werden, ob sie arbeiten oder nicht; sie werden furchtbar unvernünftig behandelt. Natürlich gemischtes Material, einige wirklich prächtige Leute darunter. Habe im Jordan gebadet, und dann ging's weiter nach Kincrcth11). Zu Treidel"), der mich mit offenen Armen empfing. Ein tüchtiger Mensch, aber eine Dawke- Natur, mit der ganzen Umgebung verfeindet. Abends ging ich den See entlang nach Tiberias, wo das Hauptquartier des Straßenbaues Semach- Tiberias ist. 300 jüdische Aibeitcr, mehrere Hundert kommen nächstens dazu, meist aus Rußland, arbeiten gut, werden gut bezahlt (Akkordlohn), haben sich Küche und Unterkunft gut eingerichtet, und es ist wirklich ein Vergnügen, ihnen zuzusehen. R. arbeitet gut, ist der einzige 1'achmann beim Bau, bekommt 15 Pfund monatlich, wovon er mindestens 10 aul Wohnung, Essen usw. braucht. Es wird die erste wirklich anständige Chaussee in Palästina sein — 9 m breit, auf der Seescite untermauert, eine herrliche, moderne Straße. Natürlich badete ich wieder; der See ist wie eine Suppe, es wird einem erst kühl, wenn man hcraussteigt und der Wind weht. Dann aß ich mit den Arbeitern. Meist prächtige Kerle, physisch sicher, und gearbeitet wird ordentlich. Am nächsten Tag fuhr ich mit G., der als Ingenieur der Ica Wege baut nach Jcmmah1-'). Sehr schön gelegen, hübsch große Ica-Kolonie, wenig Bäume, iurchtbar heiß, primitive Arbeitsmethoden. Sonntag irüh ging's nach Tiberias, Migdal"1) und zurück. Z.wischcnchirch wurde immer gebadet. Die Pflanzungen sind wunderschön, obwohl offenbar in der letzten Zeil etwas vernachlässigt. Nachts gingen R. und ich — in Begleitung von Hyänen und eines großen Schakalchors — nach Tiberias zurück. Bei Vollmond etwas Wundervolles; bei Tag in dieser Zeit etwas zu heiß und zu dürr. Am nächsten Tag ging ich weiter nach Daganiah"). die e i n z i g c Kwuzah1''), die wirklich gut — und vor allem rentabel — arbeitet. Aber es sind auch ausgesuchte Leute dort, sie haben glänzenden Boden, einen ausgezeichneten Vichstancl, Maschinen, Geräte, Wasser, was man sich nur wünschen kann. M i t cl e n s e I b e n M i t t e 1 n h ä t l e m a n bei je cl e r a n d e r e n M e- I h o d e a her n o c h m e h r e r i c i c h t. Sie Dr. Arthur Ruppin «.■st i\\pi-n> lor political econu mich ansah. Mr. Baker nimmt mein Nationale auf (ohne Dokumente zu verlangen), und ich erkläre ihm, daß ich mich nicht anfassen lasse. Dies leuchtete ihm auch ein, aber er erklärte mir: ,.It is a serious oilence to slrikc a policeman, but I'll lel von off this time bccausc . . ." Darauf erklärte ich ihm noch einmal mit der größten Ruhe den Sachverhalt. Er: „IM have done the same, but you must not lel yourself bc caught!" Und dabei blieb es. Chinin nehme ich natürlich regelmäßig; im Winter kann man aussetzen. Es gibt viel Arbeil jetzt, speziell im Pardeß, wo zehn Araber unter meiner Aufsicht arbeiten. Die arabischen Vokabeln vermehren .sich, aber nur langsam. Dagegen habe ich jetzt jeden Abend von 8 bis 9 Uhr eine englisch-hebräische Ausiauschstundc, so daß mein Wochentag wirklich ganz, ausgefüllt ist, so daß ich mit Dickens, den ich. jetzt Russisch lese, noch nicht fertig bin, obwohl ich Russisch sehr leicht lese. I. Oktober 1920. Liebst e E 1 t e r n! Unlängst klagte meine Hausfrau darüber, daß die Lage so schlecht wäre: es kommt in die Kolonien kein frisches Blut, und die Alten, die hier 30 Jahre hebräisch ausgehalten haben, sind verbraucht. Aber das klingt alles nur so böse, in Wirklichkeit sind die besten Hoffnungen für die Z.ukunft da, und die momentane Lage ist besser als irgendwo in der mir bekannten