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Menorah · 1923-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 2-3
Article
Lettres of a Young Farmer from Palestine ; Briefe eines jungen Farmer aus Palästina
Date
1923-01-01
Page
Seite 10 (sequence 1)
Language
German
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10 MENORAH Lettres of a Young Farmer from Palestine / Briefe eines jungen Farmers aus Palästina U n I e r w c g s an Bor d. Liebste Litern! Alles ist schön und gut. Ein Faulen/erleben! Wenn es Luch in Wien nur auch so singe wie uns armen Zwischendecklern! Wir sind in guter Gefellschaft, waren nur 30 Personen im ganzen Waggon. Wetter wundervoll. T r i e s t. Wir sitzen auf einem Balkon mit der herrlichsten Aussicht auf blühende Baume, blaues Meer und sanftes Küslengebirge. Im Chaluzimheim. Es ist ganz rein hier, ganz, insektenfrei. Die Mitfahrenden sind wirklich über jedes Erwarten, einzelne ganz außerordentlich prächtige Menschen. J a f f a. Liebste Eltern! Gut angekommen, alles in schönster Ordnung. Ich sehe mich gleich nach Arbeit um, weide wahrscheinlich nach Chederah1) gehen. Habe mehrere Antrage, sogar als Molkereileiter und als Gutsvcrwalter, will aber zuerst als Arbeiter in eine Kolonie gehen. Chederah ist eine der vielversprechendsten Kolonien, und ich habe dort Aussichten für die Zukunft. Ich würde bei den B. J. im Hause wohnen und essen und außerdem I bis 2 Pfund monatlich bezahlt kriegen. Das ist natürlich sehr wenig, aber ich kann nur dort mehr bekommen, wo ich nicht gern hinginge. Die Reise nach Jerusalem war ungeheuer interessant: die verschiedenen Nationalitäten. Und erst Jerusalem! Wundervoll! Der neue Stadtteil, in dem wir wohnen, ein Juwel. In der allen Stadt findet man alle paar Schritte ein Detachement von Sikhs'-'). Überall Engländer in Mengen, in Sarona haben sie Jagdhunde und gehen auf die Schakaljagd. Hatte ein. interessantes Gespräch mit der Frau und der Tochter eines deutschen Kolonisten hier (der Mann ist im Konzentrationslager in Alexandrien!). Fleute waren wir vor Sonnenuntergang auf dem Ölhcrg, die Lerchen sangen über den he'dern. Vormittags gingen wir in die Omarmoschee auf dem Tempelplalz, das ist auch sehr schön. Überhaupt ist in Jerusalem alles schön, jeder Winkel malerisch, alle paar Schritte ein neuer Ausblick. Das Herrlichste bleibt aber der Ölberg mit dem Blick auf das Tote Meer und das Gebirge Mo ab. Morgen fahre ich nach Chederah und berichte dann wieder. C he der ah, 14. Mai 1920. Liebste Eltern! Kam gestern in Chederah an. Begab mich sofort /u ß. J. Halte den denkbar besten Eindruck von der Kolonie (voller Bäume) als auch von B. J. und seinem Bruder. Ich blieb über Nacht dorl, und es wurde beschlossen, mein Gepäck durch ein Kamel abholen zu lassen; ich sollte ein Betl und eine Matratze besorgen, nebenbei gesagt: der einzige Hinweis, daß ich engagiert sei. Ich sagte, ich brauchte kein eisernes Bett, aber B. J. meinte: „Doch. Wenn man irgendwo auf die Dauer bleiben will, braucht man ein gutes Bett." Das Essen ist ausgezeichnet, Milch, Butter, Eier in Überfluß. Die Leute sehr nett. Es wird nur Hebräisch gesprochen, und ich komme ganz gut vorwärts. Da mein Zug erst um 12 Uhr ging, bat ich ihn um eine Aibeit, aber er wollte nichts davon h^ren. Als ich darauf bestand, erwiderte er, wenn ich „dawke" eine wolle, könne ich sie haben, und trug mir auf, in einem kleinen Weinberg zu jäten. In zwei Stunden war ich bequem und gründlich damit fertig. 20. Mai 1920. Es geht mir so gut wie noch nie. Stehe um '/«S auf, frühstücke Milch und Butterbrot, fahre aufs Feld (nehme mir Eier und Butterbrot mit). Mittags bm ich wieder da, dann wieder aufs l'elcl, und um 6 oder \l>7 ist Schluß. Momentan wird Heu eingefahren, kein großer Unterschied in der Arbeit, nur daß der Pferdeknecht Achmed und der Auflader Ibrahim heißt und daß sie sich mit mir im Jargon oder auf Hebräisch — eigentlich ein Gemisch von beiden — verständigen. Ich arbeile gewaltig, bin scho an/, eingewöhnt und es macht mir viel Spaß. Heiß ist es noch gar nicht, höchstens um 8 Uhr früh, dann kommt der Seewind, und nachmittags, wenn es bei Euch am heißesten ist, steht die Sonne schon so tief, daß es direkt kühl ist. Die Nächte sind sehr kühl und angenehm. In ein paar Wochen werde ich so ,,fit" sein wie noch nie. Das Feld, von dem wir jetzt Heu führen, ist 70 Dunam groß. Neben dem Hause Wein- Meiiachem Ussischkin mamjier ol the /ionist Cmnissioii in Jenir-nlem one of tlie Ii.