Welt, England milinbcgriffen. Nicht einmal Ägypten ist besser daran, obwohl es natürlich mateiiell nicht zu vergleichen ist. Aber nirgends sieht man, wie es zusehends besser wird: hier wohl. Liier das herrlichste Wetter. Nur kleine Anzeichen deuten auf Herbst. So fand ich einen blühenden wilden Knoblauch: Schwalben, Schnepfen und Wildenten sind da. Die Tiere verändern ihre Farben (die kleinen Laubfrösche im Pardeß, die grün waren, sind jetzt graugelb!) Ich fülile mich so wohl und gesund wie noch nie. 1 1. November 1920. L i e b sie Elt e r n! Gestern war das erste Gewitter: seit gestern übend, also schon seit 16 Stunden, schüttet es, aber wie! In paar Tagen wud alles grün und blumig sein. Unlängst war ich wieder hinter den Wildenten her und hatte Glück: in einer Viertelstunde acht Stück! Ich gab sie der Kwuzah, da sonst niemand das unkoschere \ iehzeug ißt. Aber nächstes Mal brate ich sie am Spieß. Bald kommen auch Wachteln und vielleicht Schnepfen, Wenn ich daran denke, so tun mir die koscheren Juden leid. Die jüngere Generation ist übrigens gar nicht so, aber sie fürchten Muttern (auch die Väter sind zumeist weniger orthodox), und draußen selbst die Vögel zu braten, macht viel Llmstände, aber nächstens gebe ich ihnen Unterricht. Von der englischen Lektüre —- Moore, Benso, Thurston — habe ich mich zu Ruppin|s) geflüchtet und finde die Statistik manchmal spannender als die Romane. Übrigens ist das Buch — Syrien als Wirtschaftsgebiet — ganz ausgezeichnet. Hier arbeitet das erste Jahr eine ländlichsittliche Ölpresse, sehr billig und gar nicht so schlecht. Ich bin den Oliven, die zu den wenigen Düvui gehörten, die mir widerstanden, auf den Geschmack gekommen und sie gehen dutzendweise herunter. ö. Dezember 1920. Die Verhältnisse im allgemeinen zu schildern, ist schwer; auf konkrete Fragen könnte ich leichter antworten. Zum bescheidenen, aber friedensmäßigen Leben braucht ein einzelner etwa 13 Pfund monatlich. So sind auch ungefähr die Gehälter der jüngeren Beamten. Der Maschinist in unserer Kolonie (für Orangcnbewässerung) hat freie Wohnung, Holz, Gcmüscland und 20 Pfund monatlich. Verdient nebenbei durch Reparaturen ein paar Pfund. Unser Buchhalter bekommt 15 Pfund. Ein Taglöhncr 7 Pfund. Unser Arzt hat Wohnung und 30 Pfund. Die Verhältnisse in den Städten sind Europa gegenüber sehr primitiv, was Wohnung, Möbel, Bequemlichkeiten betrifft, dafür aber das Essen sehr gut, alles zu haben. Gesellschaftliches Leben sehr demokratisch. Es wird für meinen Geschmack ein wenig zuviel Politik gelrieben, aber das flaut langsam ab. Entwicklungsaussichten für die Zukunft glänzend, momentan Geldkrise. (12", für kurzfristige Anlehen ist jelzl die Regel.) Das Klima ist wunderbar: ich habe erst unlängst, gelegentlich einer Entenjagd, lange im Meer gebadet. Tagsüber ist es für einen Rock /u warm. Eine Schwierigkeit ist die Sprachenfrage. Geborene Palästinenser, die weniger als vier Sprachen sprechen, gibt es wenige, so daß, was bei uns ein Vorteil, hier selbstverständliche \ oraussetzung ist. Und drei Sprachen, nämlich Englisch. 1 lebräisch, Arabisch, braucht man wirklich, obwohl mau vielfach ohne .Arabisch auskommen kann. Ein Veignügungsreisender freilich kommt mit Englisch allein oder mit I lebräisch allein und sogar mit paar Brocken hranzösisch oder Deutsch auch durch. .Aber für die meisten Stellen braucht man Sprachen. Es ist nichts Ungewöhnliches, unter Juden in einer Konversation fünf Sprachen zu hören. Aber fließend! Im übrigen ist durch die große Einwanderung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.