-iml ol" pioneers. to whoiii tlie revival ol" I lehrew;is;i spoken Inn^'nasc is (lue Leiter Alt ZiuniM Comniissioii in Jerusalem, einer der energischesten Vorkämpfer iler 1 lehraisieruns in Palästina garten, Aprikosen. Draußen Wein, Oliven, Eukalyptus, auf den Feldern Weizen, Kichereibsc, Kürbis, Melonen. Gemüse scheint nicht viel zu sein, aber sehr schöne Kartoffeläcker. Ein großer Hof, gute Ställe, gutes Gerät (zum Beispiel Scheibenpflug, Garbenbinder, Grasmäher). Zwei Paar Maultiere, ein Reitpferd (keines von den jüngsten); gestern bin ich aufs Feld geritten und hatte keine Peitsche mit, und ohne die ist es nicht in ein vernünftiges Tempo zu bringen. Zwei Esel, sechs Kühe, eine Menge Flühner, Landrasse, aber gute Leger. Am Abend bin ich nach der Arbeit nie länger als zwei Stunden auf, da lese ich ein bißchen und lerne Hebräisch. Die Arbeit ist fast dieselbe wie bei uns, B. J. arbeitet sehr modern, mit Erntemaschinen, schönen amerikanischen Wagen und Maultieren. Er ist ein Selfmademan von der besten Art, sehr unterrichtet, hat eine glänzende Übersicht und leidet nur darunter, daß er sehr klein angefangen hat und alles stückerlvveisc verbessern muß. Wir unterhalten uns fast nur über Landwirtschaft, und ich freue mich, von ihm immer nur grundgescheite und vernünftige Ansichten zu hören. Heule war ich mit der ganzen Familie auf der I enne spazieren, es war ein Vergnügen, die Kinder zu sehen. Auch ein Schakal ging frechcrweise ganz, langsam dort spazieren, überhaupt merkt man von Zeit zu Zeit, wie wild das Land eigentlich noch ist. Heute früh sitzen wir beim Frühstück, plötzlich springl der eine Bruder auf, greift nach dem Gewehr — und hat ihn schon! Ein großes marderartiges Vieh, das die FI endein frißt. Beim Haus, bei hellichtem Tag! Gestern war ich zu Besuch bei Kolonisten, deren Sohn in Amerika reich geworden ist und jetzt hier ist. Dem gefällt es so gut hier (seiner l'iau, einer Amerikanerin, ebenso), daß er hier bleibt, baut und sich als Kolonist niederläßt. Landwirtschaftlich ist hier sehr viel zu machen, und wenn die Engländer nur einen Biuchtcil von dem für (.las Land tun, was sie für Ägypten getan haben, so wird Palästina ein Paradies. 17. s ist keine „Wüste", Boden und Klima sind so gut, daß man sehr schön arbeiten kann. 22. Juni 1920. Liebste Eltern! War Samstag zu Pferd fast in Cäsarea"). ganz, ging's mit der Zeil leider nicht aus. Habe bei der Gelegenheit zweimal gebadet: im Meer und in einem kleinen See bei Chefzi-Bah. Die gröbste Erntearbeit ist jetzt vorüber, es wird nur von 6 bis 6 gearbeitet — mit zweistündiger Mittagspause — lächerlich wenig! Die Araber sind ein köstliches Gemisch von fabolhallem Fleiß und einer Faulheil, die man gesehen haben muß. An Obst gibt es jetzt Äpfel, Tomaten, Mandeln; auch die Wassermelonen sind reif und erreichen hier eine fabelhafte Größe. Die Schakale fressen hier gern Melonen, so daß man nachts auf die Jagd gehen muß. Meine Manclelveredlungen (Marillen auf bittere Mandeln) sind sämtlich gelungen; die Arbeit spüre ich nicht mehr, und sogar englische Belletristik habe ich gefunden. So ein Rückfall in die alten Laster! Aber ich lese auch hebräisch. Bitte, erzählt den Kindern, daß ich neulich ein Ei fand, das ich für ein verlorenes Vogelei hielt; ich machte es auf und fand eine ganz, kleine fertige Schildkröte darin. Ich habe einen Feldhasen gefangen, der ist so zahm, daß er uns wie ein Hund nachläuft — ich habe bis nun nie gehört, daß ein Feldhase so zahm wird. Meine Hauptarbeit sind jetzt die Mandeln: Pflügen, Eggen, Kalken, Veredeln usw. Mir geht es ausgezeichnet, ich bin so gesund und glücklich, körperlich und seelisch, wie seit Jahren nicht. I 1. Juli 1920. Liebste Eltern! Sir Herbert"'1) hat am 8. eine große Versammlung in Flaifa einberufen und seine Programmrede gehalten. B. J. war als Rosch Plawaad'') auch eingeladen (fuhr mit Extrazug) und hatte einen sehr guten Eindruck. Ich beginne langsam Arabisch radez.ubrcchen. Ich arbeite jetzt andauernd im Pardeß"). Es werden Melonen verladen usw. Es geht mir weiter sehr gut, habe an den B. J.s noch keine Schattenseiten entdeckt. Natürlich habe ich manchmal FIcimweh — nicht nach Wien, sondern nach Euch. Aber das habe ich in den letzten Jahren — im Feld, in der Gefangenschaft — so oft gehabt, daß ich kein besonderes Gewicht darauf lege. Wenn Ihr nicht herkommt, so mache ich nächstes Jahr eine Spritztour zu Euch. Mit der Arbeit und mit mir bin ich zufrieden. Von Hitze ist nichts zu spüren; ich habe sie in Wien (und erst während des Krieges!) oft und oft unangenehm empfunden. Liier noch nie oder genau — vielleicht zwei- oder dreimal. Im Arabischen mache ich Fortschritte. Ich